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Beratungsscheibe hilft bei der Abgabe von Antibiotika

25.06.2001  00:00 Uhr

Beratungsscheibe hilft bei der Abgabe von Antibiotika

von Uta Müller, München, Rainer Gernet, Thannhausen, und Jens Schneider, Augsburg

Der "Qualitätszirkel Pharmazeutische Betreuung Augsburg", eine Gruppe pharmazeutisch aktiver Apotheker im Raum Augsburg, hat kürzlich Patienten über ihr Wissen zur korrekten Einnahme verordneter Antibiotika befragt. Das Ergebnis belegt erneut, wie wichtig die konsequente Beratung bei der Arzneimittelabgabe in der Apotheke ist. Als praktische Hilfe für die Offizin entwickelte der Zirkel jetzt eine Beratungsscheibe. Inzwischen sind alle bayerischen Apotheken damit ausgestattet. Zudem erwarb eine Pharmafirma 28 000 Exemplare und verteilte diese an niedergelassene Ärzte.

Die beeindruckenden Fortschritte der Arzneimittel-Forschung der letzten Jahre und die neuen Therapiemöglichkeiten erfordern vom Patienten mehr Mitarbeit. Betroffene müssen sich ständig mit den Themen Gesundheit, Krankheit und Arzneimittel auseinandersetzen, um Fehler bei der Anwendung der Medikamente zu vermeiden. Beispiele sind die intensivierte Insulintherapie, Einnahmevorschriften für Bisphosphonate oder die Kombinationstherapie bei Hypertonie: die Wirksamkeit dieser Therapien sind zwar belegt, ihre korrekte Umsetzung hinkt aber weit hinterher. Nur etwa jeder zweite chronisch Kranke nimmt seine Medikamente regelmäßig ein. Auch bei Akutbehandlungen wie etwa mit Antibiotika sind bis zu 60 Prozent der Patienten nicht compliant (1, 2).

Da die Patienten ihre Ärzte über dieses Fehlverhalten fast nie informieren, haben diese oft ein falsches Bild vom Erfolg der empfohlenen Therapie. Unbenutzte Arzneimittel werden nicht nur vergeudet, Fehlanwendungen können auch zu arzneimittelbedingter Morbidität führen und unnötige Krankheitskosten verursachen. Die schlechte Compliance hat demzufolge eine nicht zu unterschätzende wirtschaftliche Komponente.

Hier liegt ein wichtiges Betätigungsfeld für den Apotheker. Er muss seine Patienten bei der Abgabe von Arzneimitteln intensiv und konsequent aufklären und beraten. Dazu muss der die tatsächlichen Anwendungsgewohnheiten seiner Patienten kennen, um gezielt Beratungsstrategien entwickeln zu können.

Patientenbefragung

Vor diesem Hintergrund führte der Qualitätszirkel Pharmazeutische Betreuung Augsburg eine Patientenbefragung über das Wissen zur Einnahme verordneter Antibiotika durch. Im Raum Augsburg wurden über vier Wochen in fünfzehn Apotheken insgesamt 827 Patienten nach ihrem Wissen zur richtigen Anwendung der verordneten Antibiotika befragt. Von den 827 dokumentierten Befragungen ließen sich 797 Bögen zum Thema Arzneimittel-Anwendung auswerten. 30 Patienten holten das Antibiotikum nicht ab, so dass sie nicht befragt werden konnten. Die restlichen Patienten befragte man zu den wichtigsten Punkten ihrer Arzneimittelanwendung: nämlich nach der Einnahmehäufigkeit pro Tag, der Einnahmedauer, Einnahmezeitpunkt und nach der persönlichen Einschätzung ihres Wissensstandes hinsichtlich dieser drei Punkte. Tabelle 1 informiert über die Selbsteinschätzung der Patienten sowie die Anzahl der den Patienten bekannten Einnahmeaspekte. Von den 797 befragten Patienten gaben 78,2 Prozent (n=623) die Anzahl der Tagesdosen, 62 Prozent (n=494) die Therapiedauer und 30,7 Prozent (n=245) den Einnahmezeitpunkt korrekt wieder.

 

Tabelle 1: Patientenangabe zur korrekten Einnahme ihres Antibiotikums (n=797)

Angaben

Ja-Antworten

umfassend informiert

74,4 Prozent (n=593)

alle drei Aspekte bekannt

27,5 Prozent (n=219)

zwei der drei Aspekte bekannt

34 Prozent (n=271)

ein Aspekt bekannt

20,5 Prozent (n=163)

kein Aspekt bekannt

18,1 Prozent (n=144)

 

Die Umfrageergebnisse zeigen: Die für die Therapie in diesem Falle wichtigste Frage nach der exakten Tagesdosis konnten rund 20 Prozent der Patienten nicht richtig beantworten. Nachgeordnet, aber doch wichtig, ist die Tatsache, dass fast 40 Prozent über die Einnahmedauer und fast 70 Prozent über den Einfluss der Nahrung nicht Bescheid wussten. Um die Wissensdefizite deutlich zu machen, seien hier noch die 144 Patienten erwähnet, denen keiner der drei relevanten Fakten bekannt war. Nur 219 der befragten Patienten kannten also vollständigen Einnahmemodalitäten ihres Antibiotikums. Dennoch glaubten 593 der Befragten umfassend Bescheid zu wissen.

