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Schüßlers biochemische Heilweise

26.09.2005
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Salze des Lebens

Schüßlers biochemische Heilweise

von Elke Wolf, Rödermark

Über die Validität der Mineralsalztherapie nach Dr. Schüßler lässt sich streiten. Über Folgendes jedoch nicht: Immer häufiger verlangen Kunden in der Offizin Schüßler-Salze. Das würden sie nicht tun, wenn sie nicht eine gewisse Linderung ihrer Beschwerden erfahren hätten. Welche Theorie liegt den homöopathisch aufbereiteten Präparaten zu Grunde? Einige Grundlagen für das Beratungsgespräch.

Berlin, Ende des 19. Jahrhunderts: In der deutschen Hauptstadt schreibt Professor Dr. Rudolf Virchow (1821 bis 1902) Medizingeschichte. Der Pathologe an der Charité wies nach, dass der menschliche Körper aus Zellen besteht. Und stellte mit dieser revolutionären Entdeckung vieles infrage, was bislang als gesichertes Wissen galt. Nach seinen Forschungen ist jedes Leben, auch die pathologischen Vorgänge, an den »Zellenstaat« gebunden. »Das Wesen der Krankheit ist die Krankheit der Zelle«, pflegte Virchow zu sagen.

Fasziniert verfolgte der Oldenburger Arzt Dr. Wilhelm Heinrich Schüßler (1821 bis 1898) diese neuen Erkenntnisse. Einerseits ist er Anhänger der Homöopathie, andererseits aber auch Kritiker dieser Heilmethode. Er bemühte sich, eine eigene, für jedermann leicht verständliche Therapie zu schaffen. Die Zahl von damals mehr als 300 Mitteln in den Arzneibeschreibungen der Homöopathie (heute sind es weit über 3000) und die Tatsache, dass ihre individuelle Auswahl immens viel Zeit erfordert, waren Schüßler schon immer ein Dorn im Auge. Seine Behandlungsmethode sollte es auch dem medizinischen Laien ermöglichen, sich selbst wirkungsvoll und schnell zu helfen.

Virchows Veröffentlichungen trafen Schüßler mitten in der Loslösung aus seiner Bindung an die Homöopathie. Er stimmt mit Virchow darin überein, dass die Grundursache aller Lebensvorgänge sowie die Ursache der Veränderungen von Organen und Geweben in der Erregbarkeit der Zellen zu suchen ist, und dass somit die Entstehung einer Krankheit im Wesentlichen auf die Tätigkeit der Zellen zurückzuführen ist.

Heilimpuls für Zellstoffwechsel

Schüßler machte besonders die Mineralstoffe und Spurenelemente zu seinem Thema. Es fand heraus, welche Mineralien hauptsächlich in Organen vorkommen, welche Funktionen sie übernehmen und welche Beschwerden mit Mineralstoffstörungen assoziiert sind. Die Erkenntnis, dass die normale Zelltätigkeit von einem bestimmten Gehalt an anorganischen Salzen und deren Verteilung abhängt, war für ihn der konsequente Schritt zum Ausbau seiner »biochemischen« Therapie. Damit ist auch klar: Die Abweichungen vom Normalgehalt an anorganischen Stoffen und ein Ungleichgewicht in der Verteilung waren für Schüßler die eigentliche Ursache von Krankheiten.

Die Therapie bestand für ihn folgerichtig darin, die Verteilungsstörung von anorganischen Stoffen durch deren arzneiliche Zubereitungen zu regulieren. Dabei handelt es sich nicht um eine Substitution von Fehlendem, sondern vielmehr um eine sanfte Regulation des Mineralstoffhaushalts, die die Zellen befähigt, die für sie lebenswichtigen anorganischen Salze wieder vermehrt ins Gleichgewicht zu bringen. Die Salze sollen die Selbstheilungskräfte aktivieren und die Zellen stimulieren, die Mineralstoffe aus der Nahrung besser zu verwerten. Da Schüßler von einem Mangel an anorganischen Salzen im Körper ausging, verfolgte er nicht mehr die Ähnlichkeitsregel der Homöopathie.

Bei der Aufbereitung seiner Präparate vertraute er jedoch wieder auf diese. Die Mineralsalze werden mit Milchzucker verrieben und nach den Regeln der Homöopathie potenziert und tablettiert. Er war davon überzeugt, dass sie in dieser Form von der Zelle besonders gut aufgenommen werden können. Seine Theorie: Die »Bewegungsstörungen« der Mineralstoffe, wie sie für kranke Zellen typisch sind, werden durch die aufbereiteten Mineralsalze beseitigt und damit die Hemmung des Stoffaustausches zwischen Zelle und extrazellulärem Gewebe aufgehoben. Die Zelle soll sich dadurch biologisch-biochemisch regenerieren.

