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Antikonvulsiva schädigen häufig den Fötus

24.09.2001  00:00 Uhr

Antikonvulsiva schädigen häufig den Fötus

von Wolfgang Kämmerer, Wiesbaden

Schwangere, die Antikonvulsiva einnehmen, können damit ihren Fötus schädigen. Das belegen auch die Daten einer kürzlich im New England Journal of Medicine veröffentlichten Kohortenstudie. Zu modernen Antikonvulsiva fehlen aber noch ausführliche klinische Studien.

Antikonvulsiva, die von schwangeren Frauen eingenommen werden, um Anfälle zu verhindern, zählen zu den Arzneistoffen, die am häufigsten zu fetalen Schäden führen. In den siebziger und achtziger Jahren erhielten Schwangere am häufigsten Phenobarbital, Phenytoin und Carbamazepin. Allesamt Substanzen, die bei Säuglingen mitunter schwere Missbildungen, Mikrozephalien, eine Wachstumsretardierung und auffällige kleinere Anomalien im Gesicht und an Finger verursachen. Allerdings könnten jedoch auch genetische Anomalien den Fötus schädigen, die für die Entstehung der Epilepsie der Mutter verantwortlich sind.

Wissenschaftler untersuchten diese Zusammenhänge jetzt erneut in einer Kohortenstudie (1) mit drei Gruppen von Säuglingen. Die Forscher unterschieden dabei zwischen folgenden Gruppen: Neugeborene, deren Mütter Antikonvulsiva während der Schwangerschaft einnahmen, Neugeborene deren Mütter Epilepsie hatten, aber keine Antikonvulsiva während der Schwangerschaft einnahmen und Neugeborene, deren Mütter keine Epilepsie hatten und keine Antikonvulsiva während der Schwangerschaft einnahmen (Kontrollgruppe).

Insgesamt wertete das Team die Daten von 128.049 Frauen bei der Geburt aus. Die Säuglinge wurden systematisch auf bedeutende Missbildungen, Zeichen von Hypoplasie des Gesichts und der Finger, sowie Mikrozephalien untersucht. Zudem bestimmte man ihre Körpergröße.

Deutlich mehr Säuglinge, deren Mütter ein einziges Antikonvulsivum erhalten hatten, litten unter einer Embryopathie als Neugeborene aus der Kontrollgruppe (20,6 versus 8,5 Prozent). Noch öfter waren die Kindern betroffen, deren Mütter zwei oder mehr Antikonvulsiva eingenommen hatten (28,0 versus 8,5 Prozent). Bei den 98 Säuglinge, deren Mütter in der Vergangenheit einen epileptischen Anfall erlitten hatten, aber kein Antikonvulsivum während der Schwangerschaft einnahmen, entwickelten sich nicht häufiger Anomalien als bei Säuglingen der Kontrollgruppe.

Nur wenige Säuglinge in dieser Studie erhielten Valproinsäure oder neuere Antiepileptika. Aussagen über schädigende Effekte dieser Substanzen sind daher nicht möglich. Von Valproinsäure ist jedoch bekannt, dass sie Missbildungen wie zum Beispiel Spina bifida hervorrufen kann.

Die amerikanische Food and Drug Administration stuft Medikamente in fünf Kategorien ein (siehe Tabelle). Die Klassifizierung von A bis X basiert auf den verfügbaren klinischen und präklinischen Informationen. Diese Kategorien können oft helfen, Risiken gegenüber den Vorteilen abzuwägen. Es gibt nur ein Arzneimittel, mit dem Krampfanfälle (Präeklampsie und Eklampsie) während der Schwangerschaft therapiert werden können und das in Kategorie A eingestuft wird: Magnesiumsulfat. Aber auch die Risiken und Komplikationen eines Therapieabbruchs sollte in die Überlegungen einbezogen werden. Eine Monotherapie mit nur einem Antiepileptikum ist dabei sicherer als eine Kombination. Wenn immer möglich, sollte ein Antiepileptikum der Kategorie C ausgewählt werden.

 

Tabelle: FDA-Kategorisierung für in der Schwangerschaft bedenkliche Arzneistoffe

Kategorie

Beschreibung

Antikonvulsiva (Beispiele)

A

Kontrollierte Studien am Menschen haben keine fetalen Risiken aufgezeigt; diese Medikamente sind am unbedenklichsten

 

B

Tierversuche haben kein Risiko für den Fetus aufgezeigt und kontrollierte Studien am Menschen fehlen; oder Tierversuche ergaben ein Risiko für den Fetus, gut kontrollierte Studien am Menschen jedoch nicht

 

C

Es sind keine ausreichenden Studien am Menschen oder an Tieren durchgeführt worden; oder ungünstige Auswirkungen auf den Fetus im Tierversuch sind nachgewiesen, aber Angaben aus Studien am Menschen fehlen

Carbamazepin, Ethosuximid, Felbamat, Gabapentin, Lamotrigin Lamictal Levetiracetam, Oxcarbazepin, Tiagabine, Topiramat

D

Hinweise zu einem Risiko für menschliche Feten liegen vor, jedoch können die Vorteile die Risiken in bestimmten Situationen überwiegen (zum Beispiel bei lebensbedrohlichen Zuständen oder schweren Erkrankungen, für sich weniger bedenkliche Medikamente nicht eignen)

Clonazepam, Diazepam, Fosphenytoin, Phenobarbital, Phenytoin, Primidon, Valproinsäure

X

Die erwiesenen fetalen Risiken überwiegen jeden möglichen Vorteil

 

 

Literatur

  1. Holmes, L. B. et al. N Engl J Med 344 (2001):1132-8.
  2. Datenbank: http://pharmacology.about.com (Stand: 26. September 2000)
  3. Drugs in Pregnancy: www.perinatology.com

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