Wechselwirkungen

Potenzielle Wechselwirkungen wurden ermittelt über die Frage nach Medikamenten, die die Patienten zusätzlich anwendeten. Hierzu gingen die Angaben von 805 Personen in die Auswertung ein. Von ihnen gaben 282 an, zur Zeit noch andere Arzneimittel einzunehmen. Hier ermittelte man insgesamt 58 potenzielle Interaktionen (Tabelle 2).

 

Tabelle 2: Art und Anzahl der gefundenen potenziellen Interaktionen (n=805)

Arzneimittel

Anzahl

relative Anzahl bezogen auf 282 Arzneimitteleinnahmen*

relative Anzahl bezogen auf 805 abgegebene Antibiotika*

Perorales Kontrazeptivum

27

9,6

3,35

Antacidum

13

4,6 

1,6

Mineralstoffe/Vitamine

12

4,25

1,49

Sonstige

6

2,13

0,75

*) Angaben in Prozent

 

Das Ergebnis der Befragung macht deutlich, wie wichtig es ist, dass alle Patienten, denen Antibiotika verordnet wurden, in der Apotheke noch einmal, möglichst in mündlicher und schriftlicher Form, die Einnahme ihres Präparates erläutert werden muss. Weiterhin sollte das pharmazeutische Personal besonders bei Erythromycin, Tetracyclinen, Penicillinen, älteren Cephalosporinen, Cotrimoxazol und Clindamycin, den Patientinnen empfehlen, an zusätzliche Verhütungsmethoden neben der "Pille" zu denken. Das gilt besonders bei gleichzeitig auftretenden Durchfällen. Gibt man zusätzlich einen Beratungshinweis auf eine mögliche Interaktion von Vitaminen, Mineralien und Antacida mit Tetracyclinen, Gyrasehemmern oder Cotrimoxazol sowie bei Cefpodoxim einen Hinweis bezüglich der Antacida, so ist ein Großteil der potenziellen Interaktionen bereits abgedeckt.

Die Antibiotika-Beratungsscheibe

Wegen der therapeutischen Bedeutung der Antibiotika und der geschilderten Anwendungsprobleme hat der Qualitätszirkel Augsburg unter Moderation von Dr. Jens Schneider die wesentlichen Beratungsinhalte für die Wirkstoffgruppen der Makrolide, Penicilline/Cephalosporine, Gyrasehemmer, Tetracycline sowie Clindamycin und Cotrimoxazol/Trimethoprim) zusammengestellt. Um die Apotheker bei der Beratung ihrer Patienten zu unterstützen, entwickelte Dr. Rainer Gernet eine spezielle Beratungsscheibe. Das Projekt wurde unterstützt von der Bayerischen Landesapothekerkammer, der Lesmüller-Stiftung, München, und der Arbeitsgruppe Arzneimittelepidemiologie/Sozialpharmazie der Humboldt-Universität, Berlin.

Die Beratungsscheibe sollte für die Kolleginnen und Kollegen nicht nur eine Hilfe sondern auch Aufforderung sein, den Patienten bei der Abgabe von Antibiotika nochmals mit der richtigen Anwendung des Arzneimittels vertraut zu machen. Insbesondere sollen die vom Arzt festgelegte Dosierung, die Häufigkeit und der Zeitpunkt der Therapie sowie mögliche Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln besprochen werden, um Unwirksamkeit, Wirkungsabschwächung, Resistenzbildung und Unverträglichkeiten zu verhindern. Keinesfalls soll die Scheibe den Apotheker zur Frage nach der Auswahl und der richtigen Dosierung des Antibiotikums anhalten.

Die Beratungshilfe beinhaltet nur die wichtigsten Anwendungskriterien, und ist eine Kurzfassung zum schnellen, unkomplizierten Gebrauch. Spezielle und tiefergehende Fragestellungen müssen mit Hilfe anderer Informationsquellen geklärt werden.

Die Beratungsscheibe ist doppelseitig bedruckt. Die nebenstehende Abbildung zeigt die Seite mit Informationen zu Gyrasehemmern, Makroliden und diversen anderen Wirkstoffen. Die Rückseite informiert über Penicilline, Cephalosporine und Tetracycline. Beim Gebrauch der Scheibe dreht man den äußeren Rand, der die Wirkstoffgruppen verschiedenfarbig anzeigt, auf den innerhalb einer Gruppe gewünschten Wirkstoff. In den vier Fenstern "Einnahme", "Dosierung", "Wechselwirkungen und "Anmerkungen" werden die für Norfloxacin zutreffenden Einnahmedaten und mögliche Wechselwirkungen angezeigt. Oberhalb der Rubrik "Anmerkungen" stehen die für alle Antibiotika geltenden "Allgemeinen Hinweise zur Einnahme". Die Rubrik "Anmerkungen" enthält durchnummerierte arzneistoffspezifische Beratungsinhalte. Die zutreffenden Ziffern stehen jeweils unter dem Arzneistoff.

