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Medikamente können Muskeln schwächen

17.05.2004
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Myopathien

Medikamente können Muskeln schwächen

von Matthias Bastigkeit, Geschendorf

Kaum ein anderes Organ kann von so vielen Krankheiten befallen werden wie die Muskulatur. Man unterscheidet heute etwa 650 verschiedene Formen neuromuskulärer Erkrankungen. Auch Arzneimittel können Auslöser sein.

Die Ursachen für eine Myopathie sind vielfältig. So können Autoimmunerkrankungen, Infektionen oder auch ein kleinzelliges Bronchialkarzinom zu Grunde liegen. Endokrine Erkrankungen wie Schilddrüsenentgleisungen, Hyperaldosteronismus, Hypo- und Hyperparathryreoidismus, Akromegalie und HyperKortizismus können ebenfalls Muskelerkrankungen auslösen.

Nicht selten wird eine Schwächung der Muskulatur aber auch durch Arzneimittel induziert. Besonders häufig betroffen ist die proximale Muskulatur des Schulter- oder Beckengürtels. Im Anfangsstadium werden die Symptome meist bagatellisiert und als harmlose Befindlichkeitsstörungen eingestuft. Insofern kann die Apotheke erste Anlaufstelle sein. Klagt ein Kunde darüber, dass Tätigkeiten wie Treppensteigen oder bereits das Heben leichter Gegenstände nach der Einnahme eines „neuen“ Medikamentes Probleme bereiten, sollten die Warnglocken schrillen. So leiden mehr als 60 Prozent der Asthmatiker, die oral Corticosteroide einnehmen, an einer Myopathie. Auch Patienten mit einem Hirntumor, die zur Hirnödemprophylaxe Steroide erhalten haben, entwickeln in 11 bis 60 Prozent der Fälle eine pharmakainduzierte Muskelschwäche.

Obwohl Statine ein ausgezeichnetes Wirksamkeits-Sicherheitsprofil aufweisen, können sie Myalgien verursachen, die sich bei einigen Patienten zu schweren Muskelschäden ausweiten. Zu beachten ist, dass in diesen Fällen eine Myopathie nicht immer über eine Erhöhung der Creatinkinase (CK) zu erkennen ist (siehe Kasten). Möglich ist eine mitochondriale Dysfunktion, verbunden mit einer abnorm erhöhten Lipidspeicherung in den Typ-1-Fasern.

 

Myalgie, Myopathie Bei der Myalgie treten Muskelschmerzen, -steifheit und -krämpfe auf. Ist zusätzlich zu diesen Beschwerden die Creatinkinase erhöht, spricht man von einer Myopathie.

Wenn die Membranen der Skelettmuskelzellen beschädigt werden, liegt eine Rhabdomyolyse vor. Dabei tritt Myoglobin aus zerstörten Muskelzellen aus, gelangt ins Plasma und wird renal ausgeschieden. Diese Myoglobinurie gilt daher als wichtiges Diagnosekriterium. Als Komplikation kann ein Nierenversagen auftreten, die Letalitätsrate liegt bei 20 bis 60 Prozent.

 

Symptome einer Fibrat-/Statin-Myopathie sind proximale Muskelschmerzen, Muskelsteifheit, Paresen und brauner Urin. Die Gefahr, durch Lipidsenker eine Rhabdomyolyse zu bekommen, ist sehr selten und liegt in der Größenordnung von eins zu einer Million. Vermutlich ist besonders Clofibrat an der Ausbildung von Myopathien beteiligt. Der Pathomechanismus der Statine ist noch nicht vollständig geklärt. Der Grund für die myotoxische Wirkung scheint eine Störung des Zellmembranwachstums infolge einer zu starken Cholesterinsenkung oder ein Coenzym-Q-Mangel zu sein. Dieses Substrat besitzt möglicherweise muskelprotektive Eigenschaften und Statinkonsumenten weisen ein Defizit auf. Je größer die Statindosis und je stärker die Lipidsenkung, desto ausgeprägter ist der Muskelschaden. Das Risiko steigt zusätzlich bei Niereninsuffizienz, Hypothyreose und bei gleichzeitiger Einnahme von Cytochrom-P450-Hemmern. Ob die Lipidsenker eine Rhabdomyolyse oder „nur“ eine Myopathie auslösen ist auch davon abhängig, ob zusätzlich Fibrate eingenommen wurden.

Zahlreiche Arzneistoffe, aber auch Toxine können Myopathien auslösen. Dazu zählen unter anderem:

  • Amiodaron
  • Cloroquin
  • Colchicin
  • Eletriptan
  • Fleroxacin
  • Laxantien
  • Lipidsenker
  • Makrolide
  • Amphetamine
  • Cocain
  • Heroin

Auch einige chinesische Heilmittel stehen auf der Liste. So warnt das deutsche Bundesamt für Arzneimittelsicherheit vor „rotem Reis“ (Anka, Ankak). Das Produkt entsteht durch Fermentation von Reis mit dem Schimmelpilz Monascus purpureus. Dieser Schimmelpilz bildet neben roten Farbstoffen, die ihm seinen Namen geben, verschiedene Wirkstoffe wie Monacoline, Ankalactone und Citrinin. Monacolin-K ist identisch mit Mevinolin oder Lovastatin.

Besteht der Verdacht, dass die Pharmakotherapie auf die Muskeln schlägt, sollte das Weglassen des zuletzt neu verordneten Medikamentes versucht werden. Neuromuskuläre Erkrankungen, auch in der Familienanamnese, sollten ausgeschlossen werden.

Bei Medikamenten, die zu einer Myopathie führen könnten, sollten halbjährlich die Muskel- und Leberenzyme kontrolliert werden. Beim Anstieg der CK auf das Zehnfache und der Transaminasen auf mehr als das Dreifache der oberen Normgrenze sollte das Mittel vom Arzt abgesetzt werden. Grundsätzlich sollten Kombinationen von Statinen mit Fibraten, Makroliden oder bestimmten Antimykotika vermieden werden. Je früher ein Muskelschaden diagnostiziert wird, desto besser ist die Prognose für den Patienten. Deshalb sollte dem betroffenen Apothekenkunden im Verdachtsfall zu einem Arztbesuch geraten werden.

 

Literatur beim Verfasser

 

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Matthias Bastigkeit
Dorfstraße 83
23815 Geschendorf
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