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Gegen Mangelernährung vorgehen

19.07.2004  00:00 Uhr

Tumorkachexie

Gegen Mangelernährung vorgehen

von Gudrun Heyn, Slubice

Ein Viertel aller Krebspatienten stirbt an Mangelernährung, der so genannten Tumorkachexie. Um dem Syndrom Einhalt zu gebieten reichen jedoch ernährungstherapeutische Maßnahmen meist nicht aus. Immer mehr pharmakologische Therapiemöglichkeiten der Tumorkachexie zeichnen sich ab.

„Kachexie ist eine der Haupttodesursachen bei Tumorpatienten“, sagte Professor Dr. Roland Radziwill, Leiter der Apotheke des Städtischen Klinikums Fulda auf der polnisch-deutschen Konferenz für Onkologische Pharmazie in der Viadrina. Mangelernährung mit starker Abnahme des Körpergewichts gilt daher als schlechter prognostischer Faktor bei Tumorerkrankungen.

Die Tumorkachexie ist ein klinisch-metabolisches Syndrom. Die Patienten leiden unter körperlicher Schwäche, Antriebslosigkeit, Anorexie, vorzeitiger Sättigung und Nahrungsmittelaversion und haben innerhalb von sechs Monaten ungewollt mehr als 10 Prozent ihres Ausgangskörpergewichts verloren. Auch ein normalgewichtig erscheinender Patient kann unter einer Tumorkachexie leiden. Ob Mangelzustände vorliegen, zeigen die Laborparameter. Hauptsächlich tritt das Syndrom bei Tumoren des Pankreas, des Magens und der Lunge auf.

Patienten mit Tumorkachexie sind schlechte Kandidaten für eine aggressive Therapie, sagte Radziwill. Ihr Körperzustand lässt es nicht zu, eine onkologische Therapie in der gewünschten Dosierung und Intensität durchzuführen. In der Folge müssen Therapiezyklen ausgesetzt oder Zytostatikadosen reduziert werden.

Abnehmen ist nicht gleich Abnehmen

Tumorkachexie unterscheidet sich beträchtlich von dem Zustand eines Hungerstoffwechsels. Beim gewollten Fasten reduziert der Körper seinen Energieumsatz; eine verminderte Metabolismusrate und ein verlangsamter Proteinabbau sind charakteristisch. In erster Linie kommt es zur Lyse der Fettpolster, die Skelettmuskulatur wird so weit wie möglich geschont. Gleichzeitig atrophiert die Leber, weil sie weniger aktiv ist.

Im Anschluss an das Fasten wird Insulin stimuliert. Alles, was nach der Diät gegessen wird, setzt der Körper somit verstärkt in Fettpolster um. Damit nimmt die Person zwangsläufig wieder zu – der Grund für den Jojo-Effekt.

Bei der Tumorkachexie zehrt der Körper dagegen aus. Es kommt häufig zu einer gleichwertigen Mobilisierung von Fettgewebe und Skelettmuskulatur. Im Gegensatz zur Diät ist die Metabolismusrate normal oder sogar erhöht. Außerdem vergrößert sich die Leber, weil sie intensiv Akute-Phase-Proteine produziert. Auch eine verstärkte Energiezufuhr kann dabei den vorprogrammierten Proteinabbau nicht stoppen.

Insulinhaushalt ist gestört

Vor allem sind es hormonale Änderungen, die bei einer Tumorkachexie den Organismus aus dem Lot bringen. Solche Veränderungen treten ebenso bei Stressstoffwechsel, Infektionen oder postoperativen Traumata auf, sind dort jedoch auf einen überschaubaren Zeitraum begrenzt.

Krebspatienten nehmen viel intensiver und viel länger ab, als dies normalerweise bei Erkrankungen der Fall ist. Charakteristisch ist eine Insulinresistenz. Insulin kann als anaboles Hormon nicht wirken und der Körper hat keine Möglichkeit, Proteine aufzubauen, Fettpolster zu bilden oder auch nur kurzfristig Glucosereserven anzulegen. Katabole Faktoren, wie Cortisol, Glukagon oder auch Zytokine können voll zum Greifen kommen, so dass die Patienten zwangsläufig Körpersubstanz verlieren.

Im kachektischen Stoffwechsel sind die Prostaglandin-Spiegel erhöht. Eine relative Glucoseintoleranz ist zu beobachten ebenso wie ein aktivierter Cori-Zyklus, in dem Glucose zu Lactat abgebaut und Lactat wieder zu Glucose aufgebaut wird. Insgesamt handelt es sich hierbei um einen energetisch sehr ungünstigen Stoffwechsel. Denn der Energieverlust beträgt netto bis zu 260 Kilokalorien pro Tag, ohne das der Patient etwas dafür tut.

