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Wenn Pilze zur Gefahr werden

11.06.2001  00:00 Uhr

Wenn Pilze zur Gefahr werden

von Wolfgang Kappler, Homburg

Nur wenige wirksame Medikamente aus der Gruppe der Azole stehen der Medizin zur Behandlung von Infektionen mit dem Pilz Candida albicans zur Verfügung. Unglücklicherweise beobachten Mediziner immer häufiger, dass Pilzstämme, die ursprünglich auf die Therapie ansprachen, plötzlich resistent werden. Die Vermutung, dass sie einen genetischen Schutzmechanismus besitzen, haben jetzt Würzburger Biologen im Experiment bestätigt. Ihr Ergebnis eröffnet neue Ansätze, um die Resistenz der Pilze zu umgehen.

Von den 120.000 bekannten Pilzarten sind rund hundert für den Menschen gesundheitsschädlich; darunter etwa ein Dutzend der zu den Hefen zählenden Candida-Arten. Sie siedeln auf Haut und Schleimhaut, bevorzugt an warmen, feuchten und dunklen Stellen. Kunstfasern, Lösungs-, Reinigungs- und Bleichmittel können das Hautmilieu stören und die Besiedelung und Ausbreitung begünstigen. Die Folge: Fuß- und Nagelpilz. Auch Hormonpräparate, Antibiotika sowie Rauschgifte bereiten unter anderem den Boden für Mund- oder Scheidensoor.

Aktive Abwehr

Candida besiedelt zwar die meisten Menschen, gehört aber keinesfalls zur normalen Schleimhautflora. Deshalb arbeitet die körpereigene Abwehr ständig und hält den Schmarotzer, unterstützt durch die bakterielle Normalflora, in Schach. Der Hauptvertreter, Candida albicans, bewohnt den oberen Teil des Darmes. Er richtet zwar keinen Schaden an, nutzt seinem Wirt aber auch nicht besonders viel. Sind allerdings unsere körperlichen Abwehrkräfte geschwächt, vermehrt sich der Pilz rasant, so die bisherige wissenschaftliche Meinung.

Bei HIV-Infizierten, Krebspatienten unter Chemotherapie, Organtransplantierten oder auch Menschen mit einem starken Diabetes mellitus befällt der Pilz unterschiedliche Organe. Mit seinen Stoffwechselprodukten fördert er lokale Infektionen und lässt sich nur schwer vertreiben. Verbreitet sich Candida bei Schwerverletzten im gesamten Blutkreislauf, kann es zur Katastrophe kommen. Jährlich sterben in Deutschland 10.000 Menschen an den Folgen einer systemischen Candida-Mykose, weil ihr Immunsystem kapituliert.

Nur mit wenigen Medikamenten lässt sich eine schwere Pilzinfektion bekämpfen. Häufig sind schwere Nebenwirkungen der limitierende Faktor.

Einzig die Präparate aus der Gruppe der Azole schaffen den Spagat zwischen Wirksamkeit und kalkulierbarem Risiko. "Das Ziel der gegenwärtigen Bemühungen ist deshalb die Entwicklung neuer Wirkstoffe, vor allem aber die Verbesserung der vorhandener Substanzen", sagt der Würzburger Biologe Dr. Joachim Morschhäuser. Denn schon länger beobachten Biologen und Mediziner, dass sich selbst bei geringer Medikamentengabe plötzlich resistente Candida-Stämme an den infizierten Stellen durchsetzen, oder dass sich Stämme, von denen man annahm, sie würden sich bekämpfen lassen, als widerstandsfähig erweisen.

Schlafendes Gen aktiviert

Durch Vergleich von normalen mit resistenten Candida-albicans-Stämmen von Mundsoor-Patienten erhärteten die Würzburger Biologen jetzt die bisherige Annahme, dass in den resistenten Pilzzellen sehr häufig ein bestimmtes Gen aktiviert ist, dem die Forschung den Namen MDR1 gegeben hat. MDR steht für Multiple Drug Resistance. Unter den gleichen Wachstumsbedingungen "schläft" hingegen das Gen bei den nicht resistenten Pilzen. Das aktivierte Gen liefert den Bauplan für eine "Pumpe". Dieses MDR1-Protein transportiert dann die Azole einfach aus dem Zellinnern.

Morschhäusers Team fand nun heraus, dass die Aktivierung des MDR1-Gens auf Mutationen der komplexen Zellregulationsmechanismen beruht. "Welche Mechanismen das sind, daran arbeiten wir nun, indem wir mit gentechnischen Methoden die Signalketten in der Pilzzelle unter die Lupe nehmen", sagt Morschhäuser und erklärt den Sinn der aufwändigen Arbeit: "Mit diesem Wissen könnte man dann gezielt mit noch zu suchenden Medikamenten in die Aktivierung der Pumpe eingreifen und ihre Bildung womöglich verhindern".

Der zweite Ansatz besteht darin, die Pumpenstruktur zu entschlüsseln, um darauf aufbauend eine Substanz zu entwickeln, die sie blockiert: "Dieser Stoff würde dann mit dem eigentlichen Medikament verabreicht". Festzuhalten bleibt, dass es neben dem beschriebenen Weg der Resistenzbildung noch andere Mechanismen gibt. Immerhin aber bietet sich das derzeitige Wissen bereits an, einen molekularbiologischen Test hinsichtlich der Resistenz zu etablieren. Damit ließe sich prüfen, ob ein Keim überhaupt auf eine Behandlung anspricht. In Kombination mit dem im letzten Jahr von dem Kölner Internisten Dr. Stefan Willi Mester geforderten Pilznachweis bei Intensivpatienten, ergäbe sich daraus eine effektivere Behandlungsstrategie. In seiner Untersuchung an 224 Intensivpatienten konnte Mester bei einem Drittel eine Pilzinfektion nachweisen. Mehr noch: Je länger der Patient therapiert wurde und Antibiotika bekam, desto intensiver nahm die Infektion zu. Zudem lag die Sterblichkeit pilzinfizierter Patienten 10 Prozent höher als bei Patienten ohne Nachweis. Top

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