Pharmazeutische Zeitung online

Höchste Zeit für eine sachlichere Diskussion

24.09.2001
Datenschutz bei der PZ
HYPERAKTIVE KINDER

Höchste Zeit für eine sachlichere Diskussion

PZ  Erst kürzlich äußerte Marion Kaspers Merck, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, ihre Besorgnis über den gestiegenen Verbrauch von Methylphenidat bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS/ADHS). Die Medien griffen das Thema dankbar auf und berichteten teils einseitig über das Krankheitsbild und den Einsatz von Psychopharmaka bei Kindern.

Viele Eltern und Lehrer sind stark verunsichert. Der erst Anfang diesen Jahres gegründete Arbeitskreis ADS/ADHS will nun Wissensdefizite abbauen und die emotional geführte Diskussion versachlichen. Ziel sind gemeinsame Qualitätsstandards und der Aufbau eines Netzwerkes, um Diagnose- und Therapiemöglichkeiten zu optimieren. Im Arbeitskreis arbeiten Elternverbände, Kinder- und Jugendpsychiater, Pädiater und Psychologen zusammen.

"Wir halten es für dringend erforderlich, gerade auch mit Rücksicht auf betroffene Kinder und ihre Eltern, die in den letzten Wochen teils hitzig geführte Diskussion zu entschärfen und auf eine sachliche Ebene zurückzuführen", betonte Professor Dr. Michael Schulte-Markwort, stellvertretender Direktor der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychologie am Universitätsklinikum Eppendorf, kürzlich auf einer Pressekonferenz in Hamburg. Schlagzeilen wie "Psychopillen statt Zeit fürs Kuscheln" verkennen die Tatsache und verunsicherten betroffene Eltern zutiefst. Dem Arbeitskreis ADS/ADHS sei es ein besonderes Anliegen, die Eltern von Schuldzuweisungen zu befreien und ihnen im täglichen Umgang mit der Erkrankung den Rücken zu stärken. Denn das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit und ohne Hyperaktivität habe nichts mit Erziehungsfehlern zu tun, wie viele - oft aus Unwissenheit meinen.

Dopamin-Stoffwechsel gestört

Eine genetisch vererbte Disposition kann zu ADS/ADHS führen. Auf dieser Basis entwickeln sich Störungen im Neurotransmitter-Stoffwechsel, die ihrerseits in Abhängigkeit von verstärkenden oder schützenden Umweltfaktoren zu Störungen der Selbstregulation führen. Es kommt zu einer Dysfunktion in der Informationsverarbeitung zwischen Frontalhirn und Basalganglien.

Erst diese Erkenntnis erklärt überhaupt den Einsatz von Methylphenidat, bei dem es sich um ein Amphetaminderivat handelt. Es hat bei gesunden Menschen eine aufputschende Wirkung und unterliegt aus diesem Grund dem Betäubungsmittelgesetz. Werden damit jedoch ADS-Kinder damit behandelt, tritt eine entgegengesetzte Wirkung ein, denn Methylphenidat normalisiert die gestörte Informationsverarbeitung durch Ausgleich des Dopaminstoffwechsels. Die Kinder werden ruhig, können sich wieder konzentrieren und ihre Aufmerksamkeit fokussieren. In manchen Fällen haben die Kinder erst mit Hilfe des Medikamentes die Möglichkeit, bei anderen Therapieformen wie Spieltherapie, Verhaltenstraining oder Ergotherapie konstruktiv mitzuarbeiten.

ADS/ADHS bedürfe einer intensiven und differenzierten Diagnose und Therapie, mahnt der Arbeitskreis. Der Einsatz von Methylphenidat sei dabei nur einer von mehreren Bausteinen im multimodalen Behandlungskonzept. "Dieses Konzept setzt dabei zwingend die enge Kooperation zwischen Eltern, Lehrern und Fachkreisen wie Kinder- und Jugendpsychiater, Pädiater, Psychologen voraus. Doch auch schon bei der Diagnostik ist ein enger Austausch im Netzverbund dringend erforderlich", erklärte Dr. Christian Fricke, Ärztlicher Leiter des Werner-Otto-Instituts in Hamburg.

Basis ist die Psychotherapie

Dr. Tobias Wiencke, Vorsitzender des Hamburger Berufsverbandes der Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, konkretisierte das multimodale Behandlungskonzept nochmals: Die Basis bilden psychosoziale und psychotherapeutische Eltern-Kind-Therapie. Ziel sei es dabei, dass das System Familie eigenständig und positiv funktioniert, und ohne weitere therapeutische Hilfestellung auskommet. Die medikamentöse Behandlung, sei nur ein möglicher Baustein, über dessen Einsatz die psychosoziale Gefährdung des Kindes entscheide - nicht alleine das Vorliegen des Aufmerksamkeitsdefizit-Syndroms, unterstrich Wiencke. Kinder befänden sich noch in der Entwicklung und sollten grundsätzlich den Anspruch auf eine ganzheitliche Behandlung haben. Es reiche deshalb keinesfalls aus, einzelne Symptome durch einzelne Therapien zu behandeln, auch wenn dieses möglicherweise kurzfristig erfolgreich sei. Ein solches Vorgehen könne zu weitgehenden Schäden in späteren Lebensphasen führen.

