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Kinder leiden anders

01.09.2003
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Migräne

Kinder leiden anders

von Conny Becker, Wiesbaden

Die Reizüberflutung nimmt immer größere Dimensionen an und so sind in den letzten 30 Jahren Migräneattacken unter den Jüngeren gestiegen. Zwei Kinder pro Schulklasse werden mittlerweile von den quälenden Schmerzen heimgesucht. Mit welchen Mitteln kann man ihnen entgegnen?

Dass bereits 11 Prozent der unter Zwölfjährigen an Migräne leiden, haben Untersuchungen an fast 7000 deutschen Schülern ergeben. „500.000 bis 800.000 Kinder müssten in Deutschland eigentlich beraten und behandelt werden“, sagte Dr. Raymund Pothmann auf einem Symposium der MigräneLiga in Wiesbaden. Als Leiter des kinderneurologischen Zentrums am Evangelischen Krankenhaus in Oberhausen weiß er, dass man den Schmerz bei Kindern oft schon mit einfachen Mitteln bessern kann. Dennoch sei die Situation im Allgemeinen „gruselig“; oft bilde sich ein chronisches Leiden, da Migränepatienten nicht ernst genommen würden. So lehne der Medizinische Dienst der Krankenkassen eine Aufnahme in spezielle Therapieeinheiten häufig ab, schicke die Kinder in eigene, unspezialisierte Vertragskliniken, in denen sie „zwischen dicken Kindern landen, nichts passiert und nur Frust entsteht“.

Da jedoch die Hälfte aller Migränepatienten ihre erste Attacke schon vor dem 20. Lebensjahr bekommt, sollte die Therapie von Kindern und Jugendlichen aus ihrem Schattendasein geholt werden. Dazu muss der behandelnde Arzt die kindliche Migräne jedoch erst mal erkennen.

So sind die Attacken häufig kürzer als die für Erwachsene geforderte Mindestdauer von vier Stunden und liegen laut Pothmann meist bei ein bis sechs Stunden. Geschlechtsunterschiede bestehen noch nicht. Das Diagnosemerkmal Hemikranie fällt häufig weg, dass heißt, der Schmerz ist nicht auf eine Seite beschränkt, sondern betrifft beide Kopfhälften und die Stirn.

Diagnose ist schwierig

Typischerweise sind die jungen Migränepatienten extrem licht- und lärmempfindlich. Überdies werden die Attacken häufig von gastrointestinalen Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen begleitet. Nicht selten treten vegetative Beschwerden auch ohne Kopfschmerzen auf, was der Referent als „Migränevorläufer“ bezeichnete. Die Kinder erbrechen zwei- bis viermal innerhalb weniger Stunden, haben Schwindelanfälle oder halbseitige Lähmungserscheinungen.

Auch wenn die Diagnose schwieriger ist, lassen sich Kinder meist besser behandeln, so Pothmann. Bei leichten Formen hilft es häufig schon, die Kinder von Reizen abzuschirmen. Legen sie sich in abgedunkelten und akustisch gedämpften Räumen hin, schlafen sie oft ein und wachen beschwerdefrei auf. Auch ein kalter Lappen für die Stirn oder Pfefferminzöl, das auf Schläfe, Scheitel oder Nacken getupft wird, können leichte bis mittelstarke Kopfschmerzen lindern.

 

Stufenschema zur Behandlung akuter Migräneattacken im Kindesalter

Stufe 0 Reizabschirmung, Kühlung, ätherische Öle Stufe 1 pharmakologische Behandlung von Vorboten- und Begleitsymptomen (zum Beispiel Domperidon 1 Tropfen/kg Körpergewicht, maximal 33 Tropfen Einzeldosis) Stufe 2 pharmakologische Behandlung leichter Attacken (zum Beispiel Ibuprofen 10 mg pro kg Körpergewicht; Paracetamol 15 mg pro kg Körpergewicht) Stufe 3 pharmakologische Behandlung schwerer Attacken (Sumatriptan nasal 10 bis 20 mg; bei Jugendlichen ab dem 12. Lebensjahr auch Zolmitriptan 2,5 mg) Stufe 4 pharmakologische Behandlung von Migräneattacken in der Notfallsituation durch einen Kopfschmerzspezialisten (zusätzlich Sumatriptan maximal 6 mg s.c.; Dihydroergotamin 0,2 mg i.v.)

Quelle: DMKG

 

Wichtig sei es, die Kinder ernst zu nehmen, sagte Pothmann und sprach damit Eltern wie Ärzte an. Führen Kinder mithilfe der Eltern einen Kopfschmerzkalender (in der Regel über vier Wochen), so kann allein die Beschäftigung mit der Krankheit schon von ihr befreien. Bei starken Schmerzen, die auch zu häufigem Fehlen in der Schule führen, müsse jedoch medikamentös behandelt werden.

Für die Therapie eines akuten Anfalls empfiehlt die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) Ibuprofen (10 mg/kg Körpergewicht) und Paracetamol (15 mg/kg Körpergewicht), da beide Substanzen in doppelblinden placebokontrollierten Studien wirksam waren. Gegen die Übelkeit und zur Resorptionssteigerung der Analgetika ist Domperidon (1 Tropfen/kg Körpergewicht) Mittel der ersten Wahl, obwohl keine Studie vorliegt und es nicht für Kinder zugelassen ist. Von Metoclopramid und Acetylsalicylsäure (ASS) wird bei Kindern unter 14 Jahren abgeraten. Falls angewandt, sollte die Einzeldosis ASS 10 mg/kg Körpergewicht und die Tagesdosis 25 mg/kg Körpergewicht nicht überschreiten.

Als „echte Revolution“ bezeichnete Pothmann intranasal applizierbares Sumatriptan. Schwere und durch Analgetika nicht beherrschbare Attacken können mit dem Triptan gemildert werden. Im Gegensatz zur oralen war die intranasale Gabe von Sumatriptan in einer Dosierung zwischen 5 und 20 mg bei über 500 Jugendlichen und Kindern wirksam. In Ernstfällen wende er das nur für Erwachsene zugelassene Präparat schon bei Kindern ab vier Jahren an, bestätigte der Neurologe. Er begrüßte, dass noch in diesem Herbst mit einer Zulassung für Imigran® ab zwölf Jahren zu rechnen sei. Schließlich dürften „Kinder nicht vom medizinischen Fortschritt abgehängt werden“.

Medikamente sind zweitrangig

Haben Kinder mehr als drei Migräneattacken pro Monat, versäumen häufig die Schule oder haben sehr starke beziehungsweise länger als 48 Stunden andauernde Schmerzen, ist eine medikamentöse Prophylaxe sinnvoll. Diese sollte über drei Monate mit einer Abendgabe der Betablocker Metoprolol oder Propranolol, bei Therapieresistenz mit Flunarizin erfolgen. Der Calciumantagonist ist zwar die bei Kindern am besten untersuchte Substanz, weist jedoch stärkere Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme oder Depression auf.

Sehr gut verträglich und dabei gut prophylaktisch wirksam ist das Pestwurz-Präparat Petadolex®. In einer offenen prospektiven Studie aus dem Jahr 2002 sprachen mehr als drei Viertel der 108 Kinder auf die viermonatige Behandlung an. So reduzierte der Pestwurz-Extrakt bei 86 Prozent der 6- bis 9-Jährigen und 74 Prozent der 10- bis 17-Jährigen die Anfallshäufigkeit um mindestens 50 Prozent (Therapieresponder). Dabei vertrugen über 85 Prozent der Kinder die Therapie sehr gut.

Pothmann riet aber dazu, den Schwerpunkt auf die nicht medikamentöse Prophylaxe zu legen. Eltern oder die jungen Betroffenen selbst sollten ihre Lebensführung ordnen und dabei auf ausreichenden und regelmäßigen Schlaf und Bewegung, gemäßigten Stress durch Schule oder Medien und gesunde Ernährung achten. Sind Nahrungsmittel wie Schokolade, Käse oder Zusatzstoffe im Kopfschmerzkalender als Auslöser entlarvt worden, sollten die Kinder diese entsprechend meiden. Kombiniert mit Entspannungsverfahren oder Biofeedback kommen auch die kleinen Patienten zu einer entstressten gesunden Lebensweise. Denn das ist es, so Pothmann, was die Migräne fordert: „Mehr Rücksicht auf sich selbst zu nehmen.“

 

Über Migräne lernen Pothmann verwies auf ein Trainingsprogramm für Kinder mit Migräne, dass von der Technischen Krankenkasse Greifswald initiiert wurde. Unter dem Motto „Stoppt den Kopfschmerz“ lernen die Kleinen in zehn Sitzungen, Auslöser zu erkennen, mit Medikamenten umzugehen und Entspannungsverfahren richtig zu trainieren. Das Programm sei gut evaluiert und könne 60 Prozent Langzeiterfolge aufweisen, das heißt die Reizverarbeitungsstörung effektiv bessern. Bis jetzt bestehe jedoch nur ein sehr dünnes Netz von 15 beteiligten Kliniken in Deutschland, bedauerte der Referent.

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