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Ein Adaptogen aus Sibirien

23.05.2005  00:00 Uhr
Rosenwurz

Ein Adaptogen aus Sibirien

von Gerhard Gensthaler, München

Der griechische Arzt Dioskurides beschrieb im Jahr 77 n. Chr. als erster die medizinische Anwendung von »rodia riza«. Heute werden der Pflanze adaptogene Wirkungen nachgesagt. Sie soll die Anpassungsfähigkeit des Organismus an Belastungen verbessern und die natürliche Widerstandsfähigkeit erhöhen.

Der schwedische Botaniker Carl von Linné gab der bereits im 18. und 19. Jahrhundert bekannten und medizinisch eingesetzten Pflanze wegen des rosenartigen Geruchs eines frisch angeschnittenen Wurzelstockes den Namen Rhodiola rosea. Die Pflanze, die im deutschsprachigen Raum unter »Rosenwurz« bekannt ist, gehört zur Familie der Dickblattgewächse (Crassulaceae). Die widerstandsfähige Hochgebirgspflanze wächst auf kargen Böden und ist in arktischen Regionen sowie auch in Gebirgsregionen Europas und Asiens bis in eine Höhe von 4500 Meter zu finden. Sie wird zwischen 5 und 25 cm hoch und hat einen knollenartigen Wurzelstock (Rhizom). Die Stiele tragen blaugrüne, fleischige Blätter. Die Blattreihe unter dem Blütenstand ist ganzrandig oder leicht gezähnt.

Die Pflanze ist meist eingeschlechtlich. Die männlichen Blüten unterscheiden sich mit ihrer typisch gelbgrün bis leuchtend gelben und häufig rötlichen Farbe von den wesentlich kleineren und teilweise verkümmerten weiblichen Blüten mit gelblichgrüner Farbe. Die anfangs grünen und später purpurroten Balgfrüchte werden zur Reifezeit braunrot. In ihrer kurzen Vegetationsperiode zwischen Mai und September erkennt man Rhodiola leicht an ihrem an Rosen erinnernden Duft.

In Russland erforscht

Über viele Jahrhunderte hinweg wurde die Pflanze, die bereits die Wikinger zur Stärkung ihrer Kräfte und Ausdauer einsetzten, in der traditionellen Volksmedizin Russlands und der skandinavischen Länder verwendet, um die körperliche Ausdauer zu erhöhen, die Arbeitsleistung zu steigern, langes Leben zu erreichen und um Müdigkeit und nervöse Störungen zu bekämpfen.

Da die meisten ab 1960 veröffentlichten pharmakologischen, phytochemischen und klinischen Untersuchungen entweder in slawischen oder skandinavischen Sprachen veröffentlicht wurden, blieben die Ergebnisse im mitteleuropäischen Raum weitgehend unbekannt. Seit 1969 war Rhodiola rosea fester Bestandteil in der offiziellen Medizin der Sowjetunion. In Schweden wurde Rhodiola rosea 1985 als pflanzliches Medizinprodukt eingeführt und im Phytomedizinischen Handbuch für Pharmazeuten als Mittel gegen Müdigkeit und Abgeschlagenheit beschrieben.

Bis heute sind sechs Gruppen von Inhaltsstoffen bekannt: Phenylpropanoide, Phenylethanoide, Flavonoide, Monoterpene, Triterpene und phenolische Säuren. In den Jahren um 1970 wurde Salidrosid (aus der Gruppe der Phenylethanoide) als Hauptwirkstoff angesehen. Die russische Arzneibuch-Kommission verlangte einen Gehalt von mindestens 0,8 Prozent Salidrosid für alle Tinkturen und Extrakte von Rhodiola rosea.

