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Fett macht fett

20.09.1999
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-PharmazieGovi-Verlag

PHARMACON WESTERLAND

Fett macht fett

Daniel Rücker, Westerland

"Es gibt keine ausschließliche Adipositastherapie. Es ist immer ein Bündel von Maßnahmen." Die Behandlung Übergewichtiger mit Antiadiposta hält Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz aus Frankfurt nur dann für sinnvoll, wenn sie in umfassendes Therapiekonzept eingebunden ist.

Dicke Menschen erleiden häufiger kardiovaskuläre Erkrankungen oder Diabetes mellitus; das hohe Körpergewicht belastet stark den Stützapparat und bestimmte Krebsarten werden ebenfalls begünstigt. Ab einem Körpermasse-Index (BMI, Body-Mass-Index) von 30 sollten Übergewichtige deshalb in jedem Fall behandelt werden. Bei Diabetikern und Hypertonikern liege die Grenze sogar bei 25, sagte Schubert-Zsilavecz.

Beginnen müsse eine Therapie grundsätzlich mit einer Ernährungsumstellung. Die meisten übergewichtigen Menschen essen zu viel Fett. Etwa die Hälfte der Energiemenge nehmen sie als Fett zu sich. Idealerweise sollte es nur ein Drittel sein. Der zweite Teil der Behandlung ist regelmäßiger Sport. "Der Grundumsatz hängt von der Muskelmasse ab. Training stärkt die Muskulatur und erhöht somit den Grundumsatz," sagte Schubert-Zsilavecz.

Erfolgreich sei eine Diät, wenn das Körpergewicht dauerhaft um mindestens 5 Prozent sinke. Dies reduziere das Morbiditätsrisiko bereits deutlich. Doch leider sind die Erfolgsaussichten einer Diät bescheiden. Kurzfristig sinkt zwar bei den meisten Menschen das Gewicht. Nach einiger Zeit kehren die verlorenen Pfunde allerdings wieder zurück.

Erst wenn die konventionelle Diät versagt hat, sollten Medikamente in die Therapie aufgenommen werden; Diät und Sport bleiben natürlich weiter auf dem Plan. Das Spektrum der zur Verfügung stehenden Arzneimittel ist allerdings beschränkt: Appetitzügler und Anorektika sind aufgrund der Nebenwirkungen obsolet. Was bleibt, sind die 1998 und 1999 zugelassenen Substanzen Orlistat (Xenical®) und Sibutramin (Reductil®).

Sibutramin, dass ursprünglich als Antdepressivum entwickelt wurde, wirkt zentral auf die Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin. Zusammen mit Dopamin regulieren diese Überträgerstoffe im Hypothalamus das Sättigungsgefühl. Sibutramin hemmt die Wiederaufnahme der beiden Transmitter und erhöht so deren Konzentration, wodurch das Hungergefühl abnimmt.

Außerdem steigere die Substanz die sympathoadrenerge Aktivität im braunen Fettgewebe, erläutert Schubert-Zsilavecz. Das suchtauslösende Potential der ebenfalls zentral wirksamen Amphetamine hat Sibutramin nicht. Abhängig machen nur Substanzen, die die Freisetzung der Neurotransmitter stimulieren.

Im Gegensatz zu Sibutramin wirkt Orlistat lokal im Darm. Es blockiert dort die Lipolyse, weil sein b-Lacatam-Ring mit dem fettspaltenden Enzym, der Lipase, einen Acylkomplex bildet. Der Acylkomplex löst sich allerdings nach einiger Zeit. Die Lipase ist dann wieder funktionsfähig.

Etwa 30 Prozent des Nahrungsfettes wird nach Einnahme von Orlistat unverdaut ausgeschieden. In Studien konnten die Probanden durch dreimal tägliche Einnahme von 120 mg Orlistat bei gleichzeitiger Reduktion der Nahrung um 200 kcal pro Tag ihr Gewicht innerhalb eines Jahres um 10 Prozent senken. Den häufig auftretenden Fettstuhl hält Schubert-Zsilavecz für "unangenehm aber medizinisch unbedenklich".

Der Hochschullehrer erwartet für die nächsten Jahre eine Reihe neuer Antiadiposita. Zahlreiche Pharmaunternehmen arbeiten derzeit an innovativen Therapiekonzepten. So sollen Leptinagonisten den Hunger bremsen. Der Sättigungsfaktor Leptin wird in den Adipozyten gebildet, bei vielen Dicken scheint eine Leptinresistenz vorzuliegen, ähnlich der Insulinresistenz bei Diabetikern. Mit Agonisten könnte die mangelnde Empfindlichkeit des Leptinrezeptors möglicherweise umgangen werden.

Ein weitere Substanz, mit der sich die Industrieforscher intensiv beschäftigen ist das Neuropeptid Y. "Das ist das Fresspeptid. Wenn es ausgeschüttet wird, gibt es kein Halten mehr," erklärte Schubert-Zsilavecz. Bislang ist aber noch keine Substanz in Sicht, die Neuropeptid Y blockiert.

Dasselbe gilt für selektive b3-Rezeptor-Agonisten. b3-Rezeptoren sitzen im Fettgewebe und stimulieren den Fettumsatz. Nach Substanz, die nur diesen b-Rezeptor-Subtyp blockiert, suchen die Wissenschaftler bislang vergebens. Top

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