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Bisphosphonate helfen im Kampf gegen Knochenmetastasen

05.08.2002
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Tumortherapie

Bisphosphonate helfen im Kampf gegen Knochenmetastasen

von Ulrich Brunner, Eschborn

Im Endstadium leiden viele Tumorpatienten unter starken Schmerzen, weil sich im Knochengewebe Metastasen bilden. Bisphosphonate können das zerstörerische Werk der bösartigen Zellen bremsen.

Das Thema Knochenmetastasen gewinnt in der Tumortherapie immer mehr an Bedeutung. Dank verbesserter Behandlungsschemata überleben die Patienten inzwischen länger. Dadurch erleben sie den schmerzhaften und zerstörerischen Angriff entarteter Zellen auf das Knochengewebe. Ob und wann Krebszellen das Skelett befallen, hängt unter anderem von der Tumorart ab. Knochenmetastasen bilden sich vor allem bei Brustkrebs, Prostatakarzinom und dem Multiplen Myelom. Mehr als 85 Prozent aller Männer mit Prostatakarzinom hätten zum Zeitpunkt ihres Todes Knochenmetastasen, erklärte Professor Dr. Thomas Wiegel vom Universitätsklinikum Benjamin Franklin in Berlin bei einer Novartis-Presseveranstaltung am 31. Juli in Eltville. Im fortgeschrittenen Stadium seien Dreiviertel aller Brustkrebspatientinnen betroffen.

Der Angriff der Krebszellen auf das Knochengewebe verläuft anfangs meist unauffällig. Doch spätestens, wenn die Struktur des Gewebes nachhaltig zerstört ist, drohen Frakturen und die Patienten leiden unter stärksten Schmerzen. Wird die Wirbelsäule geschädigt, droht eine Querschnittslähmung. Um die Lebensqualität der Tumorpatienten in ihren letzten Lebensmonaten zu verbessern, sei eine adäquate und vor allem rechtzeitige Therapie unabdingbar, forderte Wiegel.

Der Experte unterschied verschiedene Typen von Metastasen. Bei osteolytischen Formen kurbeln Tumorzellen über Mediatoren die Funktion von Osteoklasten an und Knochengewebe wird abgebaut. Bei osteoblastischen Metastasen geschieht genau das Umgekehrte: Die bösartigen Zellen fördern über Cytokine und Wachstumsfaktoren die Stimulation der knochenaufbauenden Osteoblasten. Es gibt aber auch Mischformen beider Typen.

Radiotherapie steht an erster Stelle

Wichtigster Therapieansatz bei akuten Knochenmetastasen ist die lokale Bestrahlung. Nach zehn Behandlungen über zwei Wochen litten 60 bis 80 Prozent der Tumorpatienten deutlich weniger unter Schmerzen, berichtete Wiegel. Bei osteolytischen Metastasen spricht die Radiotherapie allerdings erst nach zwei bis drei Monaten an. Die Patienten müssten daher of zusätzlich medikamentös und operativ versorgt werden.

Einen besonderen Stellenwert haben Knochenläsionen beim Multiplen Myelom. Durch die monoklonale Proliferation von Blutzellen bilden sich so genannte osteolytische Knoten, die sich regelrecht durch das Skelett fressen. Der Knochenabbau zählt zu den häufigsten Beschwerden bei der hämatologischen Erkrankung. „15 Prozent der Betroffenen haben bereits Frakturen zum Zeitpunkt der Erstdiagnose“, sagte Privatdozent Dr. Hartmut Goldschmidt, Hämatologe an der Universität Heidelberg. Die Inzidenz für Osteolysen und Osteoporose bezifferte der Experte auf 95 bis 100 Prozent.

Die intravenöse Gabe von Bisphosphonaten gilt bei der tumorinduzierten Hypercalcämie als Therapie der Wahl. Clodronat, Pamidronat und Zoledronsäure hemmen am effektivsten den Knochenabbau durch Osteoklasten. Ende Juli erweiterten die europäischen Arzneimittelbehörden die Zulassung für Zoledronsäure (Zometa®). Das Bisphosphonat darf nun auch zur Prävention skelettbezogener Komplikationen bei Patienten mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen eingesetzt werden.

Die Indikationserweiterung geht unter anderem auf eine Phase-III-Studie mit knapp 1700 Patienten zurück, berichtete Goldschmidt. Die Probanden litten entweder unter einem fortgeschrittenen Multiplen Myelom oder einem Mammakarzinom mit mindestens einer Osteolyse. Eine Gruppe erhielt über zwölf Monate alle drei bis vier Wochen über 15 Minuten eine Infusion mit 4 mg Zoledronsäure oder Placebo. Die andere Gruppe behandelten die Mediziner ebenfalls alle drei bis vier Wochen intravenös über 90 Minuten mit 90 mg Pamidronat oder einem Scheinmedikament. Als primären Endpunkt registrierten die Wissenschaftler, inwieweit durch die Bisphosphonate Skelettkomplikationen vermieden werden konnten. Sowohl bei den Frauen mit Brustkrebs als auch bei Patienten mit Multiplem Myelom schnitten beide Substanzen gleich gut und deutlich besser als Placebo ab. Sie reduzierten die Rate der Skelettkomplikationen insgesamt um circa 45 Prozent. Auch das Nebenwirkungsprofil beider Wirkstoffe war vergleichbar. Im Vordergrund standen Muskelschmerzen, Fieber, Abgeschlagenheit sowie eine Belastung der Nieren.

Als Pluspunkt für Zoledronsäure wertete Professor Dr. Ingo Diel, niedergelassener Onkologe aus Mannheim, die kürzere Infusionsdauer von Zoledronsäure. Zudem könne das Medikament im Sitzen verabreicht werden.

Nach Meinung Diels sollten Brustkrebspatientinnen Bisphosphonate so früh wie möglich erhalten. Nur so ließe sich rechtzeitig verhindern, dass „Tumorzellen Osteoklasten als Sklaven für die Knochenzerstörung missbrauchen“. Top

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