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Beratungstipps für Patienten

31.10.2005  00:00 Uhr
HIV-Therapie

Beratungstipps für Patienten

von Sven Siebenand, Berlin

Medikamente gegen das HI-Virus halten die weitere Zerstörung des Immunsystems auf, allerdings sind ihnen allen Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Muskel- und Kopfschmerzen gemein. Substanzspezifische Nebenwirkungen und unterschiedliche Darreichungsformen erfordern bei einigen Präparaten darüber hinaus besonderen Erklärungsbedarf im Beratungsgespräch.

Bei der Einnahme des nukleosidischen Reverse-Trankriptase-Hemmers (NRTI) Abacavir (Ziagen®) können Hypersensitivitätsreaktionen wie Fieber, Hautausschlag, Halsschmerzen und Husten auftreten. »Diese Überempfindlichkeitsreaktionen sind nicht schlimm, müssen dem Patienten aber erklärt werden«, sagte Apothekerin Claudia Neuhaus auf einer gemeinsamen Fortbildungsveranstaltung von Apotheker- und Ärztekammer in Berlin. Keinesfalls darf das Medikament ohne den Rat des behandelnden Arztes abgesetzt werden. Wurde Abacavir auf Grund von Unverträglichkeitsreaktionen einmal abgesetzt, so darf der Patient es nicht wieder anwenden. Auch bei den Kombinationsmitteln Kivexa® und Trizivir® besteht das Risiko eines Hypersensitivitätssyndroms, da sie ebenfalls den Wirkstoff Abacavir enthalten.

Der Wirkstoff Emtricitabin ist im Monopräparat Emtriva® und im Kombinationsmittel Truvada® enthalten. Dieser Revertasehemmer hat eine sehr lange Halbwertszeit und kann Hyperpigmentierungen und Hautausschläge verursachen.

Aufpassen bei depressiven Patienten

Zu den nicht-nukleosidischen Reverse-Transkriptase-Hemmern (NNRTI) zählen die Wirkstoffe Delavirdin, Efavirenz und Nevirapin. »Sustiva® ­ Efavirenz ­ ist nicht Mittel der Wahl bei depressiven oder suizidgefährdeten Patienten, weil es schwere psychotische Nebenwirkungen auslösen kann«, betonte Dr. Christiane Cordes, Allgemeinmedizinerin mit dem Schwerpunkt HIV und Hepatitis. Neuhaus fügte hinzu, dass oft auch Schwindel, Benommenheit und Müdigkeit hinzukommen. Daher sei das Reaktionsvermögen vermindert (Cave: Auto/Maschinen) und die Einnahme der Tabletten kurz vor dem Schlafengehen empfehlenswert.

Nevirapin (Viramune®) dagegen kann allergische Reaktionen mit starken Hautausschlägen verursachen. Zudem wirkt es stark hepatotoxisch. Daher sollte auch dieser Wirkstoff nicht mit Alkohol eingenommen werden, so Neuhaus.

 

HIV-kompetente Apotheken Bereits über 40 Apotheken haben sich bundesweit in der Deutschen Arbeitsgemeinschaft der HIV-kompetenten Apotheken, kurz DAHKA, zusammengeschlossen. Ziele des Vereins sind unter anderem die Verbesserung der Beratung von HIV-positiven Patienten, die Weiterbildung des Personals auf dem Gebiet HIV und Aids, die Förderung der Zusammenarbeit zwischen Apotheker und Arzt beziehungsweise Institutionen des Gesundheitswesens sowie die Interessenvertretung gegenüber Behörden und Krankenkassen. Interessierte können sich unter www.dahka.de über den Verein informieren und finden dort auch Hinweise zur Mitgliedschaft.

 

Neben den Revertase-Hemmern spielen die Protease-Inhibitoren eine wichtige Rolle in der HIV-Therapie. Normalerweise ist die Einnahme zur Mahlzeit zu bevorzugen, im Fall von Invirase® und Fortovase® (beides Saquinavir) kann sie aber auch noch bis zu zwei Stunden nach dem Essen erfolgen. Der Proteasehemmer Indinavir (Crixivan®) kann für die Bildung so genannter Crixivan-Steine und für starke, nierenkolikartige Schmerzen verantwortlich sein. »Raten Sie den Patienten daher unbedingt zu einer gesteigerten Flüssigkeitszufuhr«, hob Neuhaus hervor. Mindestens zwei bis drei Liter sollten es täglich sein, bei warmen Temperaturen entsprechend mehr.

Reyataz®-Tabletten (Atazanavir) können zu einer Hyperbilirubinämie führen. Auf eine mögliche Gelbfärbung der Augen, die allerdings reversibel ist und nach zwei bis drei Wochen von alleine zurückgeht, sollten die Patienten hingewiesen werden. Zudem dürfen Antacida nur im zeitlichen Abstand von mindestens zwei Stunden eingenommen werden. Cordes fügte hinzu, dass nicht nur Antacida, sondern auch Protonenpumpemhemmer mit Atazanavir in Wechselwirkung treten. So wird durch die gleichzeitige Einnahme von Omeprazol und Atazanavir der Wirkspiegel des Protease-Hemmers um 70 bis 80 Prozent gesenkt, was zum Therapieversagen führen kann.

Gebremster oder forcierter Abbau

Der Wirkstoff Ritonavir (Norvir®) wird als Kombinationspartner in vielen Therapieregimen zum Boostern eingesetzt. Zahlreiche Wirkstoffe werden in der Leber durch das Cytochrom P450 3A4 metabolisiert. Ritonavir hemmt dieses Enzym, verzögert den Abbau anderer Proteasehemmer und erhöht so deren Wirkspiegel. Allerdings werden auch andere Wirkstoffe wie Sildenafil auf diesem Wege abgebaut. Die Konzentration des eingenommenen Potenzmittels erhöht sich deutlich und kann starke Nebenwirkungen wie Blutdruckabfall verursachen. Mit dem Arzt sollte geklärt werden, ob die Dosis des Potenzmittels gegebenenfalls reduziert wird. Auch Drogen wie Ecstasy, Special K (Ketamin) und LSD wirken unter Ritonavir-Einnahme länger und stärker. Ebenso kann Grapefruitsaft die Konzentration etwa von Saquinavir erhöhen, ohne dass jedoch die Dosis angepasst werden muss. Dagegen führt Johanniskraut zu einem schnelleren Abbau der Proteasehemmer, wodurch die Blutspiegel zu niedrig sind. Mögliche Folgen sind Resistenzen und Therapieversagen. Gleiches gilt für Knoblauchpräparate, die zumindest den Blutspiegel von Saquinavir deutlich senken. Daher dürfen beide Phytopharmaka nicht gleichzeitig mit Saquinavir angewandt werden.

Die einzige fixe Kombination, die neben Lopinavir bereits Ritonavir enthält, ist Kaletra®, das als Lösung und in Form von Weichgelatinekapseln auf dem Markt ist. Apotheker sollten den Patienten darauf hinweisen, dass die Kapseln im Kühlschrank aufbewahrt werden müssen. Ansonsten kann es zur Bildung von Kondenswasser kommen, das zu Läsionen an der Sollbruchstelle der Kapseln und damit zum Austritt des Wirkstoffs führt. Auch andere Weichgelatinekapseln wie Norvir, Fortovase und Invirase müssen aus diesem Grund kühl gelagert werden.

Hoher Erklärungsbedarf bei Fuzeon

Besonderen Erklärungsbedarf verlangt die Herstellung der Injektionslösung des Fusionsinhibitors Enfuvirtide (Fuzeon®). Bevor der Wirkstoff subkutan appliziert werden kann, muss das Lyophilisat aufgelöst werden. Neuhaus empfiehlt ihren Patienten, drei Dosen auf einmal herzustellen. Die erste zur sofortigen Injektion, die nächste für die zweite Tagesdosis nach zwölf Stunden und die dritte für den folgenden Tag. Die beiden nicht sofort verwendeten Lösungen müssen im Kühlschrank aufbewahrt werden. Damit sich das Pulver gut löst, könne man die Injektionsfläschchen einige Minuten am Körper tragen, so die Apothekerin. Neben der Herstellung der Lösung, übt sie mit den Patienten auch Spritzen aufzuziehen und bespricht die Wahl der Injektionsorte. Entzündliche Reaktionen an der Einstichstelle und Juckreiz können mit leichten Cortisonsalben beziehungsweise Antihistaminika-haltigen Salben behandelt werden.

 

USA verweigern Einreise bei HIV-Infektion Eine HIV-Infektion kann bei der Ankunft in einigen Ländern große Schwierigkeiten bereiten beziehungsweise zum Versagen der Einreise führen. Beispielsweise ist in den Vereinigten Staaten eine diesbezügliche Regelung mittlerweile gesetzlich verankert: Hier wird bei der Einreise in den Antragsformularen explizit nach einer übertragbaren Krankheit, die für die Gesundheit der Bevölkerung von Bedeutung ist (communicable disease of public health significance), gefragt. Wird diese Frage mit »Ja« beantwortet, wird die Einreise verweigert. Antwortet der Antragsteller mit »Nein«, obwohl er weiß, dass er mit HIV infiziert ist, begeht er Einwanderungsbetrug, was ebenfalls ein Einreiseverbot zur Folge hat. Eine Überprüfung der Antwort durch die US-Beamten bei der Einreise ist jedoch nur bei eindeutigen Indizien oder ungefragten eindeutigen Aussagen zulässig. Nicht-US-Bürger, die HIV-positiv sind, halten sich illegal in den USA auf und werden, falls dies entdeckt wird, ausgewiesen. Damit eine HIV-Infektion nicht bereits beim Zoll entdeckt wird, können mitgeführte und vielleicht auffällige oder bekannte HIV-Medikamente in Deutschland von der Umverpackung befreit werden.

In Ausnahmefällen wie Familienbesuchen, medizinischer Behandlung, Geschäftsreisen oder der Teilnahme an einem wissenschaftlichen, gesundheitsbezogenen Kongress gewähren die USA einen 30-Tage-Aufenthalt. In diesem Fall ist es aber unbedingt ratsam, sich vor der Reise an die amerikanische Botschaft in Deutschland zu wenden.

Weitere aktuelle Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen anderer Länder können dem Quellenband »Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen, Medizinische Versorgung für Menschen mit HIV und Aids« der Deutschen Aids-Hilfe entnommen werden, die im Internet (www.aidshilfe.de unter »Materialien«) kostenlos beziehungsweise gegen eine Spende bestellt werden kann.

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