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Uralt-Wirkstoff schützt vor Herzinfarkten

05.05.1997
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-Pharmazie

  Govi-Verlag

Uralt-Wirkstoff schützt vor
Herzinfarkten

  Die Substanz ist nicht neu, im Gegenteil. Verwendet wurde sie bereits zu Zeiten Hippocrates´ im 5. Jahrhundert vor Christus - damals allerdings noch nicht in isolierter Form, sondern in Form ihrer Ausgangsdroge, der Weidenrinde. Welcher Inhaltsstoff es ist, der die schmerzstillende, entzündungshemmende und blutungsfördernde Wirkung der Pflanze ausmacht, wußte zu der Zeit niemand. Heute weiß man es: Es ist die Acetylsalicylsäure, auch ASS oder ASA (Acetyl salicylic acid).

Seit ihrer erstmaligen Isolation 1897 hat sich einiges getan und tut sich noch, was die Wirkprinzipien und Einsatzgebiete angeht. Schon lange ist die Acetylsalicylsäure nicht mehr "nur" Schmerzmittel und Antiphlogistikum. In den Mittelpunkt des Interesses rückt auch ihr Einsatz zur Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen, Herzinfarkt oder Schlaganfall. Auch im Rahmen des Wissenschaftskongresses der American Heart Association (AHA) Ende vergangenen Jahres in New Orleans war der Oldie Gegenstand zahlreicher Beiträge:

Diskutiert wurden unter anderem mögliche neue Angriffsorte und Wirkmechanismen der ASS, ihr Stellenwert im Vergleich zu neueren plättchenhemmenden Wirkstoffen wie den GP-IIb/IIIa-Antagonisten und ihre Effizienz in der Sekundärprophylaxe von Herzinfarkt und Schlaganfall - für die Primärprävention gibt es bislang keine Zulassung. Letztere sei eine Frage der individuellen klinischen Entscheidung bei Vorliegen mehrerer Risikofaktoren, betonte Professor Dr. Charles H. Hennekens aus Boston.

Wieviel darf`s denn sein?

Ein Diskussionsschwerpunkt war die Höhe der effektiven ASS-Dosierung bei kardiovaskulären Erkrankungen: 30, 75, 100 oder über 300 mg täglich? In diesem Punkt herrscht bis heute keine Einigkeit, und auch in New Orleans kam man zu keinem übereinstimmenden Ergebnis. Der Trend scheint jedoch in Richtung höherer Einzelgaben zu gehen. "Die derzeit übliche Anwendung von 75 mg ASS/d ist unter Annahme der Tatsache richtig, daß die Wirkung ausschließlich auf einer Hemmung der Plättchenaggregation beruht", betonte Professor Dr. Karsten Schroer, Düsseldorf, bei einer von Bayer initiierten Expertenrunde am Rande des Kongresses. Gehe man allerdings davon aus, daß auch andere Wirkmechanismen im Spiel sind, sei eine Hochdosistherapie sinnvoller. Schroer: "Hohe Dosen scheinen beispielsweise in der Schlaganfallprophylaxe mehr als doppelt so viel zu erreichen wie niedrige".

Effizienz bei Schlaganfall

Bei rund jedem vierten Patienten läßt sich durch Sekundärprophylaxe mit ASS das Risiko eines erneuten Schlaganfalls reduzieren, faßte Dr. William M. Feinberg aus Tucson die Ergebnisse verschiedener Studien zusammen. Weniger vielversprechend sind nach seiner Einschätzung die Ergebnisse zur Senkung der Todesraten, die offenbar nur schwer zu beeinflussen sind. Er berichtete von einer internationalen Studie an 19000 Schlaganfallpatienten, die innerhalb von 48 Stunden nach dem Akutereignis in die Untersuchung einbezogen worden waren. Vergleichsmedikationen waren subcutanes Heparin und ASS. Im Hinblick auf die Zahl der Todesfälle seien beide vergleichbar gewesen, so Feinberg.

Prävention von Herz- und Gefäßerkrankungen

Daß die kardiovaskulären Effekte von Acetylsalicylsäure auf eine Hemmung der Plättchen- (Thrombozyten)-Aggregation zurückgehen, ist seit langem bekannt, betonte Professor Carlo Patrono aus Chieti, Italien in New Orleans. Zellulärer Angriffspunkt ist dabei die Prostaglandin H-Synthase, besser bekannt als Cyclooxigenase. Weitere derzeit diskutierte Angriffsziele des Wirkstoffs sind unter anderem Fibrinogen, Prothrombin und auch zentrale Mediatoren. In diesen Fällen sei es schwer, eine konkrete Dosis-Wirkungsbeziehung festzustellen, räumte Patrono ein; die erforderlichen Mindestdosen lägen aber in jedem Fall über 100 mg/d.

Frühe Gabe nach Herz-OP

Die Effekte von Thrombozyten-hemmenden Therapien nach Herz- oder Gefäßoperationen sind variabel, betonte Stephen E. Fremes aus Toronto in New Orleans. Mit der Gabe von ASS bis 6h nach der Operation lasse sich eine Reduktion des absoluten Risikos um rund 7 Prozent erreichen; bereits 24 h nach dem Eingriff sei kein Effekt mehr erzielbar. Bei präoperativer Gabe sei mit verstärkten Blutungen nach dem Eingriff zu rechnen, warnte er. Die nach chirurgischen Herz- und Gefäßeingriffen diskutierten ASS-Dosierungen liegen deutlich höher als in der Sekundärprophylaxe und schwanken zwischen 150 und über 350 mg. Fremes gibt dabei der höheren Dosis den Vorzug. Sein optimistischer Ausblick: Durch lebenslange Anwendung von bis zu 325 mg ASS ließe sich bei Risikopatienten ein chirurgischer Eingriff an den peripheren Blutgefäßen verhindern.

PZ-Artikel von Bettina Schwarz, Eschborn    

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