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In der Diabetestherapie tut sich was

04.06.2001
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PHARMACON MERAN

In der Diabetestherapie tut sich was

PZ  Nach einer langen Zeit des Stillstands ist in den letzten Jahren wieder Schwung in die Pharmakotherapie des Diabetes gekommen. Für Insulin-pflichtige Patienten stehen seit kurzem zwei neue kurzwirksame sowie ein stark verzögertes Insulin zur Verfügung. Die peroralen Antidiabetika wurden mit den Glitazonen und Gliniden um zwei neue Stoffklassen erweitert. Die Neulinge bewertete Professor Dr. Hermann P. T. Ammon von der Universität Tübingen.

Während Insulin Glargin (Lantus®) auf Grund der Modifikation in der Aminosäurensequenz über circa 24 Stunden für gleichmäßige Plasmakonzentrationen sorgt, führten entsprechende Änderungen in den Seitenketten bei Insulin Lispro (Humalog®) und Insulin Aspart (NovoRapid®) zum gegenteiligen Effekt. Dadurch können beide Insuline wahrscheinlich im subkutanen Fettgewebe keine Hexamer mehr bilden und gelangen deutlich schneller in den Blutkreislauf, erläuterte Ammon. Er bewertete besonders die kurz wirksamen Kandidaten als Fortschritt, weil Diabetiker nun flexibler das Hormon sogar parallel zum Essen spritzen können. In klinischen Studien konnte das Risiko für die gefährlichen Spätfolgen wie Retino-, Nephro- und Neuropathie dank intensivierter Insulintherapie im Schnitt um 60 Prozent gesenkt werden. Lediglich für den Einfluss auf das Arterioskleroserisiko gebe es noch keine guten Daten.

Zurückhaltend äußerte sich Ammon zu den extrapankreatischen Effekten, die man dem neuen Sulfonylharnstoff Glimepirid (Amaryl®) zuschreibt. Im Vergleich zu Glibenclamid senkt der Neuling vergleichbar effektiv den HbA1C-Wert. Im Tierversuch an Hunden beobachteten Wissenschaftler bei Glimepirid dabei eine wesentlich geringere Insulinsekretion. Sie schlossen darauf, dass der Wirkstoff auch außerhalb der Bauchspeicheldrüse über eine Verminderung der Insulinresistenz eine blutzuckersenkende Wirkung entfaltet. Dieser Effekt müsse aber zunächst in Vergleichsstudien mit den anderen Sulfonylharnstoffen untersucht werden, sagte Ammon. Als Vorteil bewertete er jedoch die Tatsache, dass die neue Substanz nur noch einmal täglich eingenommen werden muss.

Mit Nateglinid (Starlix®) wurde nach Repaglinid (NovoNorm®) kürzlich ein zweiter Vertreter der Glinide eingeführt. Die Substanzen steigern ähnlich wie die Sulfonylharnstoffe die Insulinsekretion, indem sie den Kaliumausstrom aus den b-Zellen bremsen. Im Gegensatz zu den Sulfonylharnstoffen tritt der blutzuckersenkende Effekt wesentlich schneller ein, hält dafür aber kürzer an. Zudem erlitten die Patienten unter den Gliniden seltener an einer Hypoglykämie. Da die Substanzen so rasch wirken, können sie mit den Mahlzeiten eingenommen werden. Das erfordere jedoch von den Patienten ein hohes Maß an Disziplin, warnte Ammon.

Über einen völlig neuen Wirkmechanismus verfügen die so genannten Insulinsensitizer oder Thiazolidindione Pioglitazon (Actos®) und Rosiglitazon (Avandia®). Sie erhöhen sowohl in Muskel-, Fett- als auch Leberzellen die Insulinempfindlichkeit. Der genaue Wirkmechanismus ist noch nicht aufgeklärt. Wahrscheinlich greifen die Glitazone in die Signaltransduktion zwischen Insulinrezeptor und Zellkern ein und stimulieren so den insulinabhängigen Transport von Zucker in die Zellen. Dabei aktivieren die Substanzen den Peroxisomen Proliferator-aktivierten Rezeptor (PPAR). Neuere Studiendaten deuteten zudem darauf, dass die Glitazone eventuell auch die Regeneration der b-Zellen begünstigen, erklärte der Referent. Auch der Einfluss der beiden Wirkstoffe auf den Fettstoffwechsel ist noch nicht umfassend aufgeklärt. Während unter Rosiglitazon sowohl die HDL- als auch LDL-Spiegel im Plasma steigen, scheint Pioglitazon nur einen geringen Einfluss auf LDL zu haben.

Nach Meinung von Ammon ist es sinnvoll, die Glitazone mit Metformin oder den Sulfonylharnstoffen zu kombinieren, da beide Substanzgruppen ihre Wirkung auf unterschiedliche Weise entfalten. Die HBA1C-Werte könnten mit der Kombination noch besser gesenkt werden.

Vor kurzem entdeckten Forscher einen Faktor, der eventuell für die Insulinresistenz mit verantwortlich ist. Resistin, das vor allem im Fettgewebe vorkommt, senkte in vitro die Wirkung von Insulin und führte bei Versuchstieren zu einer Insulinresistenz, berichtete Ammon. Inzwischen hätten die Wissenschaftler einen Antikörper entwickelt, der die Wirkung von Resistin blockiert. Dieser vielversprechende Wirkansatz wurde an Menschen jedoch noch nicht untersucht. Top

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