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Ein Hauch von Mittelmeer in Hessen

30.09.2002  00:00 Uhr
Artischockenanbau

Ein Hauch von Mittelmeer in Hessen

von Dierk Jensen, Hamburg

Er baut sie im großen Stil an, isst sie aber höchst selten. „Einfach zu teuer“, meint Landwirt Thomas Vogt. Dabei bräuchte Vogt das mediterrane Feingemüse gar nicht erst einzukaufen, sondern müsste sich auf den Artischockenfeldern seines 70.000 Quadratmeter großen Ackerbaubetriebes südlich von Darmstadt nur bedienen.

Bislang hat sich Vogt am eigenen Bestand noch nicht vergriffen. Das liegt vor allem daran, dass der Landwirt seine Artischocken gewöhnlich schon längst geerntet hat, bevor der mediterrane Korbblütler überhaupt den für den Verzehr schmackhaften Blütenkorb mit den fleischigen Hüllblättern entwickelt hat. Denn allein in der Blattmasse, vor allem in den Rosettenblättern, stecken die Wirkstoffe, für die sich die Pharmaindustrie interessiert: Cynarin, der Dikaffeesäure-Ester der Chinasäure sowie der Sesquiterpen-Bitterstoff Cynaropikrin.

Die Artischockenpräparate sollen Patienten mit chronischer und therapieresistenter Dyspepsie helfen. Zudem hat das Stoffgemisch aus dem Artischockenblatt eine leberschützende, choleretische und lipidsenkende Wirkung. Die Inhaltsstoffe regen die Gallentätigkeit an und unterstützen die Verdauung. Wirkungseigenschaften, die in unserer Wohlstandsgesellschaft hoch im Kurs stehen – und das, obwohl sich immer mehr für Fitness, Wellness und gesunde Ernährung interessieren.

Ein extrem bitterer Geschmack betäubt die Zungen und ein Hauch von Mittelmeer schwingt in der Luft. Es ist Artischockenernte auf dem von Vogt vom Bundesland Hessen gepachteten Hofgut Dilshofen im gleichnamigen Ort. Ein Riesenhaufen frisch geernteter, saftgrüner Artischockenblätter liegt vor der Trocknungsanlage, die in einer der traditionsreichen Scheunen installiert ist. „Das ist ein „Fünf-Band-Trockner“, erklärt Vogt. Eine teure, technisch anspruchsvolle Anlage, die das Blattmaterial in acht Stunden bei 40 Grad Celsius auf 8 Prozent Feuchtigkeitsgehalt herunter trocknet. Erst dann landen die trockenen Blätter in die Pressmaschine, die die Blattdroge in größere Gebinde für den Abtransport in die Extraktionsanlagen der Pharmaindustrie presst.

Spezialisiert auf Heilkräuter

Die Trocknung müsse ohne Unterbrechung laufen, nur bei Vollauslastung rechne sich das Ganze, erklärt Vogt. Runde 500.000 Euro hat der 40-Jährige zusammen mit zwei weiteren auf Heil- und Gewürzkräuteranbau spezialisierte Landwirte aus der Nachbarschaft investiert. Teilhaber ist auch Dr. Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau (AGÖL). So werden neben Artischocken auch noch Zitronenmelisse, Pfefferminze, Rotklee, Ringelblumen, Kamille, Brennnessel, Löwenzahn, riesige Mengen Korianderblätter und zu guter Letzt Buchweizen durch die Trocknung gefahren. Von April bis Ende Oktober steht die Maschine nicht still, wechseln die Düfte je nach Kultur und Erntezeit.

In dieser Zeit ist Vogt mit seinem selbstfahrenden Ernteladewagen pausenlos im Einsatz, um die gesunden Rohstoffe von seinen Feldern zu ernten. „Wir schneiden de Artischocke drei Mal im Jahr“, erklärt Vogt; im Juli, August und September. Die ursprünglich vom Mittelmeer stammende Artischocke passt gut in den Fruchtwechsel hinein. Bisher sei die Kultur frei von Krankheiten geblieben und hinterlasse mit ihren tiefen Wurzeln ein gut durchlockerten Boden, berichtet der Landwirt.

