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Reizmagen hat Saison

15.01.2001  00:00 Uhr

PHARMACON DAVOS

Reizmagen hat Saison

PZ

Kaum eine Entdeckung hat die Therapie der Magen-Darm-Erkrankungen so stark beeinflusst, wie die des Helicobakter pylori (Hlc.p.). Heute gilt: Ein Ulcus in Magen oder Zwölffingerdarm geht zu 80 Prozent mit einer Infektion mit dem Bakterium einher. Entscheidend für den Therapieerfolg sei es daher, ob es gelingt, den Keim zu eradizieren, erklärte Professor Dr. Herbert Koop vom Klinikum Berlin-Buch.

Inzwischen haben sich laut Koop zwei Arzneimittelkombinationen als Standard etabliert: die so genannte französische Tripeltherapie bestehend aus dem Protonenpumpenhemmer (PPI) Omeprazol und den beiden Antibiotika Clarithromycin und Metronidazol oder die italienische Variante, bei der an Stelle des Metronidazols Amoxicillin gegeben wird. Bei guter Compliance der Patienten seien die Therapieerfolge beachtlich. Koop bezifferte sie auf 90 Prozent.

Im ersten Jahr rezidiviert die Hlc.p.-Infektion bei 2 bis 3 Prozent. Therapieversager seien entweder auf eine schlechte Compliance beziehungsweise Resistenzen zurückzuführen oder die Pharmaka würden falsch ausgewählt oder zu niedrig dosiert.

Für die Patienten, die eines der ausgewählten Arzneimittel nicht vertragen oder bei denen die Therapie nicht anspricht, stehen zwei Reserveschemata zur Verfügung. Einmal die nebenwirkungsreiche Quadruple-Therapie mit Tetracyclin plus Metronidazol, PPI und einem Wismutsalz. Das relativ neue RAP-Schema setzt sich aus PPI, Amoxicillin und Rifabutin zusammen. Hier warnte Koop jedoch vor Resistenzen von Mycobakterien. Prinzipiell sollten Mediziner seiner Meinung nach mit beiden Ersatzprotokollen auf Grund der drohenden Resistenzen nur sehr sparsam umgehen.

Kritisch bewertete Koop die Tripel-Therapie bei Patienten mit den Symptomen eines Reizmagens. Wissenschaftler hätten hier bislang in keiner Studie nachweisen können, dass es effizienter sei, zunächst den Keim auszurotten, anstatt nur einen Protonenpumpenhemmer zu geben. Koop: "Während ein Ulcus-Patient prinzipiell von der Hlc.p.-Eradikation profitiert, ist bei Reizmagen-Patienten eine intensive ärztliche Betreuung und Aufklärung essenziell." Oft trete ohne Behandlung eine spontane Besserung ein.

Obwohl mit den selektiven COX-2-Hemmern seit neuestem magenverträglichere Antirheumatika zur Verfügung stehen, erkranken noch immer 5 bis 10 Prozent aller Patienten an einem Ulcus, die regelmäßig ein nicht steroidales Antirheumatikum einnehmen. Laut Koop sind vor allem die Dosis und Therapiedauer entscheidend. Besonders gefährdet seien zudem Patienten, die schon früher einmal an einem Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür erkrankten. Liegen solche Risikofaktoren vor, sollte der Arzt dem Betroffenen prophylaktisch einen PPI oder Misoprostol verschreiben.

Auch bei den Refluxerkrankungen nannte der Mediziner die Protonenpumpenhemmer derzeit als Mittel der Wahl. Hier hänge die Heilungsrate stark vom gastralen pH-Wert ab. Koop empfahl, die Symptome möglichst sofort mit einem relativ hoch dosierten PPI anzugehen. Die H2-Antagonisten seien höchstens aus Budgetgründen eine Alternative. In Studien mit Refluxpatienten seien die Substanzen nicht erfolgreicher als Placebo gewesen. Koops Tipp: Bei gelegentlichem Sodbrennen sollten die Patienten zum Antacidum greifen. Erst wenn die Kunden in der Apotheke regelmäßig nach Antacida fragten, sollte der Apotheker einen Arztbesuch und die Verordnung eines PPI empfehlen. Top

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