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Stammzellforschung

Ethik und Forscherdrang

28.05.2001
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PHARMACON MERAN

Stammzellforschung: Ethik und Forscherdrang

von Brigitte M. Gensthaler, Meran

"Wir brauchen das therapeutische, aber nicht das reproduktive Klonen. Dies können wir mit pluripotenten Stammzellen erreichen." Diese Überzeugung vertrat Professor Dr. Theo Dingermann von der Universität Frankfurt am Main in der Diskussion zur Stammzellforschung. Nicht die Forschung an sich, sondern das Gewinnen der embryonalen Stammzellen unter Vernichtung des menschlichen Embryos hält dagegen der Moraltheologe Professor Dr. Eberhard Schockenhoff aus Freiburg für ethisch nicht vertretbar.

Der Wissenschaftliche Beirat der BAK hatte die beiden Wissenschaftler nach Meran eingeladen, um das schwierige Thema "Embryonale Stammzellen" aus naturwissenschaftlicher und moraltheologischer Sicht darzustellen. Das Auditorium ließ sich durch die beiden Vorträge zu einer fundierten und größtenteils sachlichen Diskussion anregen.

Viele Wege führen zu Stammzellen

Die Verheißungen der Stammzellforschung sind enorm. Als biologische Medikamente sollen sie ausgefallene oder zerstörte Organe oder Gewebe ersetzen, um beispielsweise Patienten mit Parkinson, Alzheimer, Schlaganfall, Verbrennungen, Diabetes oder Herzerkrankungen zu heilen. Vor der Zelltherapie müsse die Grundlagenforschung stehen, warnte Dingermann vor übereilten Therapieversuchen.

Wie werden Stammzellen gewonnen? Bis zu vier Tage nach der Befruchtung (bis zum 8- oder 16-Zellstadium des Embryos) sind die Zellen totipotent. Jede einzelne kann zu einem kompletten Organismus heranreifen wodurch mehrere Klone entstünden, erklärte der pharmazeutische Biologe. Hat sich die Blastozyste mit innerer und äußerer Zellmasse ausgebildet, verlieren die Zellen die Totipotenz. Forscher können aus der inneren Zellmasse pluripotente Stammzellen gewinnen, diese alleine eignen sich dann aber nicht mehr zur Reproduktion. Dazu verwendete eine Wissenschaftlercrew überzählige Embryonen aus der In-vitro-Fertilisation. Eine andere Forschergruppe gewann den begehrten Stoff aus fetalem Gewebe von Aborten. Bringt man die pluripotenten Zellen in einen Gewebeverband ein, können sie theoretisch jedes beliebige Organ oder Gewebe bilden. Werden die Zellen der inneren Zellschicht in eine zweite Blastozyste eingebracht, entstehen Chimären.

Als dritten Weg zu pluripotenten Stammzellen beschrieb Dingermann den "somatic cell nuclear transfer" (SCNT). Dabei wird eine somatische Zelle, die das komplette Erbmaterial enthält, mit einer entkernten reifen Eizelle fusioniert. Die fusionierten Zellen und deren unmittelbare Abkömmlinge scheinen totipotent zu sein, da daraus ganze Lebewesen entstehen können, die genetisch (weitestgehend) mit dem Spender der somatischen Zelle identisch sind. Prominentes Beispiel ist das Klonschaf Dolly. Unter geeigneten Bedingungen entwickelt sich eine Blastozyste, die als Quelle für pluripotente Stammzellen dienen kann. Anders als die Deutsche Forschungsgesellschaft DFG stufte Dingermann den SNCT als therapeutisches Klonen ein.

Adulte, aber "sehr junge und fitte" Stammzellen liefert Nabelschnurblut. Kommerzielle Unternehmen werben dafür, dass Eltern das Nabelschnurblut des Neugeborenen einfrieren lassen sollen, um bei späteren Erkrankungen des Kindes dessen eigene Stammzellen eventuell therapeutisch zu nutzen.
Pluripotente menschliche Stammzellen würden in der Grundlagenforschung benötigt, könnten aber auch ganz neue Wege für die Arzneistoffentwicklung eröffnen, sagte Dingermann. Für die Stammzelltherapie, die heute bereits hoch gelobt wird, sei noch viel Grundlagenforschung nötig. Adulte Stammzellen hätten wohl nur einen begrenzten Platz in der Therapie. Obwohl bekannt ist, dass sich multipotente Zellen reprogrammieren lassen, sei deren Einsatz eher limitiert.

