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Mehr Wissen über Antioxidantien

03.05.2004
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Beratung

Mehr Wissen über Antioxidantien

von Elke Wolf, Frankfurt am Main

Bei einer Krebserkrankung gezielt Vitamine einnehmen? Was ist orthomolekulare Medizin? Hat der, der zweimal in der Woche joggen geht und regelmäßig unter dem Solarium liegt, einen erhöhten Bedarf an Vitalstoffen? Fragen, mit denen man in der Apotheke konfrontiert wird – und deren Beantwortung oft gar nicht präzise möglich ist. Hilfe verspricht das Netzwerk Patientenkompetenz.

Woran es hapert: Zwar haben verschiedene Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung allgemeine Richtwerte zum Antioxidantienbedarf des Menschen erarbeitet. Erkenntnisse zum individuellen Bedarf in unterschiedlichen Situationen sind dagegen Mangelware. Und Vitamin-Mineralstoff-Zubereitungen unkontrolliert einzunehmen, ist medizinisch gesehen nicht unbedenklich. Überdosierungen und Vergiftungen, gestörte physiologische Abwehrvorgänge oder unerwünschte Arzneimittelinteraktionen liegen im Bereich des Möglichen. Auch die Frage, ob Antioxidantien bei Krebserkrankungen einen Stellenwert haben, wird kontrovers diskutiert. Tatsache ist, dass kaum Daten aus klinischen Studien hierzu vorliegen. In der Absicht, den Kunden in der Apotheke kompetent zu beraten, stößt man schnell an seine Grenzen.

Diesem Dilemma wollten einige Apotheker ein Ende setzen und gründeten vor einigen Jahren das Netzwerk Patientenkompetenz des Bundesverbands der Angestellten in Apotheken (BVA). Bislang zählt das Netzwerk rund 230 Mitglieder. Ein Modul, das ab sofort zur Verfügung steht, ist das Antioxidantien-Programm. „Übergeordnetes Ziel des Netzwerkes ist es, Kunden besser beraten zu können und Daten zum Gebrauch von Antioxidantien in verschiedenen Lebenssituationen zu gewinnen“, sagte Professor Dr. Gerd Nagel, der als ehemaliger Direktor der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg entscheidend bei der Gründung und dem Aufbau des Netzwerkes mitgewirkt hat, bei der Antioxidantien-Eröffnungsveranstaltung. Nagel setzt große Erwartungen in die Apotheker: „Die erste Anlaufstelle für die Patienten nach dem Arzt muss der Apotheker sein; er ist das letzte Bollwerk vor der Scharlatanerie.“ Die Patienten fühlten sich vom Arzt oft allein gelassen. Deshalb müsse der Apotheker Beratung und Orientierung bieten. „Durch Information wächst Wissen, durch Orientierung Verstehen, das eine Voraussetzung für zielgerichtetes Handeln ist. Das wirkt sich eventuell sogar günstig auf die Krankheitsprognose aus“, weiß Nagel.

Anliegen der Netzwerk-Apotheker ist es, gegenseitig Erfahrungen auszutauschen, untereinander vernetzt zu sein, sich regelmäßig fortzubilden und Kontakt zu Experten zu haben, an die sie sich mit schwierigen Fragen von Kunden wenden können. Herzstück des Netzwerkes ist denn auch das Call-Center, ein Expertengremium für ratsuchende Apotheker. Wenn das Apothekenpersonal bei der Kundenberatung mit einer Frage konfrontiert wird, die es nicht sofort beantworten kann, hat es die Möglichkeit, diese Frage an die Hotline des Netzwerks weiterzuleiten. Die Hotline sucht dann einen geeigneten Experten, der daraufhin die anfragende Apotheke zurückruft. Wohlgemerkt: Der Experte nimmt keinen Kontakt zum Kunden auf. Die Netzwerk-Apotheker sind zu erkennen an einem gemeinsamen Logo mit der Aufschrift „Berater-Apotheke“. Diese Bezeichnung hält Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz für unglücklich gewählt. „Sie diskreditiert diejenigen Apotheker, die zwar beraten, aber nicht dem Netzwerk angehören“, merkte der Leiter des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker (ZL) auf der Veranstaltung im Niederurseler Biozentrum kritisch an. „Die vorsichtige Provokation“ sei gewollt, entgegnete Nagel.