Zudem ist der Ruheenergiestoffwechsel gegenüber einem normalen Patienten um etwa 15 Prozent erhöht. Diese Energie muss zusätzlich in Form von Kalorien zugeführt werden. Doch dies ist häufig nicht möglich, so der Referent.

Mediatoren fördern Proteinabbau

Zytokine wirken proinflammatorisch und erhöhen damit zusätzlich den Grundumsatz. Vor allem der Tumornekrosefaktor alpha und Interleukin 6 bewirken einen Muskelproteinabbau und auch Fettgewebe geht verloren. Die Insulinresistenz, als Folge der Tumorerkrankung, wird durch die Zytokine noch weiter gefördert.

Es bilden sich aber auch tumoreigene Mediatoren, durch die der Proteinabbau weiter beschleunigt wird. Hierzu zählt vor allem der Proteolyse induzierende Faktor PIF, der den ATP-Ubiquitin-abhängigen Proteolyseweg aktiviert und nur bei Patienten mit Tumoren nachzuweisen ist. Durch ihn werden Proteine und Muskelmasse im Körper abgebaut.

Medikamentös zunehmen

Mit einer Ernährungstherapie kann eine Tumorkachexie daher nicht gestoppt werden. „Heute gibt es Ansätze das Syndrom pharmakotherapeutisch zu beeinflussen und eine Zunahme der lean body mass des Patienten zu erzielen“, sagte Radziwill. Zu den klassisch eingesetzten Pharmaka gehören Glucocorticoide, da sie appetitsteigernd und stimmungsaufhellend wirken. Ihr Erfolg ist aber nur kurzfristig. Zudem wird durch die Steroide hauptsächlich Fett eingelagert und nicht die gewünschte Muskelmasse aufgebaut. Appetitsteigernd wirken auch Megestrol oder Medroxyprogesteron. Der Effekt dieser sehr häufig verwendeten Gestagene ist jedoch ebenfalls gering, denn auch sie erhöhen vor allem den Fett- und Wasseranteil im Körper. Außerdem weist eine Studie darauf hin, dass sie das Ansprechen auf eine Chemotherapie verzögern.

In der älteren Literatur wird Metoclopramid als günstig für Patienten mit Tumorkachexie beschrieben. Dies geht allerdings lediglich darauf zurück, dass die Substanz Übelkeit und Erbrechen stoppen kann. Metoclopramid sollte daher zur Behandlung einer Tumorkachexie nicht mehr eingesetzt werden.

Große Studien laufen derzeit mit Dronabinol, einem synthetischen Cannabisabkömmling. „Es scheint so zu sein, dass einige Patienten davon profitieren können“, sagte Radziwill.

Aktuell in Studien getestet und mit den bisher besten Erfolgen ist die Behandlung der Tumorkachexie mit nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR). Sie reduzieren die Akute-Phase-Proteine, wirken entzündungshemmend und setzen den Ruhestoffwechsel herab. Damit verbraucht der Patient weniger Grundenergie. Untersuchungen mit Indometacin und Ibuprofen zeigen, dass behandelte Patienten Gewicht nicht in Form von Fett- und Wassereinlagerungen, sondern in Form von Muskelmasse zulegen.

Derzeit häufig untersucht wird auch der Hauptinhaltsstoff der Omega-3-Fettsäure, die Eicosapentaensäure (EPA), die aus Fischöl gewonnen wird. Sie beeinflusst die Zytokin-Produktion, den PIF und die Akute-Phase-Protein-Antwort. Im Hinblick auf die Tumorkachexie scheint EPA relativ positiv zu wirken, urteilte der Pharmazeut. Dagegen seien Serotonin und Melatonin als Therapeutika abzulehnen.

Kachexie vermeiden

Im Terminalstadium einer Tumorerkrankung leiden etwa 70 Prozent der Patienten unter einer Tumorkachexie. Bevor es soweit kommt, nehmen Tumorpatienten ab, weil sie unter Schmerzen, Fatigue, Depressionen und Infektionen leiden. Zudem können in Folge der Therapie Übelkeit und Erbrechen auftreten. Diarrhöen und Obstipation sind ebenfalls Ursachen für eine Gewichtsabnahme.

Bereits in diesem Vorstadium der Tumorkachexie ist die Gewichtsabnahme ein schlechter prognostischer Faktor. Daher ist es wichtig schon vor der körperlichen Auszehrung einzugreifen, betonte Radziwill. Ernährungstherapeutisch oder mithilfe von Supplementen könne man Patienten bei Gewicht halten. Top

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