Pharmazeutische Zeitung online

Medikament oder Droge

15.03.2004  00:00 Uhr
Cannabis

Medikament oder Droge

von Hussam Bustami, Göttingen

Cannabis darf gemäß dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 20. Januar 2000 in Ausnahmefällen als Therapeutikum eingesetzt werden. Die Diskussion um die Hanfpflanze, aus deren Blüten Haschisch und Marihuana gewonnen werden, ist längst zum Politikum geworden. Professor Dr. Udo Schneider von der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover plädiert für eine differenzierte Betrachtungsweise.

PZ: Cannabis wird aus Hanfpflanzen gewonnen. Welche Sorten gibt es und wie unterscheiden sie sich im Hinblick auf ihre Verwendung als Medikament oder Droge?

Professor Dr. Udo Schneider: Die Gattung Cannabis gehört zur Familie der Cannabaceae (Cannabinaceae). Die Gattungsgliederung wird unterschiedlich vorgenommen, so dass sich ohne deren Kenntnis erhebliche Unklarheiten im Hinblick auf ihre Identifizierung ergeben können. Einerseits wird hier von mehreren Arten (Cannabis sativa L., Cannabis indica LAM, selten auch Cannabis ruderalis) ausgegangen und andererseits nur von einer Sammelart (Cannabis sativa L. mit mehreren Unterarten). Die Untergliederung der Sammelart in Unterarten (Subspecies) ist ebenfalls nicht einheitlich, zum Beispiel Cannabis sativa L. ssp. indica (zur Drogengewinnung geeignete Pflanzen) und Cannabis sativa L. ssp. sativa (Fasern und Öl liefernde Sorten).

Faserhanf darf im Gegensatz zum Drogenhanf nur einen geringen Anteil an Tetrahydrocannabinol (THC) enthalten. Ob überhaupt in morphologischer und chemischer Hinsicht echte, genetisch fixierte Varietäten zwischen Faser- oder Drogenhanf bestehen, ist umstritten.

PZ: Wie sind Cannabinoide pharmakologisch charakterisiert?

Schneider: Bislang sind 400 bis 500 Inhaltstoffe der Pflanze Cannabis sativa charakterisiert. Wesentliche Stoffe aus dem Sekundärstoffwechsel sind in den oberirdischen Pflanzenteilen die Cannabinoide (mehr als 60 bislang bekannt, Einteilung in 10 verschiedene Typen), wobei es sich um relativ lipophile, stickstoffreiche, meist phenolische Verbindungen (21C Terpene) handelt.

PZ: Wo werden und wo könnten Cannabinoide im therapeutischen Bereich eingesetzt werden?

Schneider: Eingesetzt werden sie bei Übelkeit und Erbrechen (Chemotherapie/HIV-Wasting Syndrom), Multipler Sklerose sowie bei Schmerzen und bestimmten Bewegungsstörungen wie das Gilles de la Tourette-Syndrom. Es besteht jedoch nur eine Zulassung für die erst genannten Symptome. Synthetische Cannabinoide werden in klinischen Studien unter anderem bei schweren Schädel-Hirntraumata (HU 211) und Schmerzen (CT-3) eingesetzt. Weitere interessante Indikationsgebiete sind die Rückfallprophylaxe bei Alkoholabhängigkeit, Gewichtsreduktion bei Fettleibigkeit sowie die Neuroprotektion.

PZ: Wie stark ist die Suchtwirkung von Cannabis?

Schneider: In der Diskussion um die gesundheitlichen Risiken des Cannabiskonsums wird immer die Schrittmacherfunktion von Cannabis für den Beginn einer Drogenkarriere und den Konsum „härterer“ Drogen angeführt. Bislang gibt es auch keine Langzeitstudie, die den Einfluss von Kontext- und biologischen Variablen sicher ausschließen konnte. Es gibt jedoch eine Reihe von tierexperimentellen Daten, die zeigen, dass es eine Interaktion zwischen dem endogenen Opioidsystem und dem endogenen Cannabinoidsystem gibt. So konnte bei CB1-knock-out Mäusen gezeigt werden, dass die positiven Verstärkereigenschaften von Morphin reduziert waren. Opiatabhängige Tiere, denen SR141617A, ein CB1-Rezeptor-Antagonist appliziert wurde, wiesen Opiatentzugssymptome auf.

Eine kürzlich publiziert Zwillingsstudie zeigte, dass Jugendliche, die bis zum Alter von 17 Jahren mit dem Konsum von Cannabis beginnen, ein um 2,1 bis 5,2fach erhöhtes Risiko haben, von anderen Drogen beziehungsweise Alkohol abhängig zu werden. Problematisch an dieser Studie war jedoch, dass die Daten retrospektiv erhoben wurden und die Autoren letztendlich nicht ausschließen konnten, dass das erhöhte Risiko „peer-group“ induziert war und nicht spezifisch durch Cannabis hervorgerufen wurde.

PZ: Welche Wirkung hat Cannabis als Droge auf die menschliche Psyche?

Schneider: Durch eine Vielzahl von Studien konnte gezeigt werden, dass bei akutem Cannabis-Konsum kognitive Funktionen, insbesondere Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsfunktionen, beeinträchtigt werden. Bereits 1933 beschrieb Stringaris die durch Haschisch induzierten psychotischen Störungsbilder. Die klinische Symptomatik der Cannabis induzierten Psychose ähnelt dabei dem Krankheitsbild einer schizophrenen Psychose mit zeitweise massiven Angstzuständen und wahnhaften Elementen, selten auch illusionären Verkennungen bis hin zu optischen Halluzinationen. Psychotische Zustandsbilder nach Cannabiskonsum sind vielfach beobachtet worden, wobei Schweregrad, Dauer und Häufigkeit der psychotischen Symptome von kulturellen und persönlichkeitsspezifischen Faktoren sowie von der Frequenz und Intensität des Cannabiskonsums abhängen.

PZ: Wie lange dauern diese kognitiven Störungen an?

Schneider: In der Regel sind die Beeinträchtigungen kognitiver Funktionen nach akutem Cannabiskonsum binnen 48 Stunden abgeklungen. Das Maximum der Funktionseinschränkungen korreliert mit dem Maximum der Delta-9-THC Plasmakonzentration. Bei chronischen Cannabiskonsumenten (mehr als 10-jähriger täglicher Konsum) finden sich in wissenschaftlichen Untersuchungen bis zu drei Wochen nach Absetzen des Cannabiskonsums noch eingeschränkte kognitive Funktionen. Unklar ist, ob diese eingeschränkten kognitiven Funktionen länger als drei Wochen nach dem Absetzen von Cannabis persistieren oder ob es zu einer vollständigen Wiederherstellung des Normalzustandes kommt.

PZ: Welche physiologischen Nebenwirkungen sind bekannt?

Schneider: Bei chronisch inhalierenden Cannabiskonsumenten finden sich gehäuft chronische Bronchitiden oder Karzinome im Respirationssystem und reversible Beeinträchtigungen der Spermiogenese. Inwieweit Cannabiskonsum bei Schwangeren fetale und embryonale Missbildungen induziert ist unklar. Todesfälle durch reine Cannabis-Intoxikationen sind bis heute nicht bekannt.

PZ: Sollte Cannabis weiterhin dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen?

Schneider: Nach der bisherigen Datenlage ist es unklar, inwieweit Cannabis als Substanz den Konsum härterer Drogen wie Kokain oder Heroin fördert. Solange dies unklar ist und Cannabis erhebliche Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben kann, sollte Cannabis weiter dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen.

Cannabis ist ein Therapeutikum und zugleich auch eine Droge. Diese beiden Aussagen dürfen nicht miteinander vermischt werden, sondern müssen getrennt und eigenständig betrachtet und diskutiert werden. Da Cannabinoide potenziell als Therapeutika in Frage kommen, sollten sie als solche auch untersucht beziehungsweise zugelassen werden. Cannabinoide dürfen von der Therapie nicht ausgeschlossen werden, „nur“ weil sie auch als Drogen missbraucht werden können.

 

Cannabisanbau bleibt verbotendpa  Chronisch kranke Menschen dürfen Cannabis oder Marihuana laut einem Gerichtsurteil nicht für therapeutische Zwecke anbauen oder kaufen. Mit dieser Entscheidung wies das Kölner Verwaltungsgericht die Klagen von fünf Patienten ab, die an Aids, Multipler Sklerose oder Morbus Crohn leiden. Diese hatten eine Ausnahmegenehmigung erwirken wollen. Für einzelne Kranke erlaube das Betäubungsmittelgesetz jedoch keine Ausnahmen, urteilte das Gericht. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Klagen hat das Gericht die Berufung zum Oberverwaltungsgericht Münster zugelassen. Für die Therapie sei es zumutbar, auf verschreibungsfähige Medikamente zurückzugreifen, die den Hauptwirkstoff von Cannabis enthalten. Falls die Krankenkasse dafür die Kosten nicht übernehmen wollten, könnten die Kläger vor ein Sozialgericht ziehen, hieß es in der Urteilsbegründung. Mit dem Rauchen von Marihuana hatten die Patienten nach eigener Darstellung ihre Beschwerden erheblich lindern können. Cannabis und Marihuana gehören zu den Betäubungsmitteln und dürfen laut Gesetz nicht von Ärzten verschrieben oder abgegeben werden. Nur für wissenschaftliche oder andere öffentliche Zwecke werden Ausnahmegenehmigungen vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte erteilt.

  Top

© 2004 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa