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Dem Denkstil des Patienten Respekt zollen

19.05.2003
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Beratung in der Onkologie

Dem Denkstil des Patienten Respekt zollen

von Kerstin A. Gräfe, Freiburg

Viele Krebspatienten suchen neben der Schulmedizin nach unterstützenden Therapiemethoden aus der Komplementärmedizin. Um hier dem Informationsbedarf gerecht zu werden, wird Ärzten und Apothekern neben einem fundierten Fachwissen ein hohes Maß an sozialer Kompetenz abverlangt.

Bisher wurde die Anwendung der Komplementärmedizin von der Schulmedizin weitgehend mit dem Argument abgelehnt, ihre Wirksamkeit und Sicherheit sei nicht ausreichend nachgewiesen. Ihre Bewertung im schulmedizinischen Behandlungskonzept erfolgte somit ausschließlich aus Sicht der Medizin. „Die Betrachtungsweise des Patienten dagegen wurde bislang kaum beachtet“, informierte Professor Dr. Gerd Nagel, wissenschaftlicher Direktor der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg, auf dem Fortbildungskurs für Patientenberater „Evidence-based Komplementärmedizin in der Onkologie“. Eingeladen hatte neben der Klinik für Tumorbiologie der Bundesverband der Angestellten in Apotheken (BVA).

Was heißt nun eigentlich Komplementärmedizin und wie ist ihr Stellenwert in der „klassischen“ Onkologie? Der aus dem Lateinischen stammende Begriff „komplementär“ bedeutet so viel wie ergänzend, zur Ganzheitlichkeit, Vollständigkeit beitragend. „Komplementäre Erklärungsmodelle sind üblich, wenn ein Modell allein nicht ausreicht, einen Sachverhalt hinreichend zu erklären. So beispielsweise der Welle-Teilchen-Dualismus des Lichts“, erklärte Nagel. In Kombination mit der Komplementärmedizin werde die Schulmedizin zur Ganzheitsmedizin.

Der Mensch im Mittelpunkt

Die Schulmedizin ist eine weitgehend nach dem so genannten pathogenetischen Modell verfahrende Medizin: Im Zentrum medizinischen Handelns steht die Krankheit. „Uns Mediziner interessiert allein die Krankheit im Menschen, nicht der Mensch in der Krankheit“, umriss Nagel den pathotropen Denkstil. Hingegen verfährt die Komplementärmedizin nach dem so genannten salutogenetischen Modell: Der Mensch steht im Mittelpunkt. Eine offene Medizin vertrete bei der Bewertung der Therapie nicht nur den ärztlichen Standpunkt, sondern ebenso die Sichtweise des Patienten. „Der salutotrope Denkstil des Patienten muss respektiert werden“, betonte Nagel.

Komplementäre Angebote nutzen zu können, betrachten viele Patienten als Gewinn an Lebensqualität. So kann der Wunsch nach unkonventionellen Mitteln in der Krebsmedizin (UMK) wie beispielsweise pflanzliche Stoffe (Echinacea, Mistel, Grüner Tee), Antioxidantien (Vitamin A, C, E), Spurenelemente (Selen, Zink), Enzyme und Thymusextrakte auf ein vom Patienten empfundenes Defizit in der Behandlung hinweisen. Sein Wunsch ist oft ein Hilferuf, die Suche nach Sicherheit und Orientierung, das Bedürfnis, selbst aktiv zu werden. „Das beratende Patientengespräch ist hier von zentraler Bedeutung, um derartige Beweggründe zu eruieren und um darüber zu informieren, was die Komplementärmedizin leisten kann und was nicht“, sagte Nagel.

Oberste Priorität in der Krebstherapie hat auch unter dem Gesichtspunkt der Ganzheitsmedizin nach wie vor die pathogenetische Strategie. „Die Komplementärmedizin ist in keinster Weise ein Ersatz für die klassische Tumortherapie“, sagte Nagel mit Nachdruck. Dennoch gilt es, dem Denkstil des Patienten Respekt zu zollen und ihn darin aktiv zu unterstützen.

Keine Abgabe ohne Beratung

Da sich die Komplementärmedizin aus dem salutropen Denkmuster des Patienten ableitet, kann der Arzt oder Apotheker die Mittel der Komplementärmedizin selten nach Kriterien der Wirksamkeit beurteilen. Vielmehr befindet der Patient selbst über den Nutzen des jeweiligen Mittels. „Mir ist es egal, ob und wie das Mittel wirkt, mir hat es geholfen“, sei eine typische Patientenreaktion, erklärte Nagel. Von umso größerer Bedeutung ist demnach das Kriterium der Sicherheit des jeweiligen Mittels oder Verfahrens: Je sicherer ein Mittel oder Verfahren ist, desto liberaler könnten Arzt und Apotheker damit umgehen.

Dabei sollten Mittel der Komplementärmedizin niemals abgegeben werden, ohne dass zuvor ein qualifiziertes Beratungsgespräch stattgefunden hat. „In der Komplementärmedizin ergänzt nicht die Beratung das Mittel, sondern das Mittel die Beratung“, so der Onkologe. Dabei sollte zumindest zur Sprache kommen, warum der Patient ein derartiges Mittel wünscht, was er sich von diesem Mittel erhofft sowie welche anderen Verfahren derzeit angewendet werden.

Hauptmotiv ist Stärkung der Abwehr

„Der Wunsch nach unkonventionellen Therapieformen konfrontiert den Berater in einer ganz besonderen Weise mit der Erlebniswelt des Patienten“, erklärte Diplom-Psychologin Dr. Ulrike Heckl, Klinik für Tumorbiologie. Wichtig sei es, im Hinterkopf zu behalten, dass der objektive Befund und das subjektive Befinden des Patienten nicht übereinstimmen müssen. Der Patient befinde sich in einem krisenhaften, ambivalenten Zustand zwischen „krank sein“ und „sich-wieder-gesund-fühlen,“ wobei der Begriff „gesund“ aus Patientensicht die große Spannbreite von Kuration über Stagnation bis hin zur Remission, aber ohne Heilungschancen, abdecke.

