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Apotheken erfassen arzneimittelbezogene Probleme

14.03.2005
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Aktionswoche

Apotheken erfassen arzneimittelbezogene Probleme

von Nina Griese und Martin Schulz, Berlin

Zusammen mit den Landesapothekerkammern führt das Zentrum für Arzneimittelinformation und Pharmazeutische Praxis (ZAPP) der ABDA eine Aktionswoche durch, um die täglich in der Apotheke erbrachten Beratungsleistungen zu dokumentieren. Ziel ist es, diese gegenüber Politik und Öffentlichkeit noch deutlicher zu machen und mit aktuellen Zahlen zu untermauern.

Unter arzneimittelbezogenen Problemen (ABP) versteht man Ereignisse oder Umstände in der Arzneimitteltherapie, die ein Erreichen des Therapieziels verhindern können (1). Dazu gehören zum Beispiel nicht erkannte, klinisch relevante Interaktionen, nicht geeignete Wünsche des Patienten in der Selbstmedikation oder falsche Anwendungen eines Asthmasprays durch den Patienten. Aber auch eine nicht auf dem Rezept angegebene Stärke eines Arzneimittels oder eine unleserliche oder fehlerhafte Verordnung gehören zu ABP, die täglich in den Apotheken für die Patienten erkannt und gelöst werden. Dabei können ABP gesundheitliche Gefahren für den Patienten beinhalten, die Effektivität der Pharmakotherapie beeinflussen und damit zu direkten oder indirekten Kosten im Gesundheitssystem führen (2). Auf Grund der häufigen Kontakte zu den Patienten ist gerade der Apotheker beziehungsweise das gesamte pharmazeutische Personal in der Lage, ABP zu erkennen und zu lösen.

Entstehungsebenen

ABP entstehen auf unterschiedlichen Ebenen der Arzneimittelversorgung. Schon bei der ärztlichen Verordnung können diese auftreten. Dazu gehören eine falsche Dosierung oder ein trotz vorhandener Indikation nicht verordnetes Arzneimittel. Ein Beispiel hierfür ist die fehlende Therapie mit Laxantien (auch zu Lasten der GKV) bei langfristiger Einnahme von obstipierend wirkenden Opioiden. Bei vielen Patienten gehört die Gabe von Laxantien neben einer reichlichen Flüssigkeitszufuhr zur Therapie chronischer Schmerzen mit Opioiden (3).

Auf der Patientenebene können ebenfalls zahlreiche Probleme entstehen. Diese können die unmittelbare Anwendung des Arzneimittels wie eine selbstständige Veränderung der empfohlenen oder verordneten Dosierung oder auch die Unkenntnis der richtigen Dosierung betreffen oder auch ein unzweckmäßiger Lebensstil sein.

Aber auch in der Selbstmedikation können ABP auftreten. So zum Beispiel die Abgabe eines nicht geeigneten Präparates oder eine fehlende Angabe der Dosierung.

Häufigkeit

In Deutschland wurden bisher zwei größere Untersuchungen zur Erfassung von ABP in der Apotheke durchgeführt (4, 5). Bei der in Bayern durchgeführten Untersuchung schätzten die beteiligten Apotheker, dass bei 15,6 Prozent der abgegebenen Arzneimittel ABP auftreten. Allerdings wurden im Durchschnitt nur zwei ABP pro Tag und Apotheke im Untersuchungszeitraum dokumentiert. Dies wurde vor allem mit dem zusätzlichen Arbeitsaufwand durch die Dokumentation erklärt.

Um den zeitlichen Aufwand in dieser Untersuchung so gering wie möglich zu halten, erstreckt sich der Dokumentationszeitraum nur über eine Woche. Innerhalb dieser Woche ist es allerdings wichtig, so viele der aufgetretenen ABP wie möglich, besser alle, zu dokumentieren. Nur dann können genauere Angaben über die tatsächliche Häufigkeit und den zeitlichen Aufwand für die Lösung in den Apotheken erhalten werden.

Es hat sich in der Praxis bewährt, die festgestellten Probleme erst einmal zu sammeln und sie dann später ­ sobald es der Apothekenbetrieb zulässt ­ zu dokumentieren. Bei ABP, die sich auf eine Verordnung beziehen, können die Rezepte gesammelt werden. Bei komplexeren Themen hilft eine kurze Notiz für die spätere Dokumentation.

Am häufigsten wurde in der bayerischen Untersuchung eine unzweckmäßige Wahl eines Arzneimittels (zum Beispiel: das verschriebene Arzneimittel war außer Handel, eine falsche Stärke wurde verordnet) gefolgt von einer unzweckmäßigen Anwendung durch den Patienten (vor allem mangelndes Wissen über die korrekte Applikation) gefunden. Das Arzneimittel, bei dem am häufigsten Anwendungsprobleme auftraten, war Insulin. Bei einer genaueren Analyse der bezüglich Insulin erfassten ABP zeigten sich erhebliche Handhabungsprobleme bei Applikationshilfen, zum Beispiel der Ampullenwechsel bei Insulinpens (6). Diese Ergebnisse zeigen, dass ein wichtiger Nutzen von Untersuchungen zu ABP darin besteht, aufzuzeigen, wo bei den Patienten verstärkter Beratungsbedarf vorhanden ist.