Sorgfältige Diagnose

Bevor man sich für eine Behandlungsstrategie entscheidet, muss eine eingehende Differentialdiagnostik stattfinden. Diese beinhaltet neben allgemeiner und störungsspezifischer Anamnese ausführliche Elterngespräche, körperliche und neurologische Untersuchungen unter Einbezug von Entwicklungsaspekten und Milieubedingungen sowie die Exploration des Umfeldes. Hinzu kommen psychodiagnostische Maßnahmen. Denn oft liegen neben der Aufmerksamkeitsstörung andere Störungen, wie zum Beispiel Wahrnehmungsschwächen oder motorische Entwicklungsdefizite vor, die es zu untersuchen gilt.

Keine ausreichenden Kapazitäten

In Deutschland leiden etwa fünf bis zehn Prozent aller Kinder an ADS/ ADHS - in absoluten Zahlen sind das etwa 350.000. Pro Schulklasse sind rein rechnerisch ein bis zwei Kinder betroffen. In der ärztlichen Versorgung dieser Patienten herrscht jedoch ein eklatantes Defizit. Diagnostische und therapeutische Kapazitäten reichen bei weitem nicht aus. "Die Kinder und Eltern haben in der Regel bereits einen langen Diagnose-Irrweg hinter sich, wenn sie zu uns in die Praxis kommen. Dies ist um so schwerwiegender, als die Zukunftsaussichten von unbehandelten Kindern mit schwerem ADS/ADHS sehr schlecht sind", erklärte die Hamburger Neuropädiaterin Dr. Kirsten Stollhoff. "Unser Ziel muss sein, die für die Familien unzumutbaren langen Wartezeiten deutlich zu reduzieren."

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Hamburg hat einen ersten Schritt in diese Richtung getan: "Von den 120 Kinder- und Jugendärztlichen Praxen in Hamburg befassen sich bislang nur etwa acht Praxen intensiv mit dem Krankheitsbild ADS/ADHS. Dies soll jetzt anders werden", erläuterte Dr. Michael Zinke, Vorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Landesverband Hamburg. Um Pädiater für ADS/ADHS zu sensibilisieren und besser auszubilden, hat der Berufsverband vor einem Jahr die Arbeitsgemeinschaft ADS/ADHS der Kinder- und Jugendärzte gegründet. Der Kreis überarbeitet regelmäßig die erstellten Leitlinien, bildet regionale Qualitätszirkel und organisiert Fortbildungsveranstaltungen. Zudem wurde ein Anforderungskatalog ADS/ADHS entwickelt, den am Krankheitsbild interessierte Pädiater erfüllen müssen. "Mittlerweile hat unsere Arbeitsgruppe bundesweit etwa 400 Mitglieder", so Zinke.

Der Hamburger Arbeitskreis will die Versorgungssituation langfristig verbessern. Dies soll bereits mittelfristig durch intensivierte und kontinuierliche politische Arbeit geschehen. Dabei soll ein gut funktionierendes Netzwerk helfen, das Synergien schafft und Kompetenzen bündelt. In Kürze folgt ein Leitfaden zu Diagnose und Therapie der ADS/ADHS, der sich vorrangig an Eltern und Lehrer wendet.

Täglich an der Belastungsgrenze

Wie wichtig das gemeinsame Engagement im Arbeitskreis ist, betont Werner Henschel, Leiter der Eltern-Regionalgruppe Hamburg im Bundesverband Aufmerksamkeitsstörung/Hyperaktivität e.V. "ADS/ADHS ist ein Krankheit, die uns Eltern täglich an den Rand unserer Belastungsgrenzen führt. Chaosmanagement ist ständig und überall angesagt. Den Leidensdruck, dem ausgesetzt sehen, kann wohl kaum jemand erahnen, der nicht wenigstens einmal ein paar Tage mit einem hyperaktiven Kind gelebt hat." Hinzu komme die Erfahrung der Stigmatisierung in Form von sozialer Isolation und Ausgrenzung, da man einfach als "ADS/ADHS-Familie" in den Augen des Umfeldes viel zu anstrengend, ja unzumutbar sei.

Henschel: "Der Hamburger Arbeitskreis ist gerade, weil er interdisziplinär agiert, seit Jahren endlich einmal eine echte Chance, lange versäumte Aktivitäten gemeinsam anzuschieben. Das war schon lange überfällig". Top

© 2001 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa