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Impfen gegen Krebs

16.08.2004  00:00 Uhr

Impfen gegen Krebs

von Gudrun Heyn, Slubice

Viele Krankheitserreger wie das Hepatitis-B-Virus haben eine potenziell krebserzeugende Wirkung. Eine Impfung könnte hier Schutz bieten. Gentechnisch hergestellte Impfstoffe werden sowohl für den präventiven als auch für den therapeutischen Einsatz entwickelt.

Bisher sind über 100 verschiedene Viren mit onkogenem Potenzial bekannt. So gilt eine Helicobacter pylori-Infektion als mögliche Ursache für Magenkarzinome. Das Hepatitis-B-Virus verursacht primäre Leberzellkarzinome, humane Papillomaviren (HPV) stehen in Zusammenhang mit Gebärmutterhalskrebs. Wichtige Infektionsauslöser im Zusammenhang mit Krebserkrankungen sind unter anderem auch das HIV- oder das Hepatitis-C-Virus.

In der Regel liegt zwischen einer primären Infektion und der Entwicklung von Krebszellen ein langer Zeitraum. So führt eine HPV-Infektion der Gebärmutter etwa im 20ten Lebensjahr zunächst zu einer chronisch verlaufenden Entzündung, mit einem Tumor kann im 45 Lebensjahr gerechnet werden.

Vakzine schützt vor Leberkrebs

Die meisten infektiösen Veränderungen können, müssen aber nicht zu Krebs führen. „Allein 15 Prozent aller malignen Melanome haben wahrscheinlich infektiösen Charakter“, sagte Dr. Dariusz Kowalczyk vom Großpolnischen Onkologiezentrum in Posen auf der ersten deutsch-polnischen Konferenz für Onkologische Pharmazie. Eine Impfung könnte daher möglicherweise auch die Karzinogenese verhindern. Die schützende Wirkung ist für das Hepatitis-B-Virus in Bezug auf die Entstehung eines primären Leberzellkarzinoms bereits nachgewiesen. Schon in den 60er-Jahren wurde erstmals über eine antikanzerogene Impfung nachgedacht. 1975 begannen in den USA die ersten klinischen Versuche, 1981 starteten die Impfungen. Die Vakzine wurde aus dem Blutplasma genesener Patienten gewonnen. Ab 1986 wurde ein rekombinant hergestellter Impfstoff eingesetzt. Auf diese Impfung entwickelten 95 Prozent der Erwachsenen und 85 Prozent der Neugeborenen eine Immunantwort. Daraufhin wurde in den 80er-Jahren in Taiwan die Massenimpfung gegen Hepatitis-B angeordnet. Fast 20 Prozent der Bevölkerung waren Träger dieses Virus. Bereits nach zehn Jahren konnte die Zahl der Leberkrebserkrankungen bei Kindern im Alter zwischen 6 bis 14 Jahren um die Hälfte reduziert werden. Auch bei Erwachsenen gingen die primären Leberkrebserkrankungen deutlich zurück.

Gegen Melanome bereits in Phase III

Zurzeit befinden sich in Polen mehrere Impfstoffe in der Entwicklung. Zur Behandlung des Zervixkarzinoms dient eine Vakzine, die aus der Hülle des HPV-16 gewonnen wird. Ein Genstück des L1-Kapsideiweiß wird mit den Onkoproteinen E6 oder E7 auf ein Adenovirus übertragen. Die jetzt als Antigene wirkenden Proteine E6 und E7 werden normalerweise von Tumorzellen exprimiert. Sie ermöglichen das unkontrollierte Tumorwachstum, indem sie die Zellproliferation anregen und bei der Inhibition der normalen Zellzykluskontrolle mitwirken.

Nach der Impfung wird mit dem Vektorvirus eine kontrollierte Eiweißsynthese des Transgens in Gang gesetzt. Diese Proteine werden durch die Immunabwehr angegriffen und mit Hilfe dendritischer Zellen zu den Lymphknoten transportiert, um sie dort T-Lymphozyten zu präsentieren. Während dieser Antigen-Präsentation sezernieren die dendritischen Zellen Zytokine, die eine spezielle Immunantwort bewirken. Es werden Antigen spezifische Lymphozyten und T-Helfer-Zellen gebildet, die Tumorzellen direkt oder über andere Mechanismen angreifen. „Damit erreichen wir nicht nur eine IgA-Antikörperproduktion sondern auch eine Induktion spezieller zytotoxisch wirkender Lymphozyten“, verdeutlichte Kowalczyk.

Ein Impfstoff zur Immunotherapie maligner Melanome befindet sich bereits in Phase-III-Studien. Die Vakzine besteht aus allogenen humanen Melanomzellen, die mit Hyper-Interleukin-6 modifiziert wurden. Hyper-Interleukin-6 ist ein Fusionsprotein aus Interleukin-6 und dem löslichen Interleukin-6 Rezeptor a. In Experimenten zeigt es eine 100 bis 1000fach höhere biologische Aktivität als die beiden getrennten Proteine allein. Die Verbindung von Interleukin 6 mit dem löslichen Rezeptor führt dazu, dass Zellen, die bisher nicht auf Interleukin 6 reagierten, nun stimuliert werden können. Hyper-Interleukin-6 gilt als ein sehr starkes Zytokin. Die Impfung bewirkt zunächst eine verstärkte Produktion von T-Lymphozyten und dendritischen Zellen. Nach der ersten unspezifischen Immunantwort und damit dem ersten Gefahrensignal übernehmen auch hier wieder dendritische Zellen den Transport der Antigene in die Lymphknoten, um dort die spezifische Immunabwehr in Gang zu setzen.

Anschließend erfolgt die Verbreitung der spezifischen Antikörper über den Blutkreislauf, um im ganzen Körper tumorantigentragende Zellen zu erkennen. Bis jetzt sind dendritische Zellen die einzigen bekannten Sensoren, die in dieser Art und Weise auf Gefahrensignale reagieren können. In Polen wurden bisher über 300 Patienten mit der Vakzine behandelt. Zu Beginn der Studie fügte man dem Impfstoff auch autologe Krebszellen zu, um die immunologische Wirkung zu verstärken. Allerdings zeigte sich sehr bald, dass die Tumorzellen in vitro nicht in vernünftigen Zeiträumen zu züchten sind. Die Impfung erfolgte acht mal alle zwei Wochen, später einmal pro Monat und dann alle zwei Monate. Subkutan und ambulant gab man die Vakzine in sehr hohen Dosen von 50 Millionen Zellen.

Selbst bei Patienten in der terminalen Phase gibt es Hinweise, dass diese Impfung wirken könnte. So konnte zwar nur bei 5 Prozent eine Response beobachtet werden, dafür hatten aber diese Patienten in der Regel keine Rückfälle. Top

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