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Der weite Weg zur optimalen Therapie

02.07.2001
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PHARMAKOGENETIK

Der weite Weg zur optimalen Therapie

von Ulrike Wagner, Rauischholzhausen

Auf den Patienten maßgeschneiderte Medikamente sind die Zukunftsvision vieler Wissenschaftler, nachdem das menschliche Genom schneller entschlüsselt wurde, als erwartet. Weniger Nebenwirkungen und wirksamere Therapien erwarten die Forscher von der Pharmakogenetik. Wann die ersten Patienten jedoch eine auf Genotyp und Phänotyp zugeschnittene Therapie erhalten, ist noch unklar und auch die Meinungen der Wissenschaftler gehen dazu auseinander. Das wurde während eines Symposiums des Rudolf-Buchheim-Instituts für Pharmakologie der Universität Gießen deutlich.

Die Genotypisierung ist mit der Chiptechnologie relativ einfach, aber auch der Phänotyp der Patienten müsse untersucht werden, betonte Professor Dr. Martin Paul vom Institut für Klinische Pharmakologie und Toxikologie des Universitätsklinikums Benjamin Franklin in Berlin. Dazu seien klinische Studien nötig, sagte er während der Pressekonferenz des Symposiums.

Klinische Studien werden der geschwindigkeitsbestimmende Faktor bei der Umsetzung der Pharmakogenetik in die Praxis sein, stimmte ihm Professor Dr. Werner Seeger vom Universitätsklinikum Gießen zu. In Deutschland hinke die klinische Forschung jedoch im internationalen Vergleich hinterher.

Professor Dr. Jürgen Brockmöller von der Abteilung klinische Pharmakologie des Universitätsklinikums Göttingen sieht die Anwendung der Pharmakogenetik jedoch nicht in ganz so weiter Ferne. Schon bald werde man zum Beispiel die Patienten identifizieren können, die Cholesterol senkende Arzneimittel tatsächlich brauchen. EMEA und FDA hätte bereits Richtlinien veröffentlicht, die die Genotypisierung immer dann verlangen, wenn bekannt ist, dass der Genotyp des Patienten für Wirkung und Nebenwirkungen des Arzneimittels eine Rolle spielt.

Komplizierte Materie

Während der Vorträge wurde deutlich, dass Pharmakogenetik hoch kompliziert ist. Da gibt es nicht nur einige wenige Polymorphismen bei den Leberenzymen, die die Medikamente abbauen, sondern viele. Und nicht nur die Leberenzyme beeinflussen Wirkung und Nebenwirkungen von Arzneistoffen, sondern auch die so genannten "Multi Drug Resistance"-Proteine (MDR), die Fremdstoffe aus der Zelle heraustransportieren. Und auch hier gibt es eine Vielzahl an Varianten, die in den verschiedenen Geweben eine Rolle spielen. Zudem sind die entsprechenden Allele dann auch noch unterschiedlich in den verschiedenen Bevölkerungsgruppen verteilt - ein komplexes Puzzlespiel von ineinandergreifenden Prozessen, die sich gegenseitig beeinflussen.

Auch die Ausstattung der Menschen mit den die Wirkstoffe modifizierenden Enzymen ist verschieden. Ob der Organismus einen Arzneistoff zum Beispiel schnell oder langsam per Acetylamin-N-Acetyltransferase acetyliert, hängt von verschiedenen Punktmutationen ab.

10 bis 20 Prozent der Nebenwirkungen könne man jedoch allein durch die vorherige Genotypisierung der Cytochrom-P450-Enzyme verhindern, sagte Professor Dr. Magnus Ingelman-Sundberg vom Kaorlinska-Institut in Stockholm. Angesichts des Aufwands, bei jedem Patienten die Sequenz des Enzyms zu bestimmen, scheint die Zahl allerdings nicht besonders hoch. Aber die Forscher setzen auf High-Throughput-Techniken, die die Preise für solche Untersuchungen senken.

Die Rauischholzhausener Konferenzen haben eine mehr als 20-jährige Tradition und sind fester Bestandteil der Aktivitäten der Deutschen Gesellschaft für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie e. V. Organisiert wurde die Tagung von Professor Dr. Jürgen Brockmöller, Privatdozent Dr. Reinhold Kreutz vom Institut für Klinische Pharmakologie und Toxikologie des Universitätsklinikums Benjamin Franklin, Berlin, Professor Dr. Martin Paul und Professor Dr. Harald Schmidt vom Rudolf-Buchheim-Institut für Pharmakologie der Universität Gießen. Top

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