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Sucht, Sumpf und Substitution: eine Herausforderung

21.04.1997
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  Govi-Verlag

Sucht, Sumpf und Substitution:
eine Herausforderung

Bayerischer Apothekertag

  Werden Drogenabhängige in unserer Gesellschaft behandelt wie früher Aussätzige? Kann die Freigabe der illegalen Drogen die organisierte Kriminalität austrocknen? Könnte DHC eine Alternative zu Methadon in der Substitution bieten? Und was kann die Apotheke zur Behandlung von Abhängigen beitragen? Fragen über Fragen, die bei einer Podiumsdiskussion auf dem Bayerischen Apothekertag in Schweinfurt angeschnitten wurden.

Grund zur Entwarnung gibt es nicht. 1996 stieg die Zahl der Rauschgifttoten seit Jahren erstmals wieder an: 1712 Menschen starben an ihrer Sucht. Etwa 150.000 bis 300.000 Drogenabhängige leben in Deutschland, 120.000 bis 150.000 davon nehmen Heroin. Drogenabhängige und -tote bedeuten auch für die Apotheker eine extreme Herausforderung, leitete Dr. Jens Schneider, Vorstandsmitglied der Bayerischen Landesapothekerkammer und Leiter des BLAK-Arbeitskreises Sucht, die Podiumsdiskussion am 13. April ein.

Abstinenz ist das Ziel

Das Idealbild einer drogenfreien Gesellschaft sei eine Illusion; das Drogenproblem einzudämmen, sei realistischer, meinte Eduard Lintner, Drogenbeauftragter der Bundesregierung. Im europäischen Vergleich liege die Bundesrepublik an zweitbester Stelle, was den prozentualen Anteil der Drogenkonsumenten in der Bevölkerung angeht; kein Grund also, nach Modellen aus dem Ausland zu schielen. Jedoch gebe es Defizite, zum Beispiel in der Prävention. Die Substitution sieht Lintner als Zwischenschritt auf dem Weg zur Drogenfreiheit. Die Abgabe von Heroin an Süchtige lehnte er ebenso ab wie Dr. Rolf Baumann vom Bayerischen Sozialministerium.

Alle Suchtstoffe, ob legal oder illegal, wirken über das Belohnungssystem im Zentralnervensystem. Daher ist die Abstinenz das Ziel einer medizinisch-wissenschaftlich fundierten Drogenpolitik in Bayern, erklärte Baumann,: "Wir wollen weg von Sozialromantik und Ideologisierung. Eine Zielhierarchie zur Schadensbegrenzung sei möglich, psychosoziale Betreuung des Abhängigen nötig. Daher wird Bayern als einziges Bundesland in diesem Jahr die Suchtberatung in Gefängnissen mit 3,5 Millionen DM fördern. Da sich die morphologischen Veränderungen im Gehirn langsam vollziehen, muß Prävention sehr früh einsetzen und alte Drogen einbeziehen, sagte der Ministerialrat mit Blick auf die laufende Kampagne der Bayerischen Staatsregierung "Alkohol? Jetzt lieber nicht!".

Ob Codein oder Methadon: Der Beigebrauch ist riesig, stellte Professor Dr. Gustav Drasch vom Institut für Rechtsmedizin in München klar. Die Polytoxikomanie sei heute der Regelfall. Neben DHC oder Methadon - manchmal auch beide gemeinsam - nehmen die Süchtigen vor allem Diazepam, Flunitrazepam, neuerdings auch Clonazepain, sowie Cannabis und Alkohol. Ein Drittel ergänzt mit Heroin oder Cocain; gelegentlich werden auch trizyklische Antidepressiva gefunden.

Drogenabhängige sind Patienten

Noch wichtiger als der Stoff selbst ist das hinter der Substitution stehende Konzept, meinte Dr. Felix Trotter vom Bezirkskrankenhaus Haar. Ersatzmittel seien in jedem Programm nötig, "aber mit Zielsetzung und Kontrolle". Im Vergleich zu Methadon mit einer Wirkzeit von etwa 24 Stunden hat Dihydrocodein den Nachteil der kurzen Halbwertszeit von etwa vier Stunden. Das macht eine einmal tägliche Einnahme unter ärztlicher Kontrolle unmöglich. Jedoch wirkt DHC weniger sedierend als der weltweit vorherrschende Ersatzstoff Methadon. Tretter hält es für möglich, daß die Codein-Substitution den Abhängigen gesundheitlich und sozial stabilisieren kann; dies gelte jedoch nur für Patienten, die sich nach ärztlichen Anweisungen richten können.

Ganz wichtig sind feste Regeln bei der Betreuung von Abhängigen in der Apotheke und eine enge Zusammenarbeit mit Ärzten und Beratungsstellen, berichtete Christiane Fahrmbacher-Lutz. Der Apotheker müsse sich lösen von moralisierenden Vorbehalten. Die apothekerliche Betreuung könne helfen, akut das Überleben zu sichern, dann die Verelendung zu verhindern und langfristig die Abstinenz zu erreichen. Problematisch sei die geringe Zahl. von Methadon-Ärzten, vor allem auf dem Land.

DHC unter die BtmVV?

Die unkritische Verordnung an nichtausgewählte Personen hat die Substitution mit DHC in Verruf gebracht. Doch das Problem ist (süd-)bayernspezifisch, erklärte Schneider: Ein Viertel der gesamten DHC-Menge Deutschlands wird im Freistaat eingesetzt - oft unkontrolliert in der grauen Substitution. Daher fordern die bayerische Regierung und die BLAK seit langem, DHC unter die Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung zu stellen. Dieser Schritt würde die Dokumentation und die Qualität der Versorgung schlagartig verbessern, sagte Kammerpräsident Dr. Hermann Vogel in der Diskussion und könnte den Apotheker vor dem Ruf des Dealers in Weiß schützen, legte Baumann nach.

Viele Probleme bei der Substitution entstehen durch mangelnde Kenntnis der Ärzte. Fahrmbacher-Lutz riet, die Ärzte im Gespräch und mit Literatur zu unterstützen. Aber auch die Ausbildung der Mediziner müsse verbessert werden, "doch die Sucht ist zu komplex, um sie der Medizin zu überlassen", meinte Tretter. So gab es anchließend ein klares Votum für die Gründung einer Akademie für Suchtfragen: die Apotheker sind bereit, ihren Beitrag zu leisten.

PZ-Artikel von Brigitte M. Gensthaler und Hartmut Morck, Schweinfurt

Drogentote: Zahlen im Vergleich

Beim Stichwort Drogenabhängigkeit denkt man zuerst an illegale Rauschgifte. Weitaus häufiger ist jedoch die Abhängigkeit von den legalen Drogen Alkohol und Nikotin. Dr. Rolf Baumann vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit nannte konkrete Zahlen.

Im letzten Jahr starben in der Bundesrepublik 1712 Menschen an Rauschgift, 260 davon in Bayern, aber 40 000 an Alkohol und 112.000 an Nikotin. Auch die volkswirtschaftlichen Schäden, die durch die Sucht entstehen, lassen sich beziffern: rund 13 Milliarden DM durch illegale Drogen. Beim Alkohol stehen den Steuereinnahmen von 7,6 Milliarden DM die Ausgaben von 60 bis 80 Milliarden DM gegenüber. Ähnlich bei Tabak: Über die Steuer nimmt der Staat rund 20 Milliarden DM ein, die Sucht und ihre Folgen verschlingen 80 Milliarden DM. Der volkswirtschaftliche Schaden durch Zigaretten beläuft sich somit auf runde 60 Milliarden DM.

   

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