Individuellen Oxi-Status bestimmen

Erkenntnisse, auf die sich Beratungstipps rund um Antioxidantien stützen, sind reichlich lückenhaft. Daher wurde im Netzwerk beschlossen, eine Datenbank zu schaffen, in der nicht nur alle vorhandenen Daten zur Antioxidantienanwendung, sondern auch neues, von der Apothekerschaft selbst erarbeitetes Wissen zusammengetragen wird. Nagel: „Diese Datenerhebung zum Zweck der Etablierung einer Evidenz-basierten Datenbank für die Beratungsapotheke ist in Deutschland ein absolutes Novum.“ Damit nutzen die Apotheken ihre Möglichkeiten, Anwendungsempfehlungen zu erarbeiten, die sich nicht auf die Ergebnisse klinischer Studien, also auf ein selektioniertes Patientenkollektiv stützen, sondern auch auf Daten von Anwendungsbeobachtungen, die die Realität der Anwendung von Arzneimitteln/Nahrungsergänzungsmitteln in der breiten, unselektionierten Bevölkerung widerspiegeln, so Nagel.

Dazu bestimmen die Netzwerk-Apotheker den Funktionszustand des Oxisystems des Kunden. Wie? Seit kurzem gibt es eine für die Praxis geeignete photometrische Methode zur Messung von Hydroperoxiden im Kapillarblut. Hydroperoxide sind Lipidperoxidationsprodukte, die im Körper unter dem Einfluss von radikalen Sauerstoffspezies entstehen. „Hydroperoxide sind der Spiegel des Schadens durch freie Radikale, aber wesentlich stabiler als diese“, sagte Dr. Gunter Eckert, der an der Universität Frankfurt zwei Verfahren und Gerätetypen (Firmen Euromedix, Micro-Medical) zur Messung individueller Oxi-Werte zertifiziert hat. Auch das ZL soll in Zukunft für Ringversuche eingebunden werden, um eine Kontrolle über die Qualität der Messdaten zur antioxidativen Kapazität zu schaffen, stellte Schubert-Zsilavecz in Aussicht.

Zusätzlich zur Bestimmung des Oxi-Status fragen die Netzwerk-Apotheker den jeweiligen Kunden anhand eines Fragebogens zu speziellen Lebensgewohnheiten und -umständen. „Der Fragebogen ist sehr ausführlich, um die Breite der Einflussfaktoren auf den Oxi-Status zu untersuchen“, erklärte Steffen Theobald, maßgeblich am Funktionieren des Netzwerks beteiligt. So klopft der Fragebogen Angaben zum Lifestyle, zu Erkrankungen und zur Einnahme von Medikamenten und Antioxidantien ab. Auch ob es sich um Mono- oder Kombinationspräparate, um Multivitamin- oder um andere Nahrungsergänzungsmittel wie isolierte sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe handelt, wird erfasst. Auf Grund des Oxi-Messwerts empfiehlt der Apotheker dem Kunden ein spezielles Präparat. Nach sechs bis acht Wochen wird der Kunde erneut in die Apotheke bestellt, um den Oxi-Status zu überprüfen. Theobald: „Durch diese Erfolgskontrolle sind Präparate erstmals vergleichbar.“

Die Netzwerk-Apotheker übermitteln dann der Datenzentrale des Netzwerkes die Daten der Oxi-Messung und des Fragebogens. Die eingehenden Daten werden fortlaufend analysiert und von einer Empfehlungskommission aufgearbeitet. Aus den Ergebnissen der Erhebung und neuen publizierten Daten der Fachliteratur formuliert dieses Gremium Empfehlungen für den Beratungsalltag in der Apotheke. Diese Empfehlungen werden den Mitgliedsapotheken fortlaufend übermittelt. Über die Zeit lassen sich so Daten gewinnen

  • über das Vorkommen und die Verteilung von normalen und von der Norm abweichenden Oxi-Staten bei unterschiedlichen Personengruppen,
  • zum Verlauf von Oxi-Staten unter Anwendung unterschiedlicher Antioxidantien,
  • zu Gründen für die Akzeptanz und Präferenz von Antioxidantien.

 

Näheres zum Netzwerk Patientenkompetenz und zum Antioxidantien-Programm: „Welches Antioxidanz für welchen Patienten?“.

Weitere Auskünfte bieten der Bundesverbands der Angestellten in Apotheken (BVA), Barbara Neusetzer, Tel.: 030/36284804, netzwerk@BVA-online.de, oder

Compatence Management GmbH, Steffen Theobald, Tel.: (07 61) 7 03 86 76, steffen.theobald@compatence.com

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