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Abhängigkeit entsteht unauffällig

31.03.2003  00:00 Uhr
Arzneimittelabusus

Abhängigkeit entsteht unauffällig

von Brigitte M. Gensthaler, München

Menschen, die von Medikamenten abhängig sind, können ihre Sucht oft leichter verbergen als Alkohol-abhängige Menschen. Arzneimittel lösen keinen Rausch aus, spektakuläre Ereignisse sind selten und die Symptome der Abhängigkeit meist höchst diffus. Umso aufmerksamer müssen Ärzte und Apotheker sein, um eine Medikamentenabhängigkeit zu erkennen.

Rein zahlenmäßig spielt die Arzneimittelabhängigkeit im Vergleich zur Alkohol- und Nikotinsucht keine große Rolle. Nach Zahlen der Deutschen Hauptstelle gegen Suchtgefahren (DHS, 1999) rauchen 17,8 Millionen Menschen in Deutschland und mehr als ein Drittel davon täglich über 20 Zigaretten. 1,7 Millionen sind dem Alkohol verfallen. Von Arzneimitteln sind derzeit etwa 1,5 Millionen Menschen abhängig, davon allein 1,1 Millionen von Benzodiazepinen (lesen Sie dazu auch: Sucht im Alter).

Hausärzte und Apotheker sind für suchtgefährdete und suchtkranke Menschen eine wichtige erste Anlaufstelle. Etwa 70 Prozent suchen innerhalb eines Jahres – egal aus welchem Grund - mindestens einmal eine Arztpraxis auf; die Kontakte zu einer Apotheke sind noch viel häufiger. Hier liege eine große Chance für eine frühzeitige Intervention, sagte Dr. Max Kaplan, Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer, beim 2. Suchtforum, das die BLÄK gemeinsam mit der Bayerischen Landesapothekerkammer (BLAK) und der Bayerischen Akademie für Suchtfragen (BAS) in München ausrichtete.

Stille Entwicklung

„Der Weg von der Wiederherstellung einer gestörten Befindlichkeit bis zur gezielten aktiven Manipulation der Befindlichkeit ist meist kürzer als vielfach gedacht“, warnte der Vorsitzende der BAS, Professor Dr. Jobst Böning. Die „stille Entwicklung“ von einer nicht mehr sinnvollen Einnahme über den gewohnheitsmäßigen Entlastungskonsum eines Medikaments bis zur Abhängigkeit werde häufig übersehen. Entgegen einer verbreiteten Meinung sei das Abhängigkeitspotenzial der Stoffe zunächst dosisunabhängig, sagte der Psychiater.

Bekanntlich rangieren Schlaf- und Beruhigungsmittel (Hypnosedativa), Tranquillantien (vor allem Benzodiazepine), Analgetika und Stimulantien in der Hitliste der Arzneimittel mit Suchtpotenzial ganz vorne. Erstaunlicherweise gehen zwei Drittel der Benzodiazepin-abhängigen Menschen nur zu einem Arzt und betreiben kein „Doctor-hopping“, berichtete Dr. Jens Schneider, Vizepräsident der BLAK. Die Verordnung von Codein-haltigen Arzneimitteln sei eindeutig rückläufig. Bei den Analgetika seien Monopräparate eindeutig auf dem Vormarsch. Den Missbrauch von Laxantien bezeichnete der Augsburger Apotheker als „ernüchterndes Problem auf niedrigem Niveau“.

Dem Missbrauch auf der Spur

Verschiedene „Testfragen“ könnten auf die Spur eines Medikamentenabusus führen, sagte Böning:

  • An wie vielen Tagen in den letzten drei Monaten haben Sie keine Tabletten genommen?
  • Tragen Sie eine Sicherheitsmenge bei sich? Nehmen Sie die Tabletten in den Urlaub mit?
  • Gibt es Situationen, in denen Sie das Gefühl haben, dass Sie sie mit Hilfe von Tabletten besser bewältigen können?
  • Können Sie ohne Tabletten einschlafen?

Typisch sei, dass der Patient den Arzt immer wieder dränge, ihm „sein“ Arzneimittel zu verordnen, da die Beschwerden „einfach nicht besser werden“ und nur mit Hilfe eines bestimmten Medikaments zu beherrschen seien. Lässt sich ein Patient von mehreren Ärzten Arzneimittel mit Suchtpotenzial verschreiben, könne der Apotheker dies als Erster bemerken. Christiane Fahrmbacher-Lutz, Apothekerin und Vorstandsmitglied der BAS, riet ihren Kollegen, Suchtpatienten anzusprechen, ohne Konfrontation und Abwehr zu provozieren. Beispielsweise könne man zuerst Nebenwirkungen wie eine verstärkte Tagesmüdigkeit thematisieren.

