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Neue Hoffnung auf harte Knochen

30.07.2001  00:00 Uhr

PARATHORMON

Neue Hoffnung auf harte Knochen

von Ulrich Brunner, Eschborn

Nicht nur den Knochenabbau stoppen, sondern auch den Aufbau fördern - ein Arzneistoff mit diesen Wirkeigenschaften könnte für Millionen von Osteoporosepatienten neue Hoffnung bedeuten. Neuer Stern am Arzneistoffhimmel ist eine rekombinant hergestellte Variante des körpereigenen Parathormons. Erst kürzlich präsentierten Wissenschaftler ermutigende Daten auf einem Fachkongress in Madrid.

Seit mehr als 70 Jahren untersuchen Forscher die Funktion des Parathormons. Der in der Nebenschilddrüse gebildete Botenstoff fungiert im Körper als zentraler Regulator des Calcium- und Phosphathaushalts Parathormon, auch als Parathyrin oder Parathyreotropes Hormon bezeichnet, ist Gegenspieler von Calcitonin und sorgt primär für konstante Konzentrationen von Calcium- und Phosphat-Ionen im Blut. Das Hormon stimuliert die Aufnahme der Ionen aus dem Gastrointestinaltrakt und fördert den Knochenumbau und -abbau.

Dauerhaft hohe Parathormon-Spiegel wirken osteokatabol. Die Wissenschaftler entdeckten aber, dass eine Hormongabe mit therapiefreien Intervallen den Knochenauf- und sogar den -neubau fördern kann.

Ende 1998 startete der amerikanische Pharmakonzern Eli Lilly daher erste klinische Studien mit rhPTH 1-34, einer rekombinant hergestellten Variante des Hormons. Physiologisches PTH besteht aus einer Kette von 84 Aminosäuren, jedoch sind auch einige seiner Bruchstücke wirksam. Das von Lilly entwickelte Peptid besteht nur aus 34 Aminosäuren.

Zunächst verabreichte man Ratten das Hormon. Die Tiere erkrankten unter PTH jedoch häufig an Osteosarkomen - bösartigen Geschwulsten im Knochengewebe. Die Wissenschaftler brachen ihre Experimente darauf zunächst ab. Bald waren jedoch die Ursachen für das Tumorwachstum aufgeklärt: Die Versuchstiere befanden sich noch in der Wachstumsphase. Zudem hatten die Nager über einen zu langen Zeitraum zu hohe Dosen PTH erhalten. Einige Zeit später starteten die Lilly-Forscher weitere Experimente mit einem angepassten Therapieregime und konnten ein erhöhtes Malignitätsrisiko ausschließen.

Groß angelegte Studie

Auf dem Kongress der International Bone and Mineral Society im Juni in Madrid stellten Wissenschaftler jetzt die Daten einer großen Studie mit 1637 Frauen in der Postmenopause vor. Die Forscher vom Massachusetts General Hospital und der Harvard Medical School im US-amerikanischen Boston injizierten ihren Patientinnen, die zuvor eine oder mehrere vertebrale Frakturen erlitten hatte, subkutan täglich entweder 20 oder 40 mg rhPTH beziehungsweise Placebo.

Besonders Betroffene mit einem sehr hohen Frakturrisiko profitieren von PTH, berichtete die Arbeitsgruppe. Während unter Placebo 14 Prozent der Patientinnen während des 21-monatigen Beobachtungszeitraums erneut vertebrale Frakturen erlitten, waren es unter Verum nur 5 (20 mg) beziehungsweise 4 Prozent (40 mg). Außerdem litten die Patientinnen deutlich weniger unter Rückenschmerzen. Die knochenaufbauende Wirkung des Hormons dokumentierten die Forscher mit Hilfe der Knochendichtemessung. Im Schnitt stieg die Dichte an Oberschenkelhals und Hüfte unter PTH um 3 Prozent und an der Wirbelsäule sogar um 9,7 Prozent gegenüber Placebo.

Die Daten seien sehr viel versprechend, es gelte aber noch abzuwarten, wie sich das rekombinante Hormon im Klinikalltag bewährt, kommentierten Experten die neuen Daten auf dem Kongress in Madrid. Vor allem das optimale Therapieschema sei noch nicht gefunden. Uneinig sind sich die Wissenschaftler zudem, über welchen Zeitraum sich die Patientinnen PTH injizieren sollten.

Wahrscheinlich wird unter PTH die Makro- und Mikroarchitektur der Knochen verändert. Dieser Umbau macht den Knochen härter. Leider hält dieser Effekt jedoch nicht weiter an, wenn das Hormon abgesetzt wird. Gute Erfolge versprechen sich die Wissenschaftler daher von einem sequenziellen Behandlungsschema, bei dem die Patienten zunächst über einen längeren Zeitraum PTH und anschließend ein antiresorptiv wirkendes Arzneimittel erhalten, um so das Skelett dauerhaft zu stabilisieren. Den Nachweis für die positive Wirkung einer solchen Kombinationstherapie sind die Wissenschaftler jedoch noch schuldig.

Das rekombinante PTH soll noch in diesem Jahr in den Vereinigten Staaten für die Behandlung von Osteoporose bei Frauen nach der Menopause zugelassen werden. Darauf hofft zumindest der Pharmakonzern Lilly. Top

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