Auch der Preis für die Artischocke ist trotz knapper Kalkulation akzeptabel. Bei einem Ertrag von bis zu drei Tonnen getrockneter Ware pro Hektar, komme er auf den grünen Zweig. Bemerkenswert ist dabei, dass rund die Hälfte des Erlöses für die Energiekosten der mit Heizöl befeuerten Trocknung weggepustet werden. „Wir überlegen daher, ob wir ein Biomassekraftwerk bauen, dass wir mit Pflanzenresten beschicken. Mit der erzeugten Wärme könnten wir Trocknen und obendrein Strom fürs Netz liefert“, erläutert Vogt seine Plänen, sich langfristig vom Erdölpreis zu emanzipieren.

Der Ladewagen ist schnell mit der bitteren Fracht voll beladen, da bimmelt Vogts Handy schon wieder. Geschäftsführerin Dr. Erika Schubert von der agrimed Hessen, der Vermarktungsfirma von 80 Heilpflanzenanbauer im südhessischen Raum, ist am Apparat. Sie braucht dringend ein Muster der Artischocken, damit sie dem Pharmahersteller durch eine Laboranalyse die relevanten Inhaltswerte mitteilen kann.

Auf und ab

Mitunter geht es auch in dieser Branche ziemlich hoch her. Johanniskraut war lange Jahre der Hit unter den Heilpflanzen, eine Art „Modedroge“ sorgte bei den deutschen Spezialanbauern für volle Kassen. Nach Meldungen über negative Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten brach der Markt über Nacht zusammen. Trotz der Kapriolen auf dem Markt bereut Vogt seine vor zehn Jahren getroffene Entscheidung, sich von der Schweinehaltung zu trennen und stattdessen sich auf den Anbau von Spezialkulturen zu konzentrieren, nicht. „Ich stehe doch nicht für drei Euro in der Stunde im Schweinestall“, begründet Vogt seinen Wechsel zu Artischocke und Co.

Mit solchen Abstürzen wie beim Johanniskraut rechnet der Artischocken-Anbauer nicht, obschon die niedrigen Preise der ausländischen Konkurrenz drücken. Der Markt für den binnenländischen Anbau ist nach ihrer Einschätzung mit derzeit rund 180 Tonnen Artischocken-Blattdroge „gesättigt“. Schubert von der agrimed schätzt aber, dass mehr als das Doppelte importiert wird, um die benötigte Wirkstoffmenge für die rund 15 Präparate in Deutschland zusammen zu bekommen.

Weniger Import, mehr einheimische Produktion wünscht sich indes das Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Darin sieht die dem Berliner Ministerium untergeordnete Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe eine Chance für die nach anbaulichen Alternativen suchende Landwirte. Für den Anbau kommen viele Gewürz-, Heil- und Färberpflanzen in Frage. Und eben auch die Artischocke, mit der sich unter der Leitung von Professor Dr. Bernd Honermeier ein Kreis von Agrarwissenschaftlern an der Universität Giessen, ausgestattet mit Bundesforschungsgeldern, intensiv beschäftigt. Dabei geht es im dreijährigen Projekt, an dem sich auch der Heilkräuterverarbeiter Martin Bauer und die Lichtwer Pharma AG beteiligen, um zweierlei: Erstens will man noch unbekannte Inhaltsstoffe aufspüren und zweitens Anbau und Qualität der Artischocke optimieren. Darüber hinaus wird auch die bisher strittige Artzugehörigkeit geklärt.

Alles zusammen betrachtet, ist das ziemlich zeitaufwendige Grundlagenarbeit, wie das Artischocken-Testfeld der Uni Giessen in Rauischholzhausen in natura demonstriert. „Wir suchen nach der idealen Artischocke, die unter bestmöglichen landbaulichen Bedingungen optimale Gehalte an pharmazeutisch wertvollen Inhaltswerten aufweist“, erklärt Projekt-Mitarbeiterin Silke Göttmann inmitten ihrer Artischocken. So kurz und prägnant sie das Ziel ihrer Arbeit formuliert, so sicher ist es, dass die Pharmakologen und Mediziner auf die „ideale Arznei-Artischocke“, die beim Patienten Völlegefühle und Blähbäuche verschwinden lassen soll, noch ein Weilchen warten müssen. Wirken doch die 14 von Göttmann betreuten Artischocken-Sorten - mal schlank-hochgewachsen, mal breitblättrig-üppig oder platt-spitz - heute noch wie wildes, ungezähmtes Kraut. Top

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