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Rasche Resorption ist wichtig

11.02.2002
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MIGRÄNE

Rasche Resorption ist wichtig

von Brigitte M. Gensthaler, München

Migräne bedeutet nicht nur Kopfschmerzen. Viele Patienten leiden an Übelkeit, Erbrechen Lärmempfindlichkeit oder Lichtscheu; oft ist auch die Magen-Darm-Motorik verlangsamt. In der Akutbehandlung leichter Attacken wird daher meist zuerst Metoclopramid oder Domperidon gegeben, das die Resorption des Analgetikums verbessern soll. Eine Alternative können flüssige Zubereitungen bieten.

Das Bild der Migräne hat sich gewandelt, seit deren biologischer Hintergrund bekannt ist. Eine genetische Disposition erhöht die Reaktionsbereitschaft von Zellen in Hirnstammzentren. Bestimmte Reize (Trigger) können eine neurogene Entzündung in den Gefäßen auslösen, erklärte Privatdozent Dr. Stefan Evers, Vizepräsident der Deutschen Kopfschmerz- und Migränegesellschaft, bei einem Pressegespräch von Whitehall-Much in München. Alle Systeme des Gehirns könnten in Mitleidenschaft gezogen werden.

Die genetische Disposition ist bei der Migräne mit Aura bedeutender als bei der häufigeren Form ohne Aura. Einzelne Gendefekte sind bereits identifiziert, berichtete der Neurologe vom Universitätsklinikum Münster. Bei der speziellen Form der familiär-hemiplegischen Migräne, bei der die Patienten im Rahmen der Aura an einer fast kompletten Halbseitenlähmung leiden, wurden Gendefekte auf Chromosom 19 entdeckt (1).

Auch Kinder können Migräne haben

Interessanterweise kommt die Migräne weltweit gleich häufig vor. Rund 5 Prozent der Männer, bis zu 15 Prozent der Frauen und 5 Prozent der Kinder sind von dem Quälgeist im Kopf betroffen. Fast jeder Fünfte erlebt vor der Attacke eine Aura. "Diese Zahlen sind unabhängig von Ethnie, Kulturkreis und sozialem Status der Menschen", betonte Evers.

Wichtig zu wissen: Bei Kindern können die Attacken kürzer andauern, manchmal nur eine bis zwei Stunden. Typischerweise schlafen viele Kinder nach Beginn der Schmerzen ein und wachen ohne Beschwerden wieder auf; außerdem leiden sie häufiger als Erwachsene an gastrointestinalen Beschwerden. Für die Akuttherapie sei Ibuprofen (10 mg/kg Körpergewicht) das Mittel der ersten Wahl für Kinder, sagte Evers. In Studien habe diese Medikation besser abgeschnitten als Paracetamol (15 mg/kg). Triptane seien meist nicht wirksam und überdies nicht für Kinder zugelassen. In der Prophylaxe sprechen Kinder oft viel besser auf Biofeedback- und Gruppentraining an als erwachsene Patienten.

Erst ein Prokinetikum

Für die Akutbehandlung leichter bis mittelschwerer Attacken empfiehlt die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft in ihren Leitlinien Acetylsalicylsäure, Paracetamol, Ibuprofen, Naproxen und Diclofenac (1). Vorab sollten die Patienten ein Antiemetikum wie Metoclopramid oder Domperidon einnehmen. Dies bessert nicht nur Übelkeit und Erbrechen, sondern regt die während der Attacke verlangsamte oder ruhende Magen-Darm-Peristaltik an. Die Folge: Analgetika werden besser resorbiert und wirken schneller. Aus gleichem Grund kann es ratsam sein, Analgetika in gelöster Form oder als Kautablette einzunehmen. Dafür stehen derzeit ASS als Brause- oder Kautablette und Ibuprofen zur Verfügung. Seit kurzem ist eine Weichgelatinekapsel mit 400 mg gelöstem Ibuprofen erhältlich (Spalt® Liqua Migräne).

Vorteil des bereits gelösten Arzneistoffs: Die Plasmaspiegel steigen schneller an und erreichen höhere Spitzenwerte als nach Gabe einer festen Arzneiform, berichtete Dr. Sabine Paris, Scientific Affairs Manager bei Whitehall-Much. Der schnell anflutende Wirkstoff soll die Schmerzen rascher lindern. In einer Studie mit 729 Migränepatienten war die Einmalgabe von 200, 400 und 600 mg Ibuprofen in der Flüssiggel-Formulierung einem Placebo signifikant überlegen (2). Nach zwei Stunden hatten sich bei 64 Prozent (200 mg-Gabe) sowie bei jeweils 72 Prozent (400 und 600 mg) die Kopfschmerzen deutlich gebessert oder waren verschwunden. Wie hoch der Placeboeffekt ist, zeigt das Ergebnis dieser Gruppe: Jeder Zweite konnte sich über Linderung oder Schmerzfreiheit freuen.

Literatur

  1. Diener, H. C., Akuttherapie und Prophylaxe der Migräne. MMW-Fortschr. Med. 144, Nr. 3-4 (2002) I - XII.
  2. Kellstein, D. E., Evaluation of a novel solubilized formulation of ibuprofen in the treatment of migraine headache: a randomised, double-blind, placebo-controles, dose-ranging study. Cephalalgia 20 (2000) 233 - 243.

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