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Nahrung als Therapie

05.07.1999
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-PharmazieGovi-Verlag

Nahrung als Therapie

von Elke Wolf, Frankfurt am Main

Die Vorteile liegen auf seiten der enteralen Ernährung. Verglichen mit der parenteralen Nahrungszufuhr ist sie die physiologischere. Sie ist weniger invasiv, weniger Infektions-behaftet und zudem kostengünstiger. Ihr Preis beläuft sich auf etwa ein Fünftel bis ein Achtel der Kosten für die parenterale Ernährung. Weiterer Pluspunkt: Patienten können frühzeitig aus dem Krankenhaus entlassen werden und nach einer Schulung die Ernährungstherapie mit mobilen Ernährungspumpen-Systeme zu Hause fortsetzen.

Noch vor zwanzig Jahren wurden kritisch Kranke prinzipiell parenteral ernährt. Heute ist bekannt, daß der Darm dadurch atrophiert. "Er verkümmert regelrecht und wird löchrig", erklärte Professor Dr. Wolfgang Caspary, Universitätsklinik Frankfurt am Main, auf einer Pressekonferenz von Fresenius Kabi. Die tight junctions im Darmepithel lockerten sich, und damit sei die Eintrittspforte für Bakterien aus dem Darmlumen in die Peripherie geöffnet. Dagegen erhalte die enterale Ernährung mit Darmbrennstoffen wie Glutamin oder kurzkettigen Fettsäuren die Darmfunktion aufrecht. Atrophie und Infektionen würden aktiv verhindert, so Caspary.

Die enterale Ernährung dient nicht nur der Aufnahme von Nährstoffen, sondern sie hat auch therapeutische Effekte. "Ein gut und richtig ernährter Patient überwindet seine Krankheit besser und schneller als ein schlecht ernährter", sagte Caspary. Das habe sich besonders bei Krebspatienten gezeigt. Bereits kurz nach der Operation eingesetzt, reduziere die enterale Ernährung außerdem septische Komplikationen.

Zuweilen wird heute die enterale Mahlzeit wie ein Arzneimittel eingesetzt. Bei Patienten mit einem akuten Schub eines Morbus Crohn bessern sich die Symptome allein unter einer enteralen Ernährungstherapie annähernd so gut wie durch eine Corticoid-Behandlung. Und auch bei einer akuten Pankreatitis scheint der enterale Ernährungsweg erstaunlicherweise zur Gesundung beizutragen. Das ergab zumindest nach den Ausführungen Casparys eine kürzlich veröffentlichte Studie. "Diese Publikation stellt alle bisherigen Überlegungen auf den Kopf, gilt doch bisher die Nahrungskarenz als wichtigstes Therapieprinzip der akuten Bauchspeicheldürsenentzündung", informierte Caspary.

Caspary forderte mehr klinische Studien zur Ernährungstherapie. Man behandle heute meist aus Plausibilitätsgründen und nicht aufgrund klinisch gesicherter Erkenntnisse. Neue Daten erhofft sich der Referent auch zu der sogenannten Immunernährungsdiät.

Bestimmte Nährstoffe haben mehr als nur nutritive Effekte auf den Organismus. Ernährungsphysiologen sprechen von Nutraceutics, also Nährstoffen mit pharmakologischen Eigenschaften, erklärte Professor Dr. Peter Stehle, Universität Bonn. Arginin, Glutamin, w-3-Fettsäuren, Wachstumsfaktoren wie Wachstumshormon oder Insulin-like growth factor, Ornithin, Nukleotide oder kurzkettige Fettsäuren scheinen die Immunantwort zu unterstützen, die Darmfunktion zu verbessern und durch Modulation der Cytokin-Antwort den Heilungsverlauf positiv zu beeinflussen. Manche Formuladiäten sind mit Nutraceutics angereichert und können im Vergleich zur Standardkost die physische Verfassung des Patienten verbessern, informierte Stehle. Stehle schätzt, daß in Zukunft auch Betacaroten, Rotweinextrakte oder etwa Lycopin der enteralen Ernährung zugesetzt werden.

Der erste Flug zum Mond war die Geburtsstunde bilanzierter enteraler Ernährung. Weniger aus therapeutischen Gesichtspunkten, sondern um Platz und Gewicht zu sparen, wurde in den 60er Jahren von der NASA die Astronautenkost entwickelt. Die Besatzungsmannschaft der ersten Weltraumkapsel sollte sich von isolierten reinen Nährstoffen ernähren. Als Nebeneffekt würde auch die Entsorgung bei dieser ballaststofffreien Ernährung weniger Platzprobleme bereiten, da mit geringeren Stuhlmengen zu rechnen war. Die ersten bilanzierten Gemische reiner Nährstoffe waren geschmacklich enttäuschend, und durch ihren hohen osmotischen Druck verursachten sie starke Durchfälle. Erst 1979, also vor zwanzig Jahren, stand mit Fresubin® zum ersten Mal eine flüssige und sterile Sondennahrung zur Verfügung, die geschmacklich akzeptabel war. Top

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