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Iod statt Antibiotika bei Wundbehandlung

26.05.1997
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  Govi-Verlag

Iod statt Antibiotika bei Wundbehandlung
DAV-Wirtschaftsforum

  Die gefährlichste und häufigste Komplikation beim Abheilen von Wunden ist die Infektion. Die Versorgung kleiner und mittelgroßer Verletzungen ist ein klassisches Gebiet der Selbstmedikation. Deshalb ist hier vor allem die Kompetenz des Apothekers gefragt.

Schon vor 4000 Jahren haben die Ägypter Verletzungen mit Essig oder Wein desinfiziert. Diese Behandlungsmethode war sicherlich wesentlich effektiver als die Therapieempfehlung von Plinius, der dazu riet, Schweine- oder Ziegendung auf die Verletzung aufzutragen. Trotz der langen Erfahrung ist Infektionsprophylaxe aber noch nicht banal, sondern "eine große Herausforderung für die Heilkundigen", wie die Medizinerin Dr. Karen Reimer, Mundipharma, Limburg, auf dem DAV-Wirtschaftsforum am 26. April in Baden-Baden erläuterte.

Jede Verletzung gehe mit einer Entzündungsreaktion einher, da nekrotisches Gewebe abgebaut werden müsse, führte die Medizinerin aus. Ob es auch zu einer Infektion komme, hänge von der Zahl pathogener Keime ab, die die verletzte Hautpartie kontaminieren. Chronische Krankheiten und Drogenmißbrauch erhöhen die Gefahr einer Infektion. Ebenso spielt das Alter eine Rolle. Bei Brandverletzungen, so Reimer, müsse grundsätzlich mit einer Infektion gerechnet werden, da im verbrannten Gewebe die Immunantwort fast vollständig ausbleibe.

Die Infektionserreger können exogener und endogener Herkunft sein. So kommen Staphylokokken natürlich auf Haut und Schleimhäuten vor, ohne Schaden anzurichten. Wenn diese Bakterien jedoch in eine Wunde eindringen, können sie eine Infektion auslösen. Die klassischen Symptome einer Infektion sind laut Reimer Rötung, Schwellung, Erwärmung und Schmerz.

Am größten ist das Infektionsrisiko unmittelbar nach Eintritt der Verletzung. Deshalb sollte möglichst schnell mit einer Infektionsprophylaxe begonnen werden, riet Reimer. Nach einer gründlichen Reinigung sollte die Wunde mit einem antiseptischen Präparat behandelt werden. Als Mittel der Wahl bezeichnete die Medizinerin Iodpräparate, da diese im Gegensatz zu Antibiotika keine Resistenzen verursachen. Iod oxidiert Aminosäuren und zerstört so Enzyme und andere Proteine. Sein Wirkspektrum ist größer als das von Antibiotika und umfaßt Pilze, Viren, Bakterien sowie Protozoen. Iod wird seit etwa 100 Jahren in der Infektionsprophylaxe eingesetzt. Iodresistenzen sind nach Reimers Informationen nicht bekannt. Auch die Gefahr einer allergischen Reaktion sei im Vergleich zu Antibiotika gering.

Reimers favorisiert das Halogen in Form von PVP(Polyvenylpyrrolidon)-Iod. In dieser galenischen Zubereitung ist Iod über Wasserstoffbrücken kovalent an PVP gebunden. In wäßriger Lösung liege immer 1 Promille des Iods frei vor. Dieses Gleichgewicht bewirke eine sukzessive Freisetzung des Iods aus dem PVP-Komplex, wenn das nicht gebundene verbraucht wird.

Die von Patienten zuweilen geäußerte Befürchtung, Iodpräparate könnten die Schilddrüse schädigen, sei unbegründet, führte Reimer weiter aus. Zwar reichere sich das Halogen in dem Organ an, eine gesunde Schilddrüse verkrafte jedoch 10.000fach erhöhte Iodwerte, ohne Schaden zu nehmen. Schilddrüsenkranke mit relativ großen Wunden sollten allerdings mit ihrem Arzt sprechen.

Der Arzt sollte auch grundsätzlich eingeschaltet werden, wenn die zu versorgende Wunde sehr groß sei oder nur sehr langsam abheile. Weiterhin forderte Reimer die Apotheker auf, ihre Kunden bei tiefen Wunden nach ihrem Impfschutz gegen Tetanus zu befragen und bei Tierbissen in gefährdeten Gebieten eine Tollwutimpfung anzuraten.

PZ-Artikel von Daniel Rücker, Baden-Baden
   

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