1986 zeigten Dubichev und Kollegen, dass sowohl Rhodiola rosea als auch andere wirksame Rhodiola-Arten drei Zimtalkoholderivate (aus der Gruppe der Phenylpropanoide) - Rosavin, Rosin und Rosarin, zusammengefasst unter dem Begriff Rosavine - enthalten. Somit stellte Salidrosid allein keinen ausreichenden Parameter zur Standardisierung dar. Entsprechend der überarbeiteten Sowjetischen Pharmakopoe von 1989 werden die Extrakte sowohl auf einen Gehalt an Salidrosid von 0,8 bis 1 Prozent als auch an Rosavinen von mindestens 3 Prozent standardisiert. Dies ist insofern wichtig, da immer wieder Fälschungen auf den Markt kommen, die nur so identifiziert werden können. Produkte aus der echten Rhodiola rosea enthalten stets Rosavine und Salidrosid im Verhältnis 3 zu 1.

Erhöht die Widerstandsfähigkeit

Der genaue Wirkmechanismus ist noch nicht geklärt, zumal die Vielzahl unterschiedlicher Inhaltsstoffe verschiedene Systeme im Körper beeinflussen kann. Die Studien, die in den letzten Jahren publiziert wurden, beschäftigen sich hauptsächlich mit dem Einfluss von Rhodiola rosea auf die geistige Leistungsfähigkeit und die Steigerung des Gedächtnisses.

Da Stress die Konzentrationsfähigkeit und das Gedächtnis beeinträchtigt, mindert er die geistige Leistungsfähigkeit. Hier kommen wahrscheinlich die adaptogenen Wirkungen von Rhodiola rosea positiv zum Einsatz. Darunter versteht man Effekte, welche die Anpassungsfähigkeit des Organismus an außergewöhnliche Belastungen verbessern und die natürliche Widerstandsfähigkeit erhöhen. In mehreren randomisierten Doppelblindstudien von verschiedenen russischen Instituten wurde diese Wirkung seit dem Jahre 2000 bestätigt. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine offene, nicht placebokontrollierte Pilotstudie des Gerontologen Professor Dr. Ulrich Schmidt von der Arbeitsgemeinschaft für Arzneimittelsicherheit in Köln (Kasten). Rhodiola-Extrakte sind derzeit in Deutschland als Nahrungsergänzungsmittel im Handel.

 

Rosenwurz: Fördert Konzentration und KoordinationsvermögenPZ  An einer offenen Pilotstudie nahmen 24 gesunde Probanden im Alter von 50 bis 70 Jahren teil. Sie erhielten acht Wochen lang täglich eine Kapsel Rhodiola-rosea-Extrakt (Lentaya®) und wurden zu Beginn, nach vier Wochen und am Ende der Untersuchung einer Anzahl von verschiedenen Reaktionstests unterzogen. Zusätzlich wurde die Schlaf- und Lebensqualität anhand eines Selbstbeurteilungsbogens ermittelt.

Insgesamt konnte durch die tägliche Gabe des Rhodiola-rosea-Extrakts das kognitive Leistungspotenzial der Testpersonen gesteigert werden. Dies zeigte sich in einer Verbesserung der Reaktionsgüte, Konzentration, Schnelligkeit und Koordination innerhalb komplexer Testsituationen. Die Ergebnisse im Einzelnen: Im Determinationstest, in dem die Testperson auf optische und akustische Reize reagieren muss, reduzierte sich die Reaktionszeit nach acht Wochen um 8,7 Prozent. Beim Aufmerksamkeitstest konnten die Probanden in kürzerer Zeit (16,8 Prozent schneller) identische Figuren erkennen und einander zuordnen. Beim »Zweihand-Koordinations-Test«, der Geschwindigkeit und Genauigkeit in der Koordination von Bewegungen ermittelt, verringerte sich die mittlere Gesamtdauer um 32,4 Prozent und die Fehlerquote um 59,3 Prozent.

Zudem empfanden die Testpersonen eine Verbesserung der Schlafqualität (26, 4 Prozent); sie fühlten sich insgesamt wohler und leistungsbereiter. Auch das allgemeine Wohlempfinden und die Lebensfreude wurden von den Testpersonen subjektiv als gebessert bewertet.

 

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