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Synthetischen Antidepressiva ebenbürtig

10.10.2005  00:00 Uhr
Johanniskraut

Synthetischen Antidepressiva ebenbürtig

von Brigitte M. Gensthaler, München

Auch wenn eine aktuelle Metaanalyse die Erwartungen dämpft: Hoch dosierte Johanniskrautextrakte können Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Depression ähnlich gut helfen wie synthetische Antidepressiva. Dies zeigte eine Studie für die Akut\-therapie und Rückfallprophylaxe.

Eine Metaanalyse von 37 randomisierten Doppelblindstudien brachte Klarheit: Bei schwer depressiven Patienten hatten Hypericum-Monopräparate im Vergleich zu Placebo nur geringe Effekte. Wurden überwiegend Menschen mit leichten bis mittelschweren Depressionen behandelt, war das Phytopharmakon Placebo deutlich überlegen und ebenso effektiv wie synthetische Standard-Antidepressiva, aber besser verträglich (1). Neue Studien könnten die Datenlage zu Gunsten von Hypericum perforatum stärken.

Dessen Nutzen in der Akut- und Langzeittherapie bei mittelschwerer bis schwerer Depression zeigt eine Studie, die Professor Dr. Siegfried Kasper aus Wien bei einer Pressekonferenz des Komitee Forschung Naturmedizin vorstellte. 251 Patienten erhielten täglich 900 mg des wässrig-alkoholischen Extrakts WS® 5570 oder 20 mg Paroxetin (SSRI). Bei mangelndem Ansprechen konnten die Dosen verdoppelt werden. In der sechswöchigen Akuttherapie nahm der HAMD-Gesamtscore (Hamilton Rating Scale for Depression) in beiden Gruppen vergleichbar gut ab (2).

Mehr als 70 Prozent der Patienten aus der Phytogruppe und 60 Prozent aus der SSRI-Gruppe wurden nach sechs Wochen als Responder eingestuft. 133 von ihnen erhielten vier Monate lang ihre Medikation in gleicher Dosis weiter. Beide Medikamente konnten Rückfälle in dieser Zeit vergleichbar gut verhindern. Die moderne Therapie der Depression erfordert eine noch längere Behandlung, erklärte Kasper. Nach der Akuttherapie folge eine mehrmonatige Rezidivprophylaxe, an die sich eine Langzeit-Erhaltungstherapie anschließt, die vor neuen Episoden schützen soll.

Ob WS® 5570 auch dafür geeignet ist, soll eine weitere Studie klären, die noch nicht vollständig ausgewertet ist. Zunächst bekamen 703 Patienten mit leichter bis mittelschwerer Depression für sechs Wochen dreimal täglich 300 mg Extrakt. 570 Patienten sprachen auf die Akuttherapie an und erhielten dann 26 Wochen lang doppelblind Verum oder Placebo. In dieser Zeit erlitten 18 Prozent aus der Phytogruppe und 26 Prozent aus der Placebogruppe einen Rückfall. Die Zeit bis zum Relapse war unter Verum deutlich länger und zudem verbesserte sich der HAMD-Score nochmals leicht, nicht aber unter Placebo. 426 Patienten wurden nach 26 Wochen erneut als Responder eingestuft und erhielten ihre Medikation in einer doppelblinden Erhaltungsphase weiter. Die gesamte Studie ist auf 52 Wochen angelegt.

Einmalgabe fördert Compliance

Dass auch die Einmalgabe von Johanniskraut Menschen mit mittelschwerer Depression hilft, wurde bereits gezeigt. In einer Kurzzeitstudie über sechs Wochen waren 900 mg Extrakt STW 3-VI (Laif® 900) und 20 mg Citalopram deutlich besser antidepressiv wirksam als Placebo (3). Mehr als die Hälfte sprach auf die Arzneimittel und immerhin 39 Prozent auf Placebo an. Dieser Applikationsmodus wurde jetzt in einer Halbjahresstudie mit 241 Patienten mit mittelschwerer Depression untersucht (4). Die ersten zwölf Wochen erhielten sie einmal täglich 612 mg STW-3 oder 50 mg Sertralin. 161 Patienten wurden anschließend zwölf Wochen weiterbehandelt. In der ersten Studienphase senkten beide Vera den HAMD-Score in gleichem Ausmaß; die Responderrate war mit 68 und 70 Prozent ähnlich. Bei fortgesetzter Medikation besserte sich die Erkrankung in beiden Gruppen weiter. Die Verträglichkeit wurde jeweils als gut oder sehr gut bewertet.

Potenzieller Wirkmechanismus

Auf molekularer Ebene beeinflussen Johanniskrautextrakte den Neurotransmitter-Stoffwechsel in ähnlicher Weise wie trizyklische Antidepressiva (TCA) und Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Dies folgerte Professor Dr. Ulrich Honegger vom Institut für Pharmakologie der Universität Bern aus In-vitro-Versuchen. Er testete wässrig-alkoholische, lipophile und hydrophile Extrakte, die Reinsubstanzen Hyperforin und Hypericin sowie Imipramin und Desipramin, Fluoxetin und Fluvoxamin.

An präparierten Rattenhirnschnitten reduzierten alle Extrakte dosisabhängig die Wiederaufnahme von Serotonin (5-HT) und Noradrenalin aus dem synaptischen Spalt. Die Serotonin-Aufnahme wurde vergleichbar stark gehemmt wie durch die Synthetika, die Noradrenalin-Wiederaufnahme jedoch schwächer. Hyperforin und Hypericin alleine hatten keinen Effekt.

Der Einfluss einer chronischen Exposition auf postsynaptische Rezeptoren und die Signaltransduktion wurde an kultivierten Ratten-Astrozytomzellen gemessen. Sowohl die Synthetika als auch die Extrakte, nicht aber Hyperforin und Hypericin alleine lösten in der Zellkultur dosisabhängig diesen Effekt aus. Damit korrelierte die Konzentrationsabnahme des Second-messengers cAMP. Auch die Dichte der 5-HT2-Rezeptoren nahm ab, nicht aber die der 5-HT1-Rezeptoren. Die Zeitspanne bis zur Rezeptor-Down-Regulation wird mit dem verzögerten klinischen Wirkeintritt in Verbindung gebracht.

 

Literatur

  1. Linde, K., et al., Brit. J. Psychiatry 186 (2005) 99-107.
  2. Szegedi, A., et al., Brit. Med. J. 330 (2005) 503-506.
  3. N. N., Pharm. Ztg. 149, Nr. 48 (2004).
  4. Gastpar, M., et al., Pharmacopsychiatry 38 (2005) 78-86.

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