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Antidepressivum kann Wirkung von Tamoxifen verringern

29.12.2003
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Antidepressivum kann Wirkung von Tamoxifen verringern

von Dagmar Knopf, Limburg

Das zur Behandlung und Prävention von Brustkrebs eingesetzte Antiestrogen Tamoxifen löst bei den meisten Patientinnen Hitzewallungen aus. Antidepressiva der neuesten Generation wie Paroxetin können diese lindern, senken jedoch gleichzeitig auch die Wirksamkeit des Krebsmittels.

Tamoxifen ist ein häufig und wirkungsvoll eingesetzter Arzneistoff zur Bekämpfung von hormonabhängigem Brustkrebs sowie dessen Prävention bei Frauen mit sehr hohem Brustkrebsrisiko. Neben seiner Wirksamkeit sind eine Reihe von schweren Nebenwirkungen wie Schlaganfall, Venenthrombose und Lungenembolie bekannt. Aber auch nicht lebensgefährliche Nebeneffekte können die Lebensqualität der Patientinnen stark einschränken.

So leiden 80 Prozent der Frauen unter Hitzewallungen, der verbreitetsten Nebenwirkung von Tamoxifen. 45 Prozent der Betroffenen schätzen die Störungen als sehr ernst ein. Hier erweisen sich Antidepressiva der neuesten Generation als wirksam: Sowohl selektive Serotonin- als auch Noradrenalin-Wiederaufnahmehmmer (SSRI, SNRI) senken die Hitzewallungen erfolgreich.

Allerdings scheinen sie gleichzeitig jedoch auch die Wirksamkeit des Krebsmittels zu reduzieren. Zu diesem Ergebnis kamen Wissenschaftler der Indiana University (Journal of the National Cancer Institute, Band 95 (2003) 1758 - 1764). Sie zeigten dass, der SSRI Paroxetin Cytochrom-P450-Enzyme inhibieren kann und somit störend in den Metabolismus von Tamoxifen eingreift.

Neuer Metabolit entdeckt

Vered Stearns und David Flockhart bezogen in ihre Studie zwölf Frauen ein, die bereits schon einmal an Brustkrebs erkrankt waren, zum Zeitpunkt der Studie jedoch keine Erkrankung aufwiesen. Alle litten unter starken Hitzewallungen. Ausgeschlossen von der Studie waren Frauen, die bereits auf Grund dieser Nebenwirkung in Behandlung waren.

Alle Probandinnen erhielten über vier Wochen 20 mg Tamoxifen pro Tag. In weiteren vier Wochen nahmen die Frauen zusätzlich täglich 10 mg des Antidepressivums Paroxetin ein. Nach vier und acht Wochen wurden jeweils Blutproben entnommen, um zu den Effekt der Comedikation auf den Tamoxifenmetabolismus zu untersuchen.

Tamoxifen selbst ist ein Prodrug, dessen aktive Metabolite in der Leber entstehen. Das bislang bekannte wirksame Abbauprodukt 4-Hydroxy-Tamoxifen hemmt die durch Estrogen induzierte Zellteilung, die bei hormonpositiven Tumoren gestoppt werden soll.

Vered Stearns und David Flockhart entdeckten nun einen neuen Metaboliten des Antiestrogens, das 4-Hydroxy-N-Desmethyl-Tamoxifen, Endoxifen genannt. Dessen Konzentration sank von durchschnittlich 12,4 ng/ml vor Einnahme von Paroxetin auf 5,5 ng/ml nach Comedikation. Reduzierte Level von Endoxifen traten hauptsächlich bei Frauen auf, die Träger des Wildtyps für das Cytochrom P450 2D6 waren. Bei den sieben betroffenen Frauen sank die Endoxifenkonzentration im Mittel um 64 Prozent. Bei den fünf Frauen, die eine andere Genvariante des Cytochromgens trugen, reduzierte sich der Blutspiegel lediglich um 24 Prozent.

Da Endoxifen in vitro die durch Estrogen induzierte Zellproliferation ebenso wirksam hemmte wie 4-Hydroxy-Tamoxifen, schreiben die Wissenschaftlern beiden Metaboliten die gleiche Wirksamkeit zu. Von der Interaktion und einer damit verbundenen Wirkeinbuße sind nach den Ergebnissen von Stearns und Flockhart daher besonders Patientinnen betroffen, die mit dem Wildtyp für CYP 2D6 ausgestattet sind.

Eine Warnung für die gleichzeitige Einnahme von Tamoxifen und dem Antidepressivum geben die Forscher jedoch noch nicht heraus. Erst müsse eine wesentlich größere Studie die Ergebnisse bestätigen. Top

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