Hilfsmittel zur Detektion

Beim Erkennen und Lösen von ABP spielt die Kommunikation mit dem Patienten, aber auch zwischen den Heilberuflern eine entscheidende Rolle. Weitere wichtige Hinweise kann die EDV-gestützte Arzneimittelrisiko-Prüfung mit Hilfe des Interaktionsmoduls der ABDA-Datenbank und dem Datenbankmodul CAVE geben. Das CAVE-Modul ist ein Zusatzmodul der ABDA-Datenbank und ermöglicht, Risiken auf Grund individueller Parameter wie Erkrankungen, Alter, Geschlecht und Allergien in der Abgabesituation zu erkennen (7). Hinweise auf Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln und ihre klinische Relevanz kann neben dem Patientengespräch das Interaktionsmodul der ABDA-Datenbank geben (8). Diesen automatischen Checks muss allerdings die richtige Einschätzung des angezeigten Problems und des Gefährdungspotenzials für den Patienten folgen. Hier ist die Apotheke gefragt, für den Patienten den individuell angemessenen Lösungsweg zu finden. Eine Rückfrage beim Arzt oder beim Patienten kann dabei durchaus ergeben, dass das Problem bei diesem Patienten nicht relevant ist. Auch das Medikationsprofil ist ein wichtiges Instrument, um Verschreibungsprobleme wie zum Beispiel Doppelverordnungen und eindeutige Über- oder Unterdosierung, oder auch Non- oder Hyper-Compliance zu entdecken.

In der in Bayern durchgeführten Untersuchung wurden 34 Prozent der detektierten ABP durch aktives Nachfragen der Patienten und 32 Prozent der detektierten ABP durch aktives Hinterfragen der Apothekenmitarbeiter erkannt. Weitere 7,6 Prozent der ABP wurden über die Nutzung der Medikationsdatei detektiert (Hausapotheke).

In der Apotheke werden jeden Tag zahlreiche ABP erkannt und gelöst. Dieser wichtige Beitrag der Apotheke für eine sichere und effektive Arzneimittelanwendung wird bei der Aktionswoche zum ersten Mal bundesweit systematisch erfasst.

Diese Aktionswoche ist nicht mit der Erfassung von arzneimittelbezogenen Problemen in Alten- und Pflegeheimen über vier Wochen zu verwechseln, über die die Landesapothekerkammern gesondert informiert haben (siehe auch www.abda.de unter Aktion: Arzneimittelbezogene Probleme).

 

Was erwartet Sie?

Die Aktion wird bundesweit bis einschließlich Freitag, den 27. Mai 2005, durchgeführt. Bis zu diesem Datum können Sie eine beliebige Woche, die am besten für Ihre Apotheke passt, für die Aktion auswählen. Zur Teilnahme benötigen Sie zwei Dokumentationsbögen. Diese Dokumentationsbögen und weitere Informationen finden Sie im Kammerrundschreiben oder auf der Homepage Ihrer LAK oder unter www.abda.de, Aktion: Arzneimittelbezogene Probleme

Die Dokumentationsbögen können Sie an uns faxen oder an die am Ende des Artikels angegebene Anschrift schicken.

Machen Sie mit!

Nur durch ein überzeugendes Engagement aller Apotheken können wir in diesen »stürmischen« Zeiten belegen, dass wir unsere Rolle als Heilberufler ernst nehmen. Mit Hilfe der Erfassung von ABP über eine Woche in vielen öffentlichen Apotheken können wir gemeinsam deutlich machen, welchen unverzichtbaren Beitrag Apotheken für die sichere und effektive Arzneimittelanwendung täglich leisten. Daher bitten wir alle Apotheken, sich an dieser Aktionswoche zu beteiligen und die in der Apotheke detektierten Probleme zu dokumentieren und an uns zu schicken

Haben Sie noch Fragen?

Für Rückfragen steht Ihnen Frau Dr. Nina Griese, ZAPP der ABDA, Berlin, gerne zur Verfügung. Telefon (030) 40004244, Fax (030) 40004253, zapp@abda.aponet.de

Wir würden uns freuen, wenn auch Sie an diesem Projekt teilnehmen würden.

Vielen Dank für Ihre Mühe!

Ihre Landesapothekerkammer und ZAPP der ABDA

 

Literatur

  1. van Mil, F., et al., Arzneimittelbezogene Probleme in der öffentlichen Apotheke. Pharm. Ztg. 146 (2001) 1308­1314.
  2. Munroe, W. P., et al., Economic evaluation of pharmacist involvement in disease management in a community pharmacy setting. Clin Ther. 19 (1997) 113­123.
  3. Jage, J. und Jurna, I., Opioidanalgetika, in: M. Zenz, I. Jurna (Eds.), Lehrbuch der Schmerztherapie, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart (2001) 255­294
  4. Schaefer, M., Wie unentbehrlich sind die Apotheken. Dtsch. Apoth. Ztg. 135 (1995) 3019­3027.
  5. Schaefer, M. und Kresser, J., Pharmazeutische Betreuung vermeidet Schäden. Pharm. Ztg. 143 (1998) 4446­4454.
  6. Schaefer, M., et al., Arzneimittelbezogene Probleme bei der Insulinanwendung. Pharm. unserer Zeit 30 (2001) 142­149.
  7. Siebert, C., Der Risiko-Check mit CAVE. Pharm. Ztg. 149 (2004) 1260­1263.
  8. Zagermann-Muncke, P., ABDA-Datenbank ­welche Interaktionen werden aufgenommen? Pharm. Ztg. 148 (2003) 40­43.

 

Anschrift der Verfasser:
Zentrum für Arzneimittelinformation und Pharmazeutische Praxis (ZAPP)
ABDA ­ Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände
Jägerstraße 49/50
10117 Berlin
zapp@abda.aponet.de
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