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Psilocybinhaltige Pilze im Trend

18.08.2003
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Psilocybinhaltige Pilze im Trend

von Matthias Bastigkeit, Geschendorf

Seit Ende der 70er-Jahre werden in Europa „Zauberpilze” konsumiert. Frischpilze und Pilzkulturen sind in den benachbarten Niederlanden frei verkäuflich, weshalb psychoaktive Pilze als Rauschmittel auch in Deutschland zunehmend Anklang finden. Die psychischen Reaktionen der Biodrogen sind jedoch besorgniserregend.

In Mexiko werden die Pilze als "Heilige Pilze" verehrt und teonacatl genannt, was so viel wie "Fleisch der Götter" bedeutet. In spirituellen Sitzungen oder Orakelbefragungen werden damit Zeremonien gefeiert.

Albert Hoffmann, Erfinder des LSD, identifizierte und isolierte 1958 die psychoaktiven Inhaltsstoffe Psilocybin und Psilocin. Seit etwa 1962 wurde Psilocybin als Psychopharmakon in der Psychotherapie und Psychoanalyse eingesetzt. Unter dem Druck der Presse wurde die Substanz in den USA 1967 illegalisiert, Deutschland folgte 1971, wenn auch nicht so drastisch. In den Tropen können Reisende sich aber immer noch ein "Special Mushroom Omelett" bestellen.

Weltweit gibt es fast 150 Psilocybe-Arten, von denen etwa 80 halluzinogene Eigenschaften haben. Mitunter werden Speise- (oder Gift-) pilze verkauft, die mit Psilocybin oder LSD getränkt sind. Der bekannteste europäische psilocybinhaltige Pilz ist der Spitzkegelige Kahlkopf (Psilocybe semilanceata). Er kommt bei uns vor allem auf gedüngten Wiesen vor und lässt sich auch züchten. An Bruch- und Druckstellen verfärbt sich der Pilz durch Oxidation der Indolderivate blau.

Rauschzustand: LSD light

Etwa 20 bis 30 Minuten nach Konsum der Pilze kann ein inneres Wärmegefühl sowie eine Steigerung der sexuellen Lust empfunden werden. Das Bewusstsein wird scheinbar erweitert und die Wahrnehmung verändert. Befindet sich der Konsument in ruhiger Gemütslage, hört er Töne eindringlicher und nimmt Lichter intensiver war. Auch das Sehen von räumlichen Mustern und Traumerlebnissen ist möglich, wobei die Halluzinationen nach etwa einer Stunde einsetzen. Die Wirkung ähnelt der von LSD. Allerdings ist der Rausch mit maximal fünf Stunden kürzer (LSD zehn bis 15 Stunden) und weniger intensiv. Ebenso gilt die Gefahr eines Horrortrips als geringer. Des Weiteren kommt es zu:

  • optischen, akustischen und taktilen Halluzinationen
  • Glücksgefühl, Lachanfällen
  • alkoholrauschähnlichen Empfindungen
  • gesteigertem Geschlechtstrieb
  • Unruhe, Angst

 

Anwenderbericht »Der Pilz verleiht einem die Fähigkeit, vor- und rückwärts durch die Zeit zu reisen, in andere Ebenen des Seins einzudringen, ja sogar Gott zu erfahren. ...

Während der Körper bleischwer in der Dunkelheit liegt, scheint sich der Geist aufzuschwingen, seinen angestammten Ort zu verlassen und, begleitet vom Gesang des Schamanen, mit der Geschwindigkeit von Gedanken zu reisen, wohin es ihm beliebt, durch Raum und Zeit.

... Zumindest weiß man nun, was das Unnennbare ist und was Ekstase bedeutet. Ekstase!

Man wird auf den ursprünglichen Sinn dieses Wortes zurückgebracht: Für die Griechen bedeutete ekstasis die Flucht der Seele aus dem Körper. Ein treffenderes Wort für diesen Zustand wird man wohl kaum finden können!«

 

Die Inhaltsstoffe psilocybinhaltiger Pilze sind sowohl mit dem Neurotransmitter Serotonin als auch mit LSD chemisch verwandt. Serotonin spielt eine wichtige Rolle bei der Informationsübermittlung vom Thalamus zur Großhirnrinde sowie bei der Stimmungslage. Über die Imitation des körpereigenen Botenstoffes entkoppelt der Konsum psilocybinhaltiger Pilze körpereigene Schutzmechanismen im Gehirn: Der Filter, der den Geist vor Reizüberflutung schützt, wird durch Psilocybin ausgeschaltet. Alle Reize haben freien Zugang zum Thalamus und verwirren das limbische System. Der Vergleich der Sinnesinformationen mit dem Gedächtnis bleibt aus, und die Reize werden nicht mehr sinnvoll interpretiert, Umwelt und eigene Person verändert wahrgenommen. Je nach Grundstimmung kommt es zu angenehmen Rauscherfahrungen oder zu Horrortrips.

 

Dosis-Wirkungs-Beziehung des Psilocybins

Menge Auswirkung 4 mg leichtere Rauschzustände 5 bis 10 mg Halluzinationen bei geschlossenen Augen, antriebssteigernd ab 10 mg Halluzinationen bei offenen Augen ab 20 mg örtlich und zeitlich verzerrte Wahrnehmung, Gleichgewichts- und Orientierungsstörungen 60 bis 100 mg Höchstdosis, nur bei speziellen psychotherapeutischen Sitzungen angewandt 20 g vermutete letale Dosis beim Menschen

 

Bei einer Überdosierung treten Pupillenerweiterung, starker Speichelfluss, Übelkeit, Zittern und Steigerung der Körpertemperatur auf. Zudem sind tachykarde Rhythmusstörungen, Depressionen, Halluzinationen und Aggressivität möglich.

Kohle ausreichend hoch dosieren

Erbrechen herbeizuführen wird nicht mehr angeraten. Bei einer Vergiftung müssen in erster Linie die Vitalfunktionen aufrechterhalten werden und man sollte symptomorientiert handeln. Um das Gift zu binden, wird Kohle gegeben – in einer Dosierung von 1 g/kg Körpergewicht und am besten als Granulat (Ultracarbon®). Bei Krämpfen ist das Parasympathomimetikum Physostigmin (2 mg i.v.) Mittel der Wahl. Gegen die Angstzustände haben sich kurzwirksame Benzodiazepine wie Midazolam oder alternativ Sublingualtabletten mit Lorazepam (Tavor Expidet®) bewährt.

 

Literatur

  1. Aghajanian, G.K., Marek, G.J., Serotonin and hallucinogens. Neuropsychopharmacol 21 (1999) 16 - 23
  2. Bastigkeit, M., Rauschdrogen – Drogenrausch, Stumpf & Kossendey, Edewecht, 2003
  3. Beck, O., Helander, A., Karlson-Stiber, C., Stephansson, N., Presence of phenylethylamine in hallucinogenic Psilocybe mushroom: possible role in adverse reactions. 1999
  4. Borowiak, K.S., Ciecanowski, K., Waloszczyk, P., Psilocybin mushroom (Psilocybe semilanceata) intoxication with myocardial infarction. J Toxicol Clin Toxicol 36 (1998) 47 - 49
  5. Bresinsky, B., Giftpilze, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart 1998
  6. Rätsch, C., Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau: AT Verlag 1999; 118
  7. Schmidbauer, W., vom Scheidt, J., Handbuch der Rauschdrogen, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt, 1999
  8. Spengos, K., Schwartz, A., Hennerici, M., Multifocal cerebral demyelination after magic mushroom abuse. J Neurol 247 (2000) 224 - 225
  9. Stafford, P., Psilocybin und andere Pilze, Raymond Martin Verlag
  10. Supprian, T., Frey, U., Rösler, M., Wanke, K., Über den Gebrauch psychoaktiver Pilze als Rauschmittel, Fortschr Neurol Psychiatr 2001; 597 - 602, DOI: 10.1055/s-2001-19180

 

Anschrift des Verfassers:
Matthias Bastigkeit
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