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Pille schützt Risikopatientinnen

02.05.2005  00:00 Uhr
Brustkrebs

Pille schützt Risikopatientinnen

von Ulrike Wagner, Sydney

Die Einnahme oraler Kontrazeptiva könnte Frauen mit hohem Brustkrebsrisiko vor der Erkrankung bewahren. Erste Hinweise liefert eine kürzlich veröffentlichte Studie von Wissenschaftlern aus Australien, den USA und Kanada.

Orale Kontrazeptiva wurden bislang mit einem leicht erhöhten Risiko für Brustkrebs in Zusammenhang gebracht. Verantwortlich dafür war vor allem eine 1996 veröffentlichte Metaanalyse von 54 epidemiologischen Studien. Viele dieser Untersuchungen schlossen jedoch Frauen mit ein, die höher dosierte Präparate als heutzutage üblich verwendet hatten. Zudem war bislang unklar, ob die Einnahme oraler Kontrazeptiva die Brustkrebsrate von Risikopatientinnen beeinflusst.

Die Ergebnisse der aktuellen Untersuchung deuten nun darauf hin, dass niedrig dosierte orale Kontrazeptiva das Brustkrebsrisiko im Allgemeinen nicht erhöhen. Frauen mit BRCA1-Mutation (siehe Kasten) könnten von den Hormonpräparaten sogar profitieren. Ihr Risiko, relativ jung an Brustkrebs zu erkranken, sank nach den neuen Daten von 40 bis 80 Prozent auf 10 bis 20 Prozent. Voraussetzung dafür war, dass sie die Hormone vor dem 20. Lebensjahr und mindestens zwölf Monate lang eingenommen hatten.

Sollten weitere Studien den Zusammenhang bestätigen, biete sich Frauen mit BRCA1-Mutation eine einfache und sichere Methode, ihr Brustkrebsrisiko zu senken, so Professor Dr. John Hopper, Koordinator der Studie, in einer Pressemitteilung. Zurzeit bestehe die einzige Prävention in der Amputation der Brüste oder dem chirurgischen Entfernen der Eierstöcke, führte Hopper aus, der am Zentrum für Genetische Epidemiologie der Universität von Melbourne lehrt und forscht.

 

Brustkrebsgene Bei BRCA1 und BRCA2 handelt es sich um Gene, die in von Brustkrebs besonders betroffenen Familien verändert vorliegen. Die Abkürzung BRCA steht für Breast Cancer (englisch, Brustkrebs). BRCA1 und -2 sind Tumorsuppressorgene, die in intaktem Zustand übermäßige Zellteilung verhindern. Sind sie genetisch verändert und dadurch in ihrer Funktion gestört, ist die Gefahr groß, dass Zellen entarten.

Die Tumoren, die dann entstehen, unterscheiden sich von denen der Frauen, die sporadisch an Brustkrebs erkranken. Aber auch Krebs, der durch eine BRCA1-Mutation ausgelöst wurde, unterscheidet sich von einer durch Veränderungen in BRCA2 verursachten Erkrankung. So ist das Brustkrebsrisiko von Trägerinnen einer Mutation in BRCA1 in jungen Jahren deutlich größer als in höherem Alter. Eine Mutation in BRCA2 zeigt dieses Merkmal nicht, das Brustkrebsrisiko dieser Frauen bleibt lebenslang etwa gleich hoch.

Inzwischen ist mit BRCA3 ein weiteres Gen bekannt, dessen Veränderung Brustkrebs auslösen kann. Allerdings ist noch nicht ausreichend erforscht, wie hoch das Risiko einer Erkrankung für Frauen mit dieser Mutation ist.

 

Frauen ohne erblich bedingt erhöhtes Brustkrebsrisiko sowie Frauen mit BRCA2-Mutation profitierten nach den Daten der Studie nicht von der Hormoneinnahme. Aber ihr Risiko, an einem Mammakarzinom zu erkranken, war durch orale Kontrazeptiva auch nicht erhöht. Dies galt allerdings nur für Frauen, die seit Mitte der 1970er-Jahre die üblichen, niedrig dosierten Präparate eingenommen hatten. Das Brustkrebsrisiko der Frauen, die mit Hilfe oraler Kontrazeptiva vor 1975 verhütet hatten, war auch in der aktuellen Untersuchung leicht erhöht. Hopper und seine Mitarbeiter machen daher die höhere Dosierung der früher verwendeten Präparate für den in älteren Studien beobachteten geringen Anstieg des Risikos verantwortlich.

Für die Untersuchung werteten die Forscher Daten aus den Krebsregistern in Australien, den USA und Kanada aus. Sie nahmen 1156 Frauen, die vor Erreichen des 40. Lebensjahres an Brustkrebs erkrankt waren, in die Studie auf. Hinzu kamen 815 zufällig ausgewählte Frauen als Kontrollgruppe. Einem Telefoninterview zur Familiengeschichte folgte eine persönliche Befragung. Mit Hilfe von molekularbiologischen Untersuchungen wiesen die Forscher bei 47 Brustkrebspatientinnen eine Mutation im BRCA1-Gen nach, bei 36 fanden sie Veränderungen im BRCA2-Gen. Die Ergebnisse der Studie veröffentlichten Hopper und sein Team in der Februar-Ausgabe der Fachzeitschrift "Cancer Epidemiology, Biomarkers and Prevention" (Ausgabe 14, 2, Seiten 350 bis 356).

Frauen mit BRCA1- oder BRCA2-Mutation erkranken auch häufiger als genetisch unbelastete Frauen an Ovarialkarzinomen, erklärte Hopper. Es sei bekannt, dass die Einnahme oraler Kontrazeptiva das Risiko für Eierstockkrebs reduziert. Die neue Studie weise nun darauf hin, dass dies bei Frauen mit BRCA1-Mutation auch für Brustkrebs der Fall sein könnte. Weil niedrig dosierte orale Kontrazeptiva das Brustkrebsrisiko zumindest nicht erhöhen, sollte eine Mutation in den Brustkrebsgenen BRCA1 und -2 keine Kontraindikation für die Einnahme darstellen, schlussfolgern die Wissenschaftler. Eine generelle Empfehlung für Frauen mit nachgewiesener BRCA1-Mutation, orale Kontrazeptiva einzunehmen, wollen Hopper und seine Kollegen jedoch nicht aussprechen. Dazu seien noch weitere, größere Studien nötig. Top

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