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Pille schützt vor Krebs und Herzkrankheiten

08.11.2004
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Pille schützt vor Krebs und Herzkrankheiten

von Dagmar Knopf, Limburg

Dieselbe große Studie, die die Debatte um die Hormonersatztherapie (HRT) bei postmenopausalen Frauen entscheidend verschärft hat, weist nun auf eine positive Wirkung einer Hormoneinnahme bei jüngeren Frauen hin.

Die amerikanische WHI-Studie (Women´s Health Initiative) ist hauptsächlich dafür bekannt, dass sie die Gesundheitsrisiken der Hormonersatztherapie offen legte. Dr. Rahi Victory und seine Kollegen von der Wayne University in Detroit werteten die WHI-Datenbank, die Datensätze von rund 162.000 Frauen beinhaltet, nun auf weitere Zusammenhänge aus. Dabei zeigte sich, dass bei jungen Frauen die Einnahme von oralen Kontrazeptiva das Risiko für Krebs um 7 Prozent und für kardiovaskuläre Ereignisse um 8 Prozent senkte.

Einnahmezeitpunkt ist entscheidend

Wie können nun dieselben Hormone einerseits schädigend wirken und auf der anderen Seite eine schützende Wirkung haben? Die Antwort auf diese Frage könnte der Zeitpunkt der Einnahme liefern. Werden Estrogen und Progesteron eingenommen, bevor die Menopause einsetzt und sich noch keine Herzprobleme entwickelt haben, scheinen sie eine Schutzfunktion auszuüben. Erfolgt die Einnahme jedoch erst, wenn die Menopause bereits eingesetzt hat und kardiovaskuläre Erkrankungen schon sichtbar geworden sind, können dieselben Hormone schädlich sein.

Damit sich positive Gesundheitsaspekte zeigten, mussten die Frauen das Kontrazeptivum mindestens ein Jahr lang geschluckt haben. Nahmen sie es länger ein, steigerte sich der Nutzen – auch unabhängig von anderen Faktoren, wie etwa Rauchen. Frauen, die länger als acht Jahre die Pille genommen hatten, zeigten ein um 42 Prozent geringeres Risiko für Eierstockkrebs und ein um 30 Prozent geringeres für Gebärmutterkrebs. Andererseits konnte kein erhöhtes Risiko für Brustkrebs nachgewiesen werden.

„Die Ergebnisse scheinen eine Überraschung zu sein“, sagte Victory. „Aber sie sollten es wirklich nicht sein.“ Denn es gebe bereits vermehrt Hinweise darauf, dass Estrogen, in den Jahren vor der Menopause eingenommen, schützend wirkt. Hat sich bis zu dem Zeitpunkt der Einnahme noch kein kardiovaskuläres Problem manifestiert, wirken sich die Hormone positiv aus. Tierversuche unterstützen diese Hinweise. Bei Frauen hingegen, die sich bereits in der Menopause befinden, könne Estrogen bestehende Herzprobleme verstärken.

Frühere Studien, so Victory, hätten den schützenden Effekt der Hormone aufs Herz nicht nachweisen können, weil sie zu klein oder nicht umfassend genug waren. Hier hatte sich entweder ein gesteigertes oder nicht gesteigertes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen gezeigt, aber niemals eine Abnahme. Die geringeren Tumorerkrankungen hingegen hätten schon früher beobachtet werden können, der Zusammenhang zwischen Hormongabe und dem Risiko für Brustkrebs bliebe kontrovers.

Daten noch nicht gesichert

Eine weitere Erklärung für den scheinbaren Widerspruch zu den Ergebnissen der WHI-Studie könnte in dem unterschiedlichen Studiendesign der Studien begründet sein. Zwar beziehen sich sowohl die Ergebnisse der Hormonersatztherapie als auch die der jüngsten Studie auf Daten aus der WHI, doch werteten Victory und Kollegen die Daten aller 162.000 Frauen aus, während die Studie zur Hormonersatztherapie nur 16.000 Frauen einschloss.

Zudem handelt es sich bei der von Victory vorgestellten Untersuchung im Gegensatz zur WHI-Studie nicht um eine randomisierte Studie. Des Weiteren sind die verabreichten Hormone in Zusammensetzung und Dosierung zur Kontrazeption oder im Rahmen einer Hormonersatztherapie nicht identisch. Die Ergebnisse müssen somit erst in entsprechenden Untersuchungen bestätigt werden, bevor medizinische Rückschlüsse gezogen werden können.

Victory fasst seine Ergebnisse so zusammen: „Wir glauben, dass orale Kontrazeptiva unbedenklich sind. Aber können wir auch sicher sagen, dass sie eine schützende Wirkung haben? Nein.“ Auch streitet er keineswegs ab, dass die Hormonersatztherapie bei Frauen nach der Menopause Risiken für Herzkrankheiten bedingt. „Wir unterstützen die Ergebnisse der WHI und stimmen mit ihnen überein.“ Da die schützenden Wirkungen noch nicht gesichert sind, könne zum jetzigen Zeitpunkt keiner Frau geraten werden, die Pille vorbeugend einzunehmen, um sich vor Herzproblemen zu schützen und ihr Krebsrisiko zu senken.

 

Quelle: Rahi Victory, M.D., Wayne State University School of Medicine, Detroit; Oct. 20, 2004, presentation, American Society for Reproductive Medicine in Philadelphia Top

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