Mitarbeiterbefragung

Nach Abschluss der vierwöchigen Dokumentationsphase wurden alle Apothekenmitarbeiter, die an dem Projekt beteiligt waren und nicht Mitglied des Qualitätszirkels sind, mit Hilfe eines Fragebogens in anonymisierter Form um Ihre Bewertung gebeten. 41 Fragebögen wurden ausgefüllt zurückgesandt. Der von den Mitarbeitern geschätzte durchschnittliche Beratungsaufwand pro Patient inklusive der handschriftlichen Dokumentation lag durchschnittlich bei etwa 4,5 bis 5 Minuten. Zudem schätzten 36 Mitarbeiter (87,8 Prozent) die komprimierten Beratungsinhalte als sehr hilfreich oder hilfreich für die Patientenberatung ein. 37 Mitarbeiter (90,2 Prozent) wollen auch künftig in Projekten dieser Art mitarbeiten.

Beratungsscheibe unterstützt die intensive Beratung

Die Beratungsscheibe soll Kollegen motivieren, die nach wie vor große Problem der schlechten Compliance abzubauen. Die Rolle des Apothekers bei der Vermittlung des richtigen Umgangs mit dem Arzneimittel wird heute immer mehr anerkannt, ja geradezu gefordert.

Laut einer Befragung von Senioren wünscht sich der Großteil dieser Patientengruppe Pharmazeutische Betreuung in jeder Apotheke (3). Aber auch unter der Ärzteschaft wird der Apotheker heute stärker als Patientenberater anerkannt.

Während in einem Übersichtsartikel im Deutschen Ärzteblatt im Jahre 1982 zum Thema "Compliance" der Begriff "Apotheker" überhaupt nicht genannt wurde (4), beschrieb Nagel 2001 in der gleichen Zeitschrift Ärzte und Apotheker als gleichermaßen qualifizierte Berater (5).

Wie Nagel weiter ausführte, ist jedoch das Verhältnis der beiden Berufsgruppen derart von Vorurteilen belastet, dass Ideen einer engeren Kooperation nicht emotionsfrei diskutiert werden können. Dies ist um so bedauerlicher, wünschten sich doch 97 Prozent der Senioren in der oben zitierten Befragung eine engere Kooperation zwischen ihrem Arzt und Apotheker.

Gespräche zwischen den Vertretern der beiden Berufsgruppen finden statt, doch jeder von uns kann im Alltag dazu beitragen, die Vorurteile abzubauen. Dazu gilt es Initiative zu ergreifen. Eine gemeinsame Sprache mit den Ärzten überzeugt die Patienten, ruft ein positives Feedback hervor und fördert das Verständnis für arzneimittelbezogene Sachverhalte.

Hilfsinstrumente wie die hier vorgestellte Antibiotika-Beratungsscheibe stoßen in der Praxis wegen ihrer einfachen Handhabbarkeit auf große Akzeptanz. Auf lange Sicht ist ihr Einsatz aber begrenzt, da neue Erkenntnisse in der Pharmakotherapie nicht ohne weiteres berücksichtigt werden können. In Zeiten der modernen Informationsverarbeitung sollte man deshalb die bei der Nutzung herkömmlicher Beratungshilfen gemachten Erfahrungen auswerten und für die Weiterentwicklung entsprechender Computerprogramme nutzen.

 

Die Antibiotika-Beratungsscheibe kann gegen eine Schutzgebühr telefonisch bei der Bayerischen Landesapothekerkammer bestellt werden. Infotelefon: (089) 92 62 0

 

Literatur

  1. Gil, V.F., et al., [Non-compliance of the treatment with antibiotics in non-severe acute infections]. Med Clin (Barc), 1999. 112(19): S. 731.
  2. Reyes, H., et al., Antibiotic noncompliance and waste in upper respiratory infections and acute diarrhea. J Clin Epidemiol, 1997. 50(11): S. 1297
  3. Schaefer, M., Patienten wünschen sich Pharmazeutische Betreuung. Pharm. Ztg., 2001. 11: S. 34.
  4. Weber, E., Compliance: Wie der Patient die Verschreibung von Arzneimitteln befolgt. 1982. Dtsch. Ärzteblatt (79): S. 25
  5. Nagel, G., Kompetente Berater für kompetente Patienten. Dtsch. Ärzteblatt., 2001. 9: S. 520.

 

Für die Verfasser:
Uta Müller
Arbeitsgruppe Arzneimittelepidemiologie/Sozialpharmazie
Humboldt- Universität, Berlin

Postanschrift:
Bayerische Landesapothekerkammer
Maria-Theresia-Straße 28
81675 München

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