Salze des Lebens

Schüßler stellte zwölf im Blut und den Geweben befindliche Mineralsalze in das Zent\-rum seiner Therapie. Er nannte sie Funktionsmittel oder Salze des Lebens, da jedes bestimmte Funktionen der Organe beeinflusst. Die folgende Liste nennt einige Verwendungen der Funktionsmittel gemäß Schüßlers »biochemischer Heilweise«.

Nr. 1 Calcium fluoratum ­ Stabilisator: Calciumfluorid ist wichtig für das Stütz- und Bindegewebe. Es verleiht dem Bindegewebe Festigkeit und härtet Zahnschmelz und Knochen. Zudem gibt es den Zellen der obersten Hautschicht und dem elastischen Gewebe wie in Sehnen und Bändern Elastizität. Es ist deshalb geeignet zur Kariesprophylaxe, bei Störungen der Knochenbildung sowie bei Gewebeerschlaffung und Schwangerschaftsstreifen.

Nr. 2 Calcium phosphoricum ­ Knochensalz: Calciumphosphat bildet die harte Knochenmasse und wird gegeben, um Arm- und Beinbrüche schneller verheilen zu lassen. Auch bei Zahnungsbeschwerden geeignet.

Nr. 3 Ferrum phosphoricum ­ Entzündungsmittel I: Eisenphosphat bessert anämische Zustände, stimuliert die Durchblutung und hilft bei Konzentrationsmangel, beugt kalten Händen und Füßen vor, stärkt die Abwehr, löst Husten und Schnupfen. Gilt auch als SOS-Mittel bei Schürf- und Schnittwunden sowie Verbrennungen 1. Grades.

Nr. 4 Kalium chloratum ­ Entzündungsmittel II: Kaliumchlorid beschleunigt die Wundheilung. Lässt Reizungen und Entzündungen etwa der Nasen-, Rachen- und der Magenschleimhaut abklingen. Geeignet auch bei Sehnenscheidenentzündungen.

Nr. 5 Kalium phosphoricum ­ Nervensalz: Kaliumphosphat gilt als Nährstoff für die Nerven, ist Entspannungsmittel und Ruhestifter. Hilft bei Gedächtnisschwäche und Konzentrationsstörungen, außerdem bei nervöser Schlaflosigkeit. Geeignet bei Erschöpfung und Stress, auch bei kreisrundem Haarausfall.

Nr. 6 Kalium sulfuricum ­ Entzündungsmittel III, Salz für die Haut: Kaliumsulfat ist das Salz für die Entgiftung. Es unterstützt Verbrennungsprozesse in der Zelle, fördert Entgiftungsvorgänge, hat entzündungshemmende Wirkung auf die Haut und beeinflusst den Proteinstoffwechsel. Geeignet bei Störungen des Haarwachstums, allgemeiner Mattigkeit und Verstimmungszuständen.

Nr. 7 Magnesium phosphoricum ­ Krampf- und Schmerzmittel: Magnesiumphosphat stärkt die Nerven und ist gut bei innerer Unruhe geeignet (Nr. 5 und Nr. 7 ist bei hyperaktiven Kindern einen Versuch wert). Es entspannt auch die Muskeln, löst Bauch- und Wadenkrämpfe sowie spannungsbedingte Kopfschmerzen und lindert Zahnschmerzen.

Nr. 8 Natrium chloratum ­ Flüssigkeitsregulator: Natriumchlorid ist das Salz für den Flüssigkeitshaushalt. Da es den osmotischen Druck an der Zelle regelt, Einfluss auf Blut- und Lymphsystem nimmt und am Säure-Base-Haushalt beteiligt ist, ist es für die Behandlung von Ödemen, für trockene Haut und bei akutem wässrigen Schnupfen geeignet.

Nr. 9 Natrium phosphoricum ­ Stoffwechselsalz: Natriumphosphat hält das Säure-Basen-Gleichgewicht im Körper aufrecht und regt den Stoffwechsel an. Beugt Übersäuerung und Gichtanfällen vor. Auch geeignet bei Sodbrennen; zusammen mit der Nr. 10 soll es bei Fettstoffwechselstörungen helfen.