Hauptmotiv der Patienten für die Inanspruchnahme von UMK sei die Stärkung der Abwehr, wobei der Schlüsselbegriff Abwehr aus Patientensicht etwas anderes bedeute als aus naturwissenschaftlicher Sicht. Aus Patientensicht bedeutet dies Abwehr von Angst, von Isolation oder der Rolle des passiven Opfers. Im Wesentlichen ginge es den Patienten darum, im Zusammenhang mit ihren Ohnmachtsgefühlen und dem Gefühl des Ausgeliefertseins, Gefühle der Kontrolle und der Handlungskompetenz zu entwickeln. Dabei sei zu berücksichtigen, dass Patienten selten zwischen dem hilfreichen Gefühl der Kontrolle und der objektiven Kontrolle des Krankheitsgeschehens unterscheiden können. Der Berater solle sich jedoch immer vor Augen halten, dass die Suche nach unkonventionellen Methoden im Zusammenhang mit der Überlebensstrategie des Patienten stehe.

Aus der Praxis berichtete Apotheker Michael Höckel. „Klein anfangen“ sei seine Devise bei der Beratung von Onkologie-Patienten in der Apotheke. Man solle nicht den Anspruch haben, die Komplementärmedizin über ganz Deutschland verbreiten zu wollen. An dem Arzt-Patienten-Verhältnis dürfe nicht gerüttelt werden. Wenn der Patient sich ganz auf den behandelnden Arzt eingelassen habe, sei eine Beratung nicht zulässig. Nur wenn der Patient Interesse zeigt, ist Engagement seitens des Apothekers gefragt. „Man müsse den Patienten dort abholen, wo er sich befindet“, sagte Höckel. Aktive Wahrnehmung, Vertrauen schaffen und fachliche sowie soziale Kompetenz seien die Schlüsselelemente der onkologischen Beratung in der Apotheke.

Mistel stimuliert Selbstregulation

Als Mittel zur Selbsthilfe hat sich die Mistel besonders bewährt. „Mistel-Präparate sind heute die meist verordneten Arzneimittel in der Onkologie“, informierte Dr. Matthias Rostock.

Die Datenlage zur Tumorwirksamkeit sei nach wie vor widersprüchlich. „Prinzipiell gilt es hier, zwischen Wirkung und Wirksamkeit zu unterscheiden“, betonte Rostock. So zeigen präklinische Untersuchungen unbestritten die antitumorale Wirkung der Mistellektine (Apoptose-Induktion, Zytotoxizität). Eine endgültige Aussage zur antitumoralen Wirksamkeit sei jedoch auf Grund der derzeitigen Datenlage noch nicht möglich. Ältere Studien mit diesbezüglich positivem Ergebnis seien häufig angreifbar. Neuere prospektive randomisierte Studien zur antitumoralen Wirksamkeit beim Kopf-Hals-Karzinom beziehungsweise beim malignen Melanom ergaben in der adjuvanten Therapiesituation ein Nullergebnis. „Dieses Ergebnis ist jedoch eindeutig indikationsbezogen zu sehen und lässt keinerlei Rückschlüsse auf andere Indikationen zu“, sagte Rostock.

Demgegenüber zeigte eine nicht randomisierte Matched-Pair Studie, integriert in eine prospektive epidemiologischen Langzeit-Kohortenstudie, dass eine Mistel-Therapie die mittlere Überlebenszeit verlängert. An der Studie nahmen über 10.000 Krebspatienten teil, von denen 1668 Patienten mit einem Mistel-Präparat (Iscador®) behandelt wurden. Innerhalb dieser Gruppe wurden 396 so genannte Matched-Pairs gebildet: Nach bestimmten Kriterien wie Geschlecht, Alter, Tumorart und Jahr der Primärdiagnose wurden Paare gebildet, wovon einer der Partner aus dem mit Mistel behandelten Pool, der andere aus der Kontrollgruppe stammte.

In der Mistel-Gruppe lag die mittlere Überlebenszeit mit 4,23 Jahren circa 40 Prozent höher als in der Kontrollgruppe mit 3,05 Jahren. Des Weiteren scheint es Synergien zwischen Mistel-Behandlung und Selbstregulation zu geben: Mistel-Patienten mit starker Selbstregulation hatten einen deutlicheren Überlebensvorteil (56 Prozent relativ zur Kontrollgruppe) als Patienten mit schwacher Selbstregulation.

Eine pauschale Empfehlung für oder gegen eine Mistel-Therapie wolle er aber vor dem augenblicklichen Kenntnisstand der Forschung nicht geben, so der Mediziner. Die Indikation sollte vielmehr auf der Grundlage eines gemeinsamen Entscheidungsprozesses von Berater und Patient erfolgen.

 

Netzwerk für Patientenberater Erstmalig fand die Fortbildungsreihe unter dem Dach des „BVA-Netzwerks für Patientenberater“ statt. Ziel des Netzwerks ist die Förderung der Kompetenz von Patientenberatern. Dazu stellt das Netzwerk Mitgliedern eine Reihe von Dienstleistungen, Arbeitsmaterialien und Programmen zur Verfügung. In der Startphase konzentriert sich das Netzwerk zunächst auf das Fachgebiet Onkologie. Folgende Ansprechpartner stehen Ihnen zur Verfügung:

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Prof. Dr. Gerd Nagel
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