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Gravierende Nebenwirkungen limitieren den Einsatz

20.08.2001
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CANNABINOIDE

Gravierende Nebenwirkungen limitieren den Einsatz

von Norbert Marxer, Heidelberg

Cannabinoide reduzieren die durch Zytostatika hervorgerufene Übelkeit und Erbrechen stärker als konventionelle Antiemetika. Limitierender Faktor sind jedoch ihre teils gravierenden zentralnervösen Nebenwirkungen. Als Schmerzmittel bieten die Inhaltsstoffe des Cannabis keine Vorteile gegenüber Codein.

Tetrahydrocannabinol (Dronabinol), ein Inhaltsstoff von Cannabis sativa und das Derivat Nabilon sind inzwischen in verschiedenen Ländern zur Therapie zugelassen. Obwohl man Cannabinoid-Rezeptoren im zentralen und peripheren Nervensystem kennt, sind endogene Liganden noch nicht identifiziert. Man erhofft sich jedoch durch den Einsatz von Cannabinoiden Erfolge bei sonst schwer therapierbaren Schmerzformen. In zwei Metaanalysen haben Wissenschaftler kürzlich untersucht, welchen Nutzen Patienten während einer Chemotherapie durch Cannabinoide haben und wie gut sich die Substanzen für die Schmerztherapie eignen.

Für die erste Fragestellung wurden aus 198 Veröffentlichungen 30 randomisierte Studien mit insgesamt 1366 Patienten ausgewählt. Es kamen nur solche Studien in Frage, die als Endpunkt das komplette Fehlen von Übelkeit innerhalb der ersten 24 Stunden definierten oder deren Teilnehmer sich für eine zukünftige antiemetische Behandlung weiterhin Cannabinoide wünschten.

Die Patienten der Cannabinoid-Gruppen erhielten, bis auf eine Studie, in der Levonantradol intramuskulär verabreicht wurde, Dronabinol peroral in einer Dosis von zwei- bis sechsmal täglich 10 bis 15 mg pro Quadratmeter Körperoberfläche und Nabilone in einer Tagesdosis von 8 mg. Als Vergleichsmedikation wurde vorwiegend Prochlorperazin oder Placebo, aber auch Metoclopramid, Chlorpromazin, Domperidon, Thiethylperazin, Haloperidol und Alizaprid gegeben.

Bevorzugtes Antiemetikum

Die Cannabinoide wirkten in allen Studien effektiver als die Vergleichsmedikation oder Placebo. Die Autoren konnten jedoch keine Dosis-Wirkungs-Beziehung ermitteln. Eine Korrelation zwischen Plasmakonzentration und antiemetischer Wirksamkeit besteht bislang nicht. Insgesamt nannten die Patienten auf die Frage, welches Antiemetikum sie zukünftig bevorzugen würden, signifikant häufiger das Cannabinoid.

Die Autoren der Metaanalyse verwiesen aber auf die im Gegensatz zu konventionellen Antiemetika bei Cannabinoiden häufiger auftretenden unerwünschten Wirkungen Für den therapeutischen Einsatz sprechen je nach Schweregrad der Erkrankung potenziell nützliche Nebenwirkungen wie Euphorie, Benommenheit, Sedierung und Schläfrigkeit und der subjektive Wunsch von Krebspatienten nach einer Weiterbehandlung mit Cannabinoiden. Definitiv schädlich hingegen sind die bereits nach 24 Stunden auftretenden Wirkungen wie Schwindel, Dysphorie (13 Prozent), Halluzinationen (6 Prozent), Paranoia (5 Prozent) sowie Blutdruckabfall. Einer von elf Patienten brach die Cannabinoid-Therapie wegen toxischer Nebenwirkungen ab. Dies und die Tatsache, dass die Cannabinoide bislang noch nicht mit den hoch wirksamen und weniger toxischen Serotonin-Rezeptor-Antagonisten verglichen wurden, sprechen gegen einen breiten Einsatz von Cannabinoiden als Antiemetika. Im Einzelfall können sie jedoch als stimmungsaufhellendes Adjuvans bei der Behandlung chemotherapieinduzierter Beschwerden helfen.

Als Schmerzmittel geeignet?

Ob sich die Inhaltsstoffe des Cannabis als Schmerzmittel eignen, wurde in einer zweiten Metaanalyse geklärt, für die die Autoren neun randomisierte Studien auswählten. Insgesamt werteten die Wissenschaftler die Daten von 222 erwachsenen Patienten, vorwiegend mit Krebsschmerzen aber auch nicht malignen und postoperativen Schmerzen aus. Die Testmedikation bestand aus 5 bis 10 mg Tetrahydrocannabinol (THC), 4 mg Nabilon (ein Stickstoff-Analogon von THC), 2 bis 4 mg Benzopyranoperidin (BPP) oder 1,5 bis 3 mg intramuskulär verabreichtem Levonantradol. Die Kontrollgruppen erhielten peroral 50 bis 120 mg Codein und 50 mg Secobarbital. Marihuana oder inhalierte beziehungsweise gerauchte Cannabinoide wurden nicht untersucht.

Bei postoperativen Schmerzen wirkte Levonantradol nicht effektiver als Codein, bei Krebsschmerzen zeigte sich, dass 10 mg THC 60 mg Codein und 20 mg THC 120 mg Codein ebenbürtig waren. Die höhere Dosierung führte jedoch zu schwerwiegenden Nebenwirkungen. Benzopyranoperidin war weniger wirksam als Placebo und Codein. Eine Studie zeigte, dass neuropathische Schmerzen durch 5 mg THC vergleichbar wie durch 50 mg Codein gelindert werden konnten. Allerdings linderte hier nur THC und nicht Codein Spastiken.

Auch in diesem Review verweisen die Autoren ausführlich auf das gehäufte Auftreten zentralnervöser Nebenwirkungen. Während 5 mg THC noch keinen Einfluss auf das Bewusstsein hatte, führten schon 10 mg zu Schwindel, Ataxie, Gedankenflucht, Desorientierung, Gefühllosigkeit, verminderte Gedächtnisleistung, Seh- und Sprachstörungen sowie Mundtrockenheit. 20 mg führten bei allen Patienten zur Sedierung. Codein wurde stets besser toleriert. Die Nebenwirkungen der anderen Cannabinoide waren mit THC vergleichbar.

THC bringt als Analgetikum in niedriger Dosierung gegenüber Codein keine Vorteile, resümieren die Autoren. Höhere Dosen verbieten sich aber wegen der starken zentralnervösen Nebenwirkungen. Vorteile könnten die Cannabinoide jedoch bei neuropathischen Schmerzen und spastischen Zuständen bringen. Dazu fehlen aber noch die passenden Studien.

 

Literatur:

  1. (1) Campell, F. A., Are cannabinoids an effective and safe treatment option in the management of pain? A qualitative systematic review. BMJ 323 (2001) 13-15.
  2. (2) Tramér, M. R., et al., Cannabinoids for control of chemotherapy induced nausea and vomiting: quantitative systematic review. BMJ 323 (2001) 16-20.

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