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Sekt geht schneller ins Blut

11.10.1999
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-PharmazieGovi-Verlag

EXPOPHARMKONGRESS

Sekt geht schneller ins Blut

von Ulrich Brunner, Leipzig

Wieviel Promille habe ich nach drei Gläsern Sekt? Warum müssen Patienten, die mit Doxycyclin therapiert werden, eigentlich eine Initialdosis schlucken? Anhand dieser praxisrelevanten Fragen bewiesen die Heidenheimer Klinikapotheker Dr. Wiltrud Probst und Dr. Roman Frey im PZ-Workshop: Die Pharmakokinetik ist ein Thema für die Apothekenpraxis.

Clearance, Steady state oder Verteilungsvolumen - viele Apothekerinnen und Apotheker schreckt die trockene Rechenformel eher ab. Aber die meisten Zusammenhänge sind leicht zu überschauen und gut verständlich. Die beiden Klinikapotheker bewiesen: Mit ein wenig kinetischem Know-how lassen sich verblüffend einfach pharmakotherapeutische Fragen beantworten. "Konzentrieren Sie Sich nicht zu sehr auf die Plasmakonzentration", warnte Frey. Messbare klinische Effekte seien grundsätzlich aussagekräftiger als der Blutspiegel.

Wird ein Stoff konstant und unabhängig von der jeweils vorliegenden Konzentration ausgeschieden, liegt eine Kinetik nullter Ordnung vor. Das gilt beispielsweise für Ethanol. Deshalb kann die Promillezahl anhand der konsumierten Alkoholmenge, dem Zeitraum und Körpergewicht relativ einfach berechnet werden. Bei jeder Vorhersage sollte jedoch beachtet werden, dass Ethanol hauptsächlich im Magen resorbiert wird. Daher ist auch entscheidend, wieviel und welche Nahrung aufgenommen wurde, sagte Probst. Fett verlangsamt prinzipiell die Resorption. Dagegen gelangt Alkohol im Beisein von Kohlensäure durch die pH-Wert-Verschiebung viel schneller ins Blut. Das erkläre, warum ein Glas Sekt so schnell in den Kopf steigt, sagte Probst.

Die gleichen kinetischen Zusammenhänge gelten für Salicylsäure und ihre Derivate. Diese wird über fünf verschiedene Wege abgebaut. Zwei Enzymsorten sind beim Abbau relativ schnell gesättigt. Die Kinetik schlägt konzentrationsabhängig (> 2g) von der ersten in die nullte Ordnung um. Diese Zusammenhänge sollten vor allem bei Patienten mit Polyarthritis beachtet werden, warnte Probst. Sie erhielten im Schnitt pro Tag mehr als 2 g Acetylsalicylsäure. Durch die veränderte Kinetik sei hier mit viel höheren Halbwertszeiten zu rechnen. Beträgt diese bei Tagesdosen unter 2 g circa zwei bis drei Stunden, steigt sie bei Mengen über 2 g auf bis zu 30 Stunden.

"Wenn man sieht, wie Tramadol-Tropfen dosiert werden, dann glaubt man, es weiß kein Mensch etwas über kinetische Zusammenhänge", kritisierte Frey. Um eine kontinuierliche Analgesie zu erreichen, müsse der Arzneistoff mindestens alle acht Stunden verabreicht werden, also dreimal täglich. Das sehe im Krankenhausalltag aber ganz anders aus. Dort erhielten Schmerzpatienten ihre dritte Dosis oft schon zum Abendessen. Resultat: Aufgrund des zu langen Intervalls treten die stärksten Schmerzen morgens zwischen 3 und 4 Uhr auf. Frey empfahl, das Analgetikum erst vor dem Schlafengehen zu verabreichen, und eventuell sogar 25 statt 20 Tropfen.

Und wie war das mit dem Doxycyclin? Die minimale Hemmkonzentration wird bei dem vorgeschriebenen Therapieregime - einmal täglich 100 mg - erst nach drei bis vier Tagen erreicht. Um die bakterielle Infektion möglichst schnell anzugehen, müssen die Patienten deshalb am ersten Tag die doppelte Dosis schlucken. Aufgrund der langen Halbwertszeit von circa 16 Stunden muss die Dosierung ab den zweiten Tag auf 100 mg reduziert werden. "Machen Sie Ihren Patienten bloß klar, warum sie ab dem zweiten Tag nur die Hälfte einnehmen dürfen", betonte Frey.

Auch beim Malariamedikament Mefloquin sollte der Apotheker über das richtige Therapieregime informieren. Um einen sicheren Schutz zu gewähren, müsse der Reisende am Abflugtag schon zwei Tabletten eingenommen haben. Das heißt, mit der Prophylaxe muss schon eine Wochen vor der Abreise begonnen werden. Last-minute-Urlauber bleibe leider nichts anderes übrig, als zwei Tabletten auf einmal zu schlucken, so Frey. Er empfahl Schwergewichtigen sogar drei Tabletten. Ihnen blieb aufgrund der langen Halbwertszeit von Mefloquin (20 Tage) aber bei eventuellen Nebenwirkungen keine Zeit mehr für einen Medikamentenwechsel. Top

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