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Alter ist kein Analgetikum

26.03.2001
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SCHMERZTAG

Alter ist kein Analgetikum

von Elke Wolf, Frankfurt am Main

Dass ältere Menschen von Natur aus weniger schmerzempfindlich sind, ist ein Irrglaube. Senioren haben nicht nur häufiger chronische Schmerzen, sondern empfinden diese auch intensiver. Und: Je länger das Nervensystem dem Schmerz ausgesetzt war, desto länger müssen Ärzte behandeln, um die Schmerzintensität zu reduzieren und um das Schmerzgedächtnis zu löschen. Zudem vergisst das Nervensystem älterer Menschen chronische Schmerzen langsamer als das junger Menschen. Dieses Fazit zog Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Göppingen, aus einer Studie, die er auf dem Deutschen Schmerztag vorstellte.

"Die Ergebnisse der Anwendungsbeobachtung bestätigen, dass Alter wahrlich kein Analgetikum ist", sagte Studienleiter Müller-Schwefe, Präsident des Schmerztherapeutischen Kolloquiums. Senioren haben signifikant häufiger chronische Schmerzen. Innerhalb der Studie haben 1880 Ärzte rund 8000 Patienten mit Muskel-Skelett-Schmerzen im Alter zwischen 14 und 90 Jahren vier Wochen lang untersucht und ambulant behandelt.

Rund 60 Prozent der Patienten unter 40 Jahren litt unter akuten Schmerzen, und nur 10 Prozent in dieser Altersgruppe hatten bereits chronische Schmerzen, die länger als drei Monate anhielten. Diese Verteilung verändert sich mit zunehmendem Alter, informierte Müller-Schwefe. Die akuten Schmerzen werden deutlich seltener (14 Prozent), die chronischen Verläufe nehmen dagegen zu; und zwar von 22,3 Prozent bei den 40- bis 60-Jährigen auf 47,1 Prozent bei den über 75-Jährigen.

Nicht nur, dass Senioren häufiger chronischen Schmerz ertragen müssen, sie empfinden ihn auch intensiver. Auf einer Skala von 0 bis 4 (keine Schmerzen bis sehr starke Schmerzen) stuften die unter 40-Jährigen ihren chronischen Schmerz im Schnitt auf den Wert 2,8 ein, die über 75-Jährigen lagen bei über 3. Noch etwas hat die Anwendungsbeobachtung zu Tage gefördert: Je länger die Schmerzen anhalten, desto langsamer und schwieriger ist es, die Schmerzintensität herabzuregulieren. Wenn die Patienten länger als zehn Jahre unter Schmerzen litten, verringerte sich die Intensität innerhalb der vierwöchigen Behandlung auf der Skala von 3 auf 1,8. Akuter Schmerz sinkt dagegen nach vierwöchiger Behandlung auf der Intensitätsskala von 3 auf 0,5.

Inwieweit sich die Intensität der chronischen Schmerzen verringern lässt, ist auch vom Alter abhängig. Bei den Patienten unter 40 sinkt sie von 2,8 auf 0,8 am Ende der vierwöchigen Therapie, bei den über 75-Jährigen hingegen nur auf 1,5.

"Im Alter ist eine längere Behandlung erforderlich, um eine gleich gute Schmerzreduktion wie bei Jüngeren zu erzielen", erklärte Müller-Schwefe. Bei den unter 40-Jährigen genügt eine siebentägige Behandlung. 60 bis 75-Jährige müssen 13 und über 75-Jährige gar 20 Tage behandelt werden, um gleich gute Ergebnisse auf der Schmerzskala zu erreichen. Die Intensität chronischer Schmerzen kann bei jüngeren Menschen binnen sechs Tagen auf 1,5 reduziert werden. Bei 60 bis 80-Jährigen sind dazu 18 Tage und bei über 80-Jährigen sogar vier Wochen nötig.

Müller-Schwefe: "Diese Ergebnisse unterstützen die These, dass unser Nervensystem sich im Laufe des Lebens verändert." Nach den Ausführungen von Professor Dr. Walter Zieglgänsberger vom Münchener Max Planck Institut für Psychiatrie reagieren endogene Substanzen, die im Normalfall einer Chronifizierung entgegenwirken, im Alter weniger effektiv. Antichronifizierungssysteme wie Endorphine, Endocannabinoide, GABAerge und monaminerge Hemmmechanismen greifen nicht mehr richtig, da Neurosteroide aktivierende Schmerzfaktoren hochregulieren, erklärte Zieglgänsberger. Die Vermutung liegt nahe, dass Antichronifizierungssysteme dann schlechter anspringen, wenn das Nervensystem im Laufe des Lebens oft auf sie zurückgreifen musste.

Schmerz, Depression und Angst

Chronische Schmerzen müssen nicht in jedem Fall Ausdruck körperlicher Erkrankung sein, sondern begleiten oft auch Depressionen und Angst. "Schmerz, Depression und Angst überlappen sich oft und potenzieren sich gegenseitig", informierte Dr. Roland Wörz, Facharzt für Neurologie/Psychiatrie aus Bad Schönborn. Gerade bei Älteren sind Schmerz und Depression eng miteinander verknüpft und verstärken sich. Depressive Senioren lokalisieren Schmerzen an mehreren Orten und klagen unter stärkeren Schmerzen als nicht depressive Altersgenossen. Zudem scheint sich der Schmerz schneller zu manifestieren. Wörz: "Bei Patienten, die depressiv veranlagt sind, verläuft beispielsweise ein Bandscheibenvorfall eher chronisch als bei positiv denkenden Menschen." Die Mehrzahl der Depressiven hat auch Ängste: vor Schmerzen, vor Kompetenzverlust, Abhängigkeit und sozialem Abstieg. Wörz empfiehlt eine Kombinationstherapie mit antidepressiv und anxiolytisch wirkenden Arzneistoffen sowie Analgetika. Ansonsten gilt: "Die Aufmerksamkeit muss weg vom Schmerz. Arbeit, Tätigkeit und Ablenkung heißt die Maxime."Top

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