Pharmazeutische Zeitung online

Erythropoietin bei tumorbedingten Anämien

14.02.2000
Datenschutz bei der PZ

-PharmazieGovi-VerlagONKOLOGIE

Erythropoietin bei
tumorbedingten Anämien

von Tom Fjornes, Lübeck, und Annette Junker, Wermelskirchen

Malignompatienten leiden häufig zusätzlich unter einer Anämie, die vor allem bei intensivierten Chemo- und Radiochemotherapien zunehmen kann. Körperliche Leistungsfähigkeit und subjektives Wohlbefinden des Patienten können stark beeinträchtigt sein. Diese Anämien lassen sich mit allogenen Bluttransfusionen korrigieren, die allerdings mit verschiedenen Risiken verbunden sind, zum Beispiel einem erhöhten Infektionsrisiko, intravaskulärer Hämolyse und möglicherweise einer Immunsuppression. Zudem gibt es Hinweise dafür, dass Tumorrezidive durch Transfusionen gefördert werden können.

In den letzten Jahren konnte gezeigt werden, dass Karzinompatienten mit Tumoranämie und Chemotherapie-induzierter Anämie erfolgreich mit rekombinantem humanen Erythropoietin (r-HuEPO) behandelt werden können. In Deutschland ist die Substanz zugelassen zur Behandlung von Anämie bei Tumorpatienten, die eine platinhaltige Chemotherapie erhalten. Die Wirksamkeit von r-HuEPO ist allerdings auch bei nicht-platinhaltigen Schemata nachgewiesen. Der Behandlungserfolg mit r-HuEPO bei der Tumoranämie und induzierter Anämie ist allerdings nicht annähernd so groß wie bei renalen Anämien. Die Therapie sprach bei Patienten mit soliden Tumoren und platinassoziierter Anämie in Studien zu 36 bis 82 Prozent an (1).

r-HuEPO sollte initial dreimal wöchentlich in einer Dosis von 150 I.E. pro kg Körpergewicht subcutan gegeben werden. Bleibt der Behandlungserfolg aus, kann die Dosis nach ein bis zwei Monaten um 50 bis 100 Prozent erhöht werden. Eine viermonatige Behandlung eines 67 kg schweren Patienten mit der oben angegebenen Dosierung kostet circa 18.000 DM. Aber nur bei circa 50 Prozent der Patienten lässt sich die Anämie deutlich korrigieren. Ob Patienten Erythropoietin erhalten, sollte deshalb nach strengen Kriterien und klinisch prädiktiven Faktoren entschieden werden (1).

Um einen Therapieerfolg voraussagen zu können, wurden unterschiedliche Algorithmen entwickelt. Einer davon besagt, dass ein Behandlungserfolg wahrscheinlich ist, wenn nach vierwöchiger Therapie der Hb-Wert über 1 g/dl und die Zahl der Retikulozyten über 40 000/ml angestiegen sind. Erst nach zwei bis drei Monaten lässt sich ein Therapieerfolg endgültig bewerten.

r-HuEPO wird in der Regel gut vertragen. Da das Präparat gentechnisch hergestellt wird, drohen keine Virusinfektionen. Vereinzelte Unverträglichkeitsreaktionen sind meist auf lokale Reaktionen an der Injektionsstelle begrenzt, selten treten Hypertonien auf.

Neue Daten, die Ende 1999 bei der gemeinsamen Jahrestagung der Deutschen und der Österreichischen Gesellschaften für Hämatologie und Onkologie (DÖGHO) in Jena vorgestellt wurden, lassen vermuten, dass nach Anämiekorrektur durch r-HuEPO die Behandlungseffizienz bei soliden Tumoren steigt.

Im Tiermodell konnte bereits gezeigt werden, dass r-HuEPO die Effizienz der Cisplatin-Therapie verbessern kann (2). Dr. Christoph Glaser aus Wien stellte darüber hinaus eine Studie (3) zur neoadjuvanten Radiochemotherapie bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren vor. 37 Patienten mit fortgeschrittenem oralen Plattenepithelkarzinom und einem Hb-Wert unter 12,5 g/dl erhielten zusätzlich zur neoadjuvanten Chemoradiotherapie r-HuEPO in üblicher Dosierung. Der Hb-Wert stieg binnen zwei bis drei Wochen auf über 12,5 g/dl, berichtete Glaser. Nach der Tumorresektion fand der Wissenschaftler im Resektat von einem Drittel der Patienten aus der r-HuEPO-Gruppe, aber bei drei von vier Personen der Kontrollgruppe residuelle Krebszellen. Nach 17 Monaten traten nur bei 10,8 Prozent der Patienten aus der r-HuEPO-Gruppe Rezidive auf. In der Kontrollgruppe waren es dagegen 30 Prozent, berichtete Glaser weiter.

Die obengenannte Studie enthält eine ganze Reihe von Schwachstellen: Es waren relativ wenig Patienten eingeschlossen, die Daten waren nicht randomisiert und die prospektiven und retrospektiven Gruppen wurden gemischt. Weiterhin bleiben wichtige Aspekte wie zum Beispiel die Ansprechrate unklar. Weitere Studien mit mehr Patienten und besserem Design sollen beim nächsten Kongress der American Society of Clinical Oncology (ASCO) im Mai vorgestellt werden.

Literatur:

  1. Fjornes, T., Leitlinie für den Einsatz von recombinantem humanen Erythropoietin bei Tumorpatienten mit soliden Tumoren und tumor-/chemotherapieinduzierter Anämie. Onkologische Pharmazie 3, 1 (1999) 3 - 4.
  2. Silver, D.F., Piver, M.S., Gynecol Oncol 73 (1999) 280 - 284.
  3. Glaser, C., et al., R-HuErythropoietin treatment increases efficacy of neoadjuvant radiochemotherapy and improves cancer free survival in patients with oral squamous cell carcinoma. abstract DÖGHO 1999.

Für die Verfasser:
Annette Junker,
Sellscheid 100,
42929 Wermelskirchen Top

© 2000 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa