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AMG-Novelle erleichtert Studien

27.09.2004  00:00 Uhr
Arzneimittel für Kinder

AMG-Novelle erleichtert Studien

von Brigitte M. Gensthaler, Tegernsee

Das Problem ist hinlänglich bekannt: Viele Arzneimittel, die in der Pädiatrie eingesetzt werden, sind nicht bei Kindern geprüft und arzneimittelrechtlich nicht für sie zugelassen. Die Absicht des Gesetzgebers, Kinder besonders zu schützen, hat sie zu therapeutischen Waisen gemacht. Die 12. AMG-Novelle verbessert jetzt die Rahmenbedingungen für Studien mit Kindern.

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Die Feststellung ist banal, wird aber in der Medizin kaum beachtet. Regelmäßig erhalten Kinder Arzneimittel, für die keine gesicherten Studien und Daten für ihre Altersklasse vorliegen, warnte Professor Dr. Hannsjörg W. Seyberth von der Universitätskinderklinik, Marburg, bei einem Expertentreffen der Hexal-Initiative Kinderarzneimittel Mitte September in Tegernsee. Dies bedeute, dass Dosierungsempfehlungen und kindgerechte Arzneiformen fehlen, keine Angaben über mögliche Wechselwirkungen vorliegen und kein spezielles Warnsystem unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) festhalte.

Damit steigt das Risiko von Nebenwirkungen. Einzelne Untersuchungen in Großbritannien und Frankreich hätten gezeigt, dass schwere UAWs im stationären und im ambulanten Bereich etwa doppelt so häufig vorkommen wie bei bestimmungsgemäßem Gebrauch, sagte der Pädiater. Außerdem müssten Ärzte die Verantwortung für den Off-label-Use alleine tragen.

Je jünger und kränker ein Kind ist, umso höher ist der Anteil der Medikamente, die außerhalb des Zulassungsbereichs (off label) oder ohne Zulassung (unlicensed) eingesetzt werden. In pädiatrischen Spezialdisziplinen und auf der neonatologischen Intensivstation liegt dieser Anteil bei 90 Prozent, berichteten Seyberth und Professor Dr. Bernd Mühlbauer vom Bremer Institut für Klinische Pharmakologie. Im ambulanten Bereich sind immerhin noch 10 bis 20 Prozent der Medikamente, die ein Arzt für ein Kind verordnet oder die Apotheke in der Selbstmedikation abgibt, nicht für die Zielgruppe zugelassen.

Fehlendes Interesse und Angst

Klinische Studien mit Kindern sind nach wie vor Sonderfälle. Das liegt zum einen am besonderen Schutz durch den Gesetzgeber. So schreibt das Arzneimittelgesetz (AMG) vor, dass Studienteilnehmer in der Regel volljährig sein und schriftlich einwilligen müssen (AMG § 40, Absatz 1, Satz 3). Zum anderen haben viele Pharmafirmen gar kein Interesse an teuren Studien für die zahlenmäßig kleine Zielgruppe. „Nur wo Umsatz winkt, werden auch Studien mit Kindern finanziert“, rügte Professor Dr. Dietrich Reinhardt vom Dr. von Haunerschen Kinderspital der LMU München. Ferner willigten nur wenige Eltern ein, dass ihre Kinder an Studien teilnehmen, weil sie Angst haben, dass die Ärzte Experimente mit den Kleinen machen.

Bei chronisch schwer kranken Kindern stimmen Eltern einer Studienteilnahme leichter zu, ergänzte Hermine Nock, Geschäftsführerin des Bundesverbands Herzkranke Kinder e.V.. Wichtig sei, dass sie gut aufgeklärt werden über die Studie und ihr Recht – sowie das des Kindes –, die Teilnahme jederzeit abzubrechen.

In der Hochsicherheitsstufe

Tatsächlich befinden sich Kinder in Studien in einer „Hochsicherheitsstufe der Therapie“ und würden umfangreich und maximal kontrolliert, betonte Reinhardt. Der Schutz vor UAWs sei viel höher als bei ungeprüften Therapien. „Kinder brauchen Studien, denn sie haben eine andere Pharmakokinetik und -dynamik, andere Erkrankungen und andere Krankheitsverläufe als Erwachsene.“ Nur mit kontrollierten Studien könne man die Arzneimittelsicherheit für Kinder erhöhen, während ungeprüfte Therapien die kleinen Patienten gefährden könnten.

Für die Studien mit Kindern gibt es seit längerem internationale Vorgaben, erklärte Dr. Andreas Franken vom Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller, Bonn. So sind Eingriffe, die das Kind ängstigen oder schmerzhaft sind, möglichst zu vermeiden. Ebenso muss strikt befolgt werden, wenn ein Kind aus der Studie ausscheiden will – auch wenn es dies nicht verbal, sondern nur mittels Körpersprache ausdrücken kann. Die Verantwortlichen sollten daher Erfahrung im Umgang mit Kindern haben und pharmakokinetische und –dynamische Besonderheiten der Altersgruppe beachten.

Gruppennutzen laut AMG

Konkreter wird die 12. AMG-Novelle. Sie hat die Voraussetzungen für klinische Studien mit Kindern verbessert, urteilte Franken. Unverändert dürfen nur kranke Kinder an klinischen Therapiestudien teilnehmen. Dabei muss die Behandlung geeignet sein, das Leben des Kindes zu retten, seine Gesundheit wiederherzustellen oder Leiden zu vermindern (§ 41 AMG, Absatz 2). Neu ist die Zulässigkeit des Gruppennutzens (Satz 2a). Dies bedeutet, dass die Studienteilnahme nicht mehr zwingend mit dem alleinigen, direkten Nutzen für das betroffene Kind begründet werden muss. Sie ist auch erlaubt, wenn die gesamte Gruppe der Kinder, die an der gleichen Krankheit leidet, einen direkten Nutzen von der klinischen Prüfung hat. Dies ermögliche auch vergleichende Studien, erklärte Franken. Gesunde Kinder dürfen wie bisher nur an Untersuchungen zur Prävention oder Diagnostik teilnehmen, zum Beispiel an Studien zu Impfstoffen.

Ebenfalls neu im AMG (§ 25, Absatz 7a) ist die Expertengruppe „Arzneimittel für Kinder und Jugendliche“. Die EAKJ soll Behörden wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), das Paul-Ehrlich-Institut und das Bundesgesundheitsministerium beraten und kann Empfehlungen für Arzneimittel erarbeiten, die bisher off label angewendet werden. Wichtig: Die Pharmaindustrie hat nur Berater-, aber keinen Mitgliederstatus.

Anreize für die Hersteller

Quasi vor der Tür steht eine europäische Verordnung zu Arzneimitteln für Kinder und Jugendliche, die sich stark an die Verfahrensweise in den USA anlehnt, erklärte Franken. Danach würden drei Kategorien unterschieden:

  • Arzneimittel in der Entwicklung: Der pharmazeutische Unternehmer muss abschätzen, ob das Medikament auch bei Kindern angewandt werden kann und einen Entwicklungsplan (paediatric evaluation plan) vorlegen. Wird das Mittel auch für Kinder zugelassen, verlängert sich die Patentlaufzeit um sechs Monate. Der Unternehmer muss die Kinderindikation innerhalb von zwölf Monaten in allen EU-Staaten auf den Markt bringen.
  • Bereits zugelassene, noch patentgeschützte Wirkstoffe: Der Hersteller kann die genannten Unterlagen auch nach der Zulassung vorlegen und erhält damit ebenso eine sechsmonatige Patentverlängerung.
  • Zugelassene und nicht mehr patentgeschützte Wirkstoffe: Eine Expertenkommission bei der EMEA (Paediatric Board) wird eine Liste von Arzneimitteln erstellen, die für Kinder benötigt werden, aber nicht zugelassen sind. Als Anreiz können die Pharmafirmen in einem vereinfachten Verfahren eine spezielle Kinderzulassung mit dem Status einer Neuzulassung erwerben. Dafür wurde das schöne Kürzel PUMA kreiert: paediatric use marketing authorisation.

Die Regelungen in den USA haben in den vergangenen Jahren Erfolg gezeigt. Von den 70 bis 80 Arzneimitteln, die in den letzten Jahren für die Pädiatrie zugelassen wurden, stammen 90 Prozent aus den USA, sagte Mühlbauer. Förderprogramme des Bundesforschungsministeriums, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, einzelner Bundesländer und von Pharmafirmen sollen die pädiatrische Forschung jetzt auch in Deutschland vorantreiben.

 

Hexal-Kinderinitiative stellt sich vor Arzneimittel sollen für Kinder sicherer werden: Diesem Ziel hat sich die gemeinnützige Hexal-Initiative Kinderarzneimittel verschrieben. Anlässlich des Weltkindertages am 20. September stellte sich die Ende 2003 gegründete Initiative der Presse vor. Ihre Arbeit soll ausschließlich den Kindern nützen, daher entscheide ein unabhängiges Expertengremium über die Förderung von Projekten, betonte Dr. Petra Schoettler, Vorstandsmitglied der Hexal Pharma und Geschäftsführerin der Initiative. Pharmazeutischen Sachverstand bringen drei Apotheker in das siebenköpfige Gremium mit ein: Akademischer Rat Dr. Jörg Breitkreutz vom Institut für Pharmazeutische Technologie, Braunschweig, Professor Dr. Hartmut Morck, Chefredakteur der Pharmazeutischen Zeitung in Eschborn, und Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz vom Frankfurter Institut für Pharmazeutische Chemie, Leiter des ZL.

Ein erstes Projekt widmet sich der verbesserten Dosierung und Applikation von Antibiotika-Säften für Kinder, erklärte Schoettler. Bekanntlich können erhebliche Fehldosierungen vorkommen, wenn Eltern die Trockensäfte für ihre Kinder zubereiten und die verordnete Dosis per Löffel verabreichen. Eine Analyse des Problems sowie Lösungsvorschläge wurden im ZL erarbeitet. Die Ergebnisse wird Professor Dr. Schubert-Zsilavecz beim Deutschen Apothekertag in München vorstellen; sie werden ebenfalls in der PZ veröffentlicht.

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