Es geht auch ohne Benzodiazepin

Einer iatrogen bedingten Sucht kann man auch bei „typischen“ Syndromen wie Schmerz, Schlaf- und Angststörungen oder Depressionen vorbeugen, erklärte der Internist und Psychotherapeut Dr. Friedrich von Heymann aus München. Benzodiazepine wirken bei akuten Verspannungen und Muskelschmerzen zwar gut Muskel relaxierend, dürfen aber nur kurzzeitig verordnet werden. Bei anhaltenden Symptomen könne man nicht steroidale Antirheumatika einsetzen. Sinnvoll sei es, Auslöser wie falsches Sitzen oder Heben zu korrigieren.

Bei chronischen Schmerzen jeder Genese rät von Heymann zur Therapie nach dem WHO-Stufenschema im Verbund mit einer intensiven psychosomatischen Betreuung und engen Patientenbegleitung. Indizierte Opioid-Analgetika zu verweigern, bezeichnete er als schweren Fehler.

Auch Schlafstörungen können oft ohne Tranquillizer behandelt werden. Liegen offensichtlich persönliche Probleme wie Beziehungskrisen zu Grunde, sollte man den Patienten erst mal erzählen lassen. Probleme auszusprechen führe oft zu einer seelischen „Reorganisation“. Helfen Ermüdungslesen (nicht im Bett!), Verzicht auf den Mittagsschlaf und ein regelmäßiger Tagesrhythmus nicht weiter, können Phytopharmaka eingesetzt werden. Bei chemisch definierten Stoffen bevorzugt der Arzt Zopiclon oder Zolpidem sowie niedrig dosiertes Opipramol oder Trimipramin.

Bei Angststörungen stehen Verhaltenstherapie und tiefenpsychologische Verfahren an erster Stelle. Bezieht sich eine Phobie auf eine selten erlebte Situation, zum Beispiel eine Flugreise, könne man ein Benzodiazepin ein bis zwei Mal gezielt einsetzen, vertrat der Internist. Muss sich der Patient der Angst auslösenden Situation aber regelmäßig aussetzen, zum Beispiel bei einer Phobie vor Treppenhäusern, lohne sich ein Versuch mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI). Diese setze er auch zur Dauertherapie bei generalisierten Angststörungen ein.

Manchen Patienten mit Angststörungen helfe es bereits, wenn sie für den Notfall eine kleine Packung eines kurz wirksamen Benzodiazepins bekommen, die sie ständig mit sich führen können, berichtete von Heymann. Dann sollten sie allerdings ein genaues Protokoll über den Verbleib der Tabletten führen.

 

Massiver Beigebrauch In der Öffentlichkeit werden vor allem Menschen mit massivem Beigebrauch zu Benzodiazepinen auffällig, folgerte Professor Dr. Gustav Drasch vom Münchner Institut für Rechtsmedizin aus einer Untersuchung der Institute in München, Hamburg und Frankfurt. Diese analysierten Blutproben von Menschen, die der Polizei im Straßenverkehr und bei kriminellen Delikten auffielen. Knapp 1400 Proben enthielten Benzodiazepine; zusätzlich konnten Alter und Geschlecht erfasst werden. Männer waren etwa fünfmal häufiger betroffen als Frauen. Benzodiazepine fanden die Forscher vor allem im Blut junger Männer; der Altersgipfel lag bei 26 Jahren. Spitzenreiter war mit weitem Abstand Diazepam (in 69 Prozent der Proben). Die meisten Auffälligen hatten weitere Drogen konsumiert. Fast jeder dritte Mann hatte zusätzlich Heroin, Methadon und/oder Cannabis im Blut, jeder Fünfte auch Alkohol und/oder Cocain. Bei den Frauen lagen die Zahlen etwas niedriger. Nur 7 Prozent der Männer und 13 Prozent der Frauen hatten außer Benzodiazepinen nichts geschluckt.

Der ausgeprägte Beikonsum von Drogen wird vor allem bei jungen Menschen beobachtet. In der Gruppe ab 45 Jahren fanden die Forscher am ehesten Alkohol und selten Antidepressiva. „Die typische Monoabhängigkeit von Benzodiazepinen finden wir vorwiegend bei älteren Frauen“, resümierte der Apotheker.

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