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Für die Freiberuflichkeit europaweit kämpfen

21.05.2001
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PHARMACON MERAN

Für die Freiberuflichkeit europaweit kämpfen

von Ulrich Brunner, Brigitte M. Gensthaler und Hartmut Morck, Meran

Zu mehr Solidarität im Kampf gegen eine Kommerzialisierung im Gesundheitswesen hat der Präsident der Bundesapothekerkammer (BAK), Johannes M. Metzger, in seiner Eröffnungsrede zum 39. Pharmacon am 20. Mai in Meran aufgerufen. Die freie Heilberufsapotheke sei nicht nur das entscheidende Grundprinzip in der Arzneimittelversorgung in Deutschland, sondern auch in vielen anderen europäischen Ländern. Für dieses Prinzip müssten Apothekerinnen und Apotheker europaweit gemeinsam kämpfen.

Metzger konzentrierte sich in seinem politischen Statement erneut auf die Brennpunkte Versandhandel, E-Commerce und die geplanten Änderungen im Apothekengesetz. Er warnte davor, die bewährte Arzneimittelversorgung in Deutschland durch Systembrüche zu gefährden. Die Apothekerschaft trage maßgeblich dazu bei, dass Patienten stets mit dem richtigen Arzneimittel in der passenden Dosierung zur rechten Zeit mit dem richtigen Rat versorgt würden. Voraussetzung dafür sei aber ein flächendeckendes Apothekennetz, das eine zeitnahe Versorgung rund um die Uhr sichere. Dies könnten Versandhändler nie leisten.

Bei einem europaweiten Versandhandel sind laut Metzger die Probleme auf Grund der unterschiedlichen Rechtssysteme in den Mitgliedsländern vorprogrammiert. Schließlich müsse jedem Vertriebswilligen aus Wettbewerbsgründen das System offen stehen. Der Handel dürfe nicht nur auf bestimmte, von den Krankenkassen zugelassene Vertriebsstätten beschränkt bleiben. Diese Erkenntnis habe sich glücklicherweise inzwischen auch in der Politik rumgesprochen. "Solange es kein wirklich einheitliches europäisches Arzneimittel-, Steuer- und Sozialrecht gibt, importieren wir mit jedem Arzneimittel die Bedingungen des jeweiligen Absenderlandes", warnte der BAK-Präsident.

Deutschland würde zudem auf die eigene Zulassungskompetenzen verzichten. Weiterhin seien Arzneimittelrückrufe nicht mehr möglich und damit die Arzneimittelsicherheit "auf das Höchste gefährdet". Aber auch die Preisbildung wäre unter anderem dank der unterschiedlichen Mehrwertsteuersätze völlig undurchsichtig.

Metzger hofft auf "Runden Tisch"

Auch das Geschäft mit Arzneimitteln per Internet sei nichts weiter als gewöhnlicher Versandhandel. Patienten würde nach dem Willen einiger Politiker und Krankenkassen der unmittelbare Zugang zu Arzneimitteln in der Apotheke verwehrt. Wer bislang seine Medikamente in der höchstens fünfzehn Minuten entfernten Apotheke holen konnte, müsse dank Internet künftig zwei oder sogar vier Tage auf seine Bestellung warten.

Den Patienten, die gerne ihre Arzneimittel online bestellen wollen, biete die ABDA ab diesem Sommer entsprechende Möglichkeiten im neuen Internetportal. "Und für diejenigen, die zum Beispiel krankheitsbedingt nicht selbst in die Apotheke gehen können, besteht schon heute die Möglichkeit, dass ein Bote der Apotheke die Arzneimittel nach Hause bringt", so Metzger weiter. Deutschland mit seinen 21.600 Apotheken brauche keinen Versandhandel à la DocMorris.

Metzger freute sich, dass sich inzwischen Nachdenklichkeit unter einigen Politiker breit gemacht hat. Immerhin habe sich Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt erst kürzlich in Berlin gegen die Rosinenpickerei ausländischer Anbieter zu Lasten der deutschen Apotheken ausgesprochen. Der BAK-Präsident hofft besonders auf den von der Ministerin einberufenen "runden Tisch", in dem alle am Gesundheitswesen Beteiligten neue Strategien diskutieren. Die Apotheker würden diese Chance nutzen, weiter Überzeugungsarbeit zu leisten. Dabei ginge es nicht darum, an "längst überkommenen Zöpfen" festzuhalten, sondern die Arzneimittelversorgung zu verbessern.

Gesetzentwurf gefährdet Arbeitsplätze

Während aus wahltaktischen Gründen die Diskussion um Versandhandel auf Eis liege, ginge die Politik mit "völlig unverständlicher Eile" an die Änderungen des Apothekengesetzes. Dabei gehe es inzwischen um weit mehr als nur die Versorgung von Pflegeheimen und ambulant behandelnde Klinikärzte. Hier würden Begehrlichkeiten geweckt. Letztlich ginge es darum, den Krankenhausapotheken auf breiter Basis den Einstieg in die ambulante Arzneimittelversorgung zu gestatten. Metzger warnte davor, auf diese Art das bewährte Preisbildungssystem aufs Spiel zu setzen. "Öffnet man den ambulanten Bereich für Krankenhausapotheken, müssen die Hersteller reagieren und das Preisniveau steigt."

Zwar sei die Zahl der Beschäftigten in Apotheken inzwischen auf 136.000 gestiegen, die Offizinen hätten aber im wesentlichen nicht mehr Mittel von den Krankenkassen in Anspruch genommen als 1992. Die gestiegenen Preise von Arzneimitteln habe die Industrie zu vertreten.

Die Politik wünsche sich mehr Wettbewerb, solche Gesetzesvorhaben führten aber zu einer Wettbewerbsverzerrung. Krankenhäuser seien steuerlich doppelt privilegiert, kritisierte Metzger. Ihre Investition- und Unterhaltskosten stammten aus öffentlichen Mittel und sie seien völlig von der Steuer befreit. Im Zuge der Wettbewerbsgleichheit müsste den privaten Anbietern außerdem der Zugang zu günstiger Krankenhausware und Mehrbesitz erlaubt werden. Die Industrie müsste zwangsläufig die Preise anheben und Konzentrierungsprozesse würden in Gang gesetzt. Metzger: "Das kostet Versorgungsqualität und dann Arbeitsplätze!"

Diese Politik richte sich gegen Klein- und Mittelbetriebe, gefährde Arbeitsplätze und gehe natürlich auch zu Lasten der Patienten. Für Metzger ist es unverständlich, warum Politiker diese Folgen in Kauf nehmen wollen "für eine durch nichts gerechtfertigte Hoffnung, die Arzneimittelversorgung von einem heute im europäischen Preisvergleich liegenden Mittelplatz weiter absenken zu können".

Wer die USA als Paradebeispiel für eine markorientierte Gesundheitsversorgung halte, sollte die Ausgaben für Arzneimittel unter die Lupe nehmen, sagte der BAK-Präsident. Während in Deutschland seit 1992 die Ausgaben um 25 Prozent stiegen, habe man in den Staaten einen Zuwachs von 109 Prozent registriert. Metzger: "Diese empirische Effizienz spricht eindeutig gegen Distributionsexperimente".

Nicht nur Deutschland, sondern auch Italien, Frankreich, Luxemburg, Österreich, Spanien, Griechenland und Portugal stünden für die freie unabhängige Heilberufsapotheke ein. Dieses bewährte System gelte es europaweit gemeinsam mit allen Mitteln zu verteidigen. Top

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