Menschenwürde von Anfang an

Das technologisch Machbare richtet sich nicht nach dem Maßstab ethischer Verantwortung; daher müssten wissenschaftliche Selbstkontrolle und ethische Reflexion die Grenzen ziehen, innerhalb derer Wissenschaft und Forschung dem Leben dienen. Die Vernunft des Menschen müsse die Grenzen menschlicher Eingriffe definieren, forderte Schockenhoff, der kürzlich in den Nationalen Ethikrat berufen wurde. Das Kriterium der Menschenwürde, der Respekt vor dem Menschen als solchem und das Tötungsverbot geben dafür wichtige Maßstäbe, ziehen aber nur eine negative Grenze. Jedoch haben im Konfliktfall negative Unterlassungspflichten Vorrang vor positiven Handlungspflichten. Im Klartext: Eingriffe in die Rechte eines Menschen sind auch dann unstatthaft, wenn damit positive Ziele erreicht werden sollen.

Dieser Grundsatz gilt auch für das therapeutische Klonen, sagte der Theologe: Es verfolgt das berechtigte Ziel, schwerkranken Menschen zu helfen, instrumentalisiert aber menschliches Leben zu fremden Zwecken. Um embryonale Stammzellen zu gewinnen, wird die Vernichtung des Embryos in Kauf genommen. Ein "entscheidender ethischer Einwand" gegen dieses Verfahren. Die Erkenntnisse der modernen Embryologie und Genetik hätten den Gesetzgeber veranlasst, dem Leben ab der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle die Menschenwürde zuzuerkennen. "Das Embryonenschutzgesetz schützt das Menschenleben von Anfang an. Es ist damit auch in seinen Anfangsstadien einer Güterabwägung entzogen", betonte Schockenhoff.

Er bezeichnete es als eine Errungenschaft in der ethischen Entwicklung, dass die Menschenwürde nicht von Bedingungen wie Alter, Rasse oder Hautfarbe abhängt. Die fundamentalen Rechte des Menschen vertrügen keine Abschwächung; "diese Überzeugung steht am Beginn unserer Demokratie. Solange wir Stammzellen nicht anders etablieren können als durch Tötung eines Embryos, ist dies ethisch nicht vertretbar."

Das Argument, dass dies in anderen Ländern erlaubt sei und deshalb in Deutschland nicht verboten sein dürfe, zumal man später therapeutische Erfolge in anderen Ländern auch hierzulande nutzen wolle, ist für ihn "eine Aufforderung zur moralischen Kapitulation" und "höchst fragwürdig". Damit Deutschland künftig nicht in diese angebliche "Glaubwürdigkeitsfalle" laufe, seien jetzt größte Anstrengungen nötig, um die angestrebten Ziele mit anderen Methoden, zum Beispiel dem Einsatz adulter Stammzellen, zu erreichen. Dies koste möglicherweise mehr Zeit, bis die erhofften Erkenntnisse gewonnen werden können. Einen generellen Verzicht auf die Stammzellforschung bedeutet es nicht. "Der Preis dieser Verzögerung sollte nicht zu hoch sein angesichts der Wahrung fundamentaler Rechte unserer demokratischen Kultur."

Das Objekt der Begierde

Eine Stammzelle ist eine nicht ausdifferenzierte Zelle, die von einem Embryo, einem Fötus oder einem erwachsenen Menschen stammen kann. Charakteristisch ist ihre unlimitierte Teilungsfähigkeit und die Fähigkeit, zu einer spezialisierten Zelle heranzureifen. Totipotente Zellen können zu jeder der etwa 200 verschiedenen Zelltypen im Menschen ausdifferenzieren, pluripotente Stammzellen können fast alle Zelltypen bilden, aber keine Plazenta. Multipotente Zellen bilden ein Reservoir für bestimmte Zelltypen; zum Beispiel entstehen aus hämatopoetischen Stammzellen alle Blutzellen. Sie sind wichtige Bestandteile jedes erwachsenen Organismus. Top

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