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Das Bild vom Junkie ändert sich

18.09.2000
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-PharmazieGovi-Verlag

PHARMACON WESTERLAND

Das Bild vom Junkie ändert sich

von Daniel Rücker, Westerland

Die Zeiten, in denen Opiatabhängige ausschließlich Heroin konsumierten, sind passé. Heute nehmen rund zwei Drittel der Junkies mindestens fünf verschiedene Arten von Drogen. Elfriede Koller vom Berliner Senat für Jugend, Bildung und Sport, warnt davor, Drogenabhängige nach altbewährten Klischees zu betrachten.

So sei auch das Bild vom sozial isolierten obdachlosen Fixer falsch. Wie Koller feststellte, lebt nach neuen Untersuchungen die Hälfte aller Opiatabhängigen in festen Wohnverhältnissen, vier von 10 haben Kinder, 50 Prozent haben Kontakt zu ihren Familien, 30 Prozent pflegen sogar enge familiäre Beziehungen. Koller: "Die Zeiten von Christiane F. sind vorbei." Nur etwa 500 der 7000 Berliner Opiatabhängigen fallen in der Öffentlichkeit auf, entsprechen dem gängigen Klischee vom Junkie.

Die Heterogenität der Opiatabhängigen macht die Therapie extrem schwierig, denn die Bedürfnisse der Süchtigen weichen stark voneinander ab. So suchen Langzeitabhängige oft einen endgültigen Weg aus der Sucht. Während Menschen, die erst seit kurzem abhängig sind, eher auf eine Substitutionstherapie ansprechen.

Doch gerade die Substitutionstherapie mit Methadon ist in letzter Zeit in die Schlagzeilen gekommen. Ihr Nutzen wird heute von Experten allgemein anerkannt. Der Beikonsum von Opiaten und anderen Drogen wie Kokain und Amphetamine führte in der Vergangenheit jedoch zu zahlreichen Todesfällen. Nach Kollers Angaben nehmen von den 3000 Berliner Drogenabhängigen, die Methadon erhalten, bis zu 90 Prozent auch andere Drogen. Koller: "Wir haben ein großes Problem mit Methadon." Mischkonsum sei in vielen Fällen der Grund für tödliche Zwischenfälle.

Vielen Drogenabhängigen reicht die Substitution mit Methadon nicht aus, da die Ersatzdroge im Gegensatz zu Heroin keinen Kick auslöst. Sie flutet langsamer an. Doch gerade der Kick ist ein wesentlicher Grund für die Sucht. Eine Alternative für Schwerstabhängige sei deshalb die kontrollierte Abgabe von Heroin. Koller: "Die heroingestützte Behandlung wäre nur konsequent." Die Drogenexpertin begrüßt deshalb ein auf drei Jahre angelegtes Modellprojekt zur Abgabe von Heroin, das eine Evaluation Heroin versus Methadon vorsieht.

Sorgen bereitet Koller der steigende Drogenkonsum unter Jugendlichen, vor allem in den neuen Bundesländern. Dort stieg die Zahl der Konsumenten illegaler Drogen seit 1993 deutlich an. Während vor sieben Jahren nur rund 8 Prozent der Menschen unter 25 Jahren Erfahrungen mit Drogen hatten, waren es 1997 bereits 24 Prozent. Seitdem hat sich Situation nicht gebessert. Die Zahl der Drogentoten in Deutschland stieg bundesweit zwischen 1997 und 1999 um 20 Prozent auf mehr als 1800.

Koller forderte die Bundesregierung angesichts solcher Zahlen dazu auf, die Prävention zu verstärken: "Ziel von Drogenpolitik muss es sein, die Verbreitung und Verfügbarkeit einzudämmen." Die starke Fokussierung auf Schwerstabhängige habe in den vergangenen Jahren bewirkt, dass die Prävention vernachlässigt wurde. Top

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