Nr. 10 Natrium sulfuricum ­ Ausscheidungsmittel: Natriumsulfat gilt als biochemisches Ausleitungsmittel. Es wirkt auf Leber, Galle und Niere und hilft dem Körper, überschüssiges Wasser auszuscheiden. Ideal bei Ödemen, bei Krampfaderleiden, Blähungen oder rheumatischen Beschwerden.

Nr. 11 Silicea ­ Bindegewebsmittel: Kieselsäure festigt das Bindegewebe, Knorpel, Sehnen und Knochen. Wird bei Osteoporose und Gelenkerkrankungen empfohlen. Hält die Arterien geschmeidig, beugt Atherosklerose vor. Lässt Hautverletzungen rascher abheilen. Hilft auch bei Haarausfall und brüchigen Nägeln.

Nr. 12 Calcium sulfuricum ­ Salz bei eitrigen Prozessen: Calciumsulfat beeinflusst die Bildung von Binde- und Stützgewebe, wirkt entzündungshemmend auf die Haut und lindert chronisch-rheumatische Beschwerden.

 

Zuwachs Seit Schüßlers Tod sind weitere Mineralstoffe im Gewebe und im Blut identifiziert worden. Sie werden als Ergänzungsmittel bezeichnet. Die ursprünglich fünf Ergänzungsmittel sind im Lauf der Zeit auf ebenfalls 12 erweitert worden. Mittlerweile sind die Mineralsalze Nr. 1 bis Nr. 11 auch als Salben im Einsatz ­ gegen Gelenkbeschwerden, Hauterkrankungen oder Fältchen. Dazu werden sie ein- bis zweimal täglich dünn aufgetragen und leicht einmassiert.

 

Die richtige Anwendung

Alle Funktionsmittel sind in Form von Tabletten zu 0,25 g in den Potenzen D3, D6 und D12 erhältlich, die Ergänzungsmittel in den Potenzen D6 und D12. Schüßler selbst gab bei den meisten der zwölf Funktionsmittel der D6 den Vorzug. Nur bei der Nr. 1, Nr. 3 und Nr. 11 empfahl er die D12, da diese drei Mineralsalze eine geringere Löslichkeit besitzen und damit vom Körper schwerer aufgenommen werden können.

Anhänger der Therapie mit Schüßler-Salzen versichern: Akute Beschwerden können binnen weniger Stunden abklingen, wenn das geeignete Salz frühzeitig eingenommen wird. Bei akuten Beschwerden alle fünf Minuten eine Milchzuckertablette bis zum Eintritt einer Besserung einnehmen. In chronischen Fällen sind 3- bis 6-mal täglich 1 bis 2 Tabletten zu empfehlen. Dann sollten diese jeweils eine halbe Stunde vor oder nach dem Essen eingenommen werden. Langsam im Mund zergehen lassen, vorzugsweise unter der Zunge. Dies gewährleistet die optimale Aufnahme direkt über die Mundschleimhaut. Sind mehrere Salze erforderlich, diese nicht gleichzeitig nehmen, sondern nacheinander oder im Wechsel (täglicher Wechsel oder im stundenweisen Rhythmus).

Ein Sonderfall ist die Nr. 7, auch »Heiße Sieben« genannt. Braucht man bei Schmerzen, Koliken und Krämpfen eine rasche Wirkung, löst man 10 (bis maximal 30 pro Tag bei starken Beschwerden) Tabletten in heißem Wasser auf. Anschließend trinkt man die Lösung möglichst warm in kleinen Schlucken.

Selbstredend, aber dennoch dem Kunden in der Apotheke mit auf dem Weg zu geben: Zwar ist die Mineralsalztherapie nach Dr. Schüßler gut zur Selbstbehandlung geeignet, doch bei anhaltenden Gesundheitsstörungen oder bei Ausbleiben einer Besserung können sie den Gang zum Arzt nicht ersetzen. Bei schweren Organerkrankungen, ansteckenden Erkrankungen und heftigen fieberhaften Prozessen hat die Mineralsalztherapie ohnehin ihre Grenzen.

 

Neue Energie

  • Die Mineralsalze lassen sich gut kombinieren, zum Beispiel bei Diäten. Um den Organismus zu boostern, empfiehlt sich eine Kur mit einem Mix aus den vier Salzen Nr. 6, Nr. 9, Nr. 10 und Nr. 11. Von jedem nimmt man viermal zwei Tabletten über den Tag verteilt ein.
  • Nr. 3 und Nr. 4 empfehlen sich, wenn ein grippaler Infekt in Anmarsch ist oder wenn das Immunsystem Unterstützung braucht.
  • Mit einer Kombination aus Nr. 5 und Nr. 7 ist man besser gegen Stress gefeit.

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