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Das Blutzucker-Langzeitgedächtnis

10.03.2003
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HbA1C-Wert

Das Blutzucker-Langzeitgedächtnis

von Dorothee Ott, Marburg

Die meisten Diabetiker haben schon einmal von ihm gehört, die wenigsten wissen jedoch, was sich hinter dieser Abkürzung verbirgt und wie wichtig er ist – der HbA1C-Wert.

Zuckermoleküle im Blut können mit Proteinen wie etwa dem Hämoglobin (Hb) chemisch reagieren und eine kovalente Verbindung eingehen. Den Anteil dieses glykosilierten („gezuckerten“) Hämoglobins am Gesamthämoglobin gibt der HbA1C-Wert eines Menschen an. Er informiert darüber, wie gut ein Patient in den vergangenen acht bis zehn Wochen seinen Blutzucker im Griff hatte.

Der HbA1C-Wert, auch Blutzucker-Langzeitgedächtnis genannt, ist damit ein wichtiger Parameter in der Diabetestherapie. Er lässt sich nicht, anders als der Nüchternblutzucker, durch „Extra-Diäten“ vor einem eventuell bevorstehenden Arztbesuch beschönigen.

Gezuckerte Proteine

Das erste Produkt der als Glykosilierung bezeichneten nicht enzymatischen Reaktion ist ein chemisch labiles Aldimin, das zunächst in eine stabile, irreversible Ketoaminform umgewandelt wird. Durch weitere Reaktionen entstehen aus dem Ketoamin Produkte, die als „advanced glycosylation end products“ (AGEs) bezeichnet werden. Die Akkumulation dieser AGEs lässt sich zum Beispiel am HbA1C-Wert ablesen.

Glykosilierte Proteine zeigen andere Reaktionsweisen als nicht glykosilierte. So gibt das modifiziert Hämoglobin gebundenen Sauerstoff in der Peripherie schlechter ab. Dies ist gerade bei Diabetikern kritisch, da bei ihnen oftmals schon Gefäßschäden vorliegen.

Hämoglobin und HbA1C

Bei jedem Menschen, nicht nur bei Diabetikern entsteht glykosiliertes Hämoglobin – der Anteil ist dabei abhängig von der durchschnittlichen Blutzuckerkonzentration. Bei gesunden Menschen liegt der HbA1C-Wert zwischen 4,5 und 6,5 Prozent, bei Patienten mit gut eingestelltem Diabetes zwischen 6,5 und 7,0 Prozent und bei schlecht eingestellten Zuckerkranken über 7,5 Prozent.

Kovalente Bindungen zwischen Glucose und Aminogruppen von Proteinen wie etwa dem Hämoglobin oder anderen Funktions-, Bindungs- oder Membran-Proteinen scheinen für die Entstehung und dem Fortschreiten diabetischer Komplikationen (vor allem Neuropathien, Nephropathien sowie Mikro- und Makroangiopathien) eine wichtige Rolle zu spielen.

Zahlreiche Studien belegen, dass ein über längere Zeit erhöhter HbA1C-Wert zu Schäden an Augen, Nerven und Nieren führt. Schon eine einprozentige Senkung des Wertes verringert hingegen das Risiko für diabetesbedingte Todesfälle, Apoplexien, Herzinfarkte und mikrovaskuläre Komplikationen signifikant, wie die UKPD-Studie (United Kingdom Prospectiv Study) zeigte.

Auch die Deutsche Diabetesgesellschaft empfiehlt in den im letzten Jahr veröffentlichten Nationalen Versorgungsleitlinien Diabetes mellitus Typ 2 zur Vorbeugung von diabetesbedingten Folgeerkrankungen einen HbA1C-Wert unter 6,5 Prozent. Ab einem Wert über 7 sollte die Therapie angepasst werden. Fast jeder zweite Typ-2-Diabetiker in Deutschland ist schlecht eingestellt und weist einen HbA1C-Wert von über 7,5 Prozent auf, wie die CODE-2-Studie (Cost of Diabetes in Europe – Typ-2-Diabetes) zeigt.

Messung des HbA1C-Wertes

Der HbA1C-Wert sollte zusätzlich zur regelmäßigen ärztlichen Blutzuckerkontrolle und zur Blutzuckerselbstkontrolle mindestens einmal pro Quartal gemessen werden. Die Daten sollten dabei möglichst in einen Diabetiker-Pass eingetragen werden, um die Compliance des Patienten zu erhöhen und ihn für die gemeinsam festgelegten Therapieziele zu motivieren.

Dank der Entwicklung geeigneter Bestimmungsmethoden und Analyseverfahren lässt sich heute der HbA1C-Wert innerhalb von wenigen Minuten ermitteln. Bisher gab es jedoch keine weltweite Standardmethode, was es sehr schwierig macht, die Ergebnisse verschiedener Verfahren miteinander zu vergleichen. Da abhängig von der Bestimmungsmethode auch unterschiedliche Normalwerte gemessen werden, ist es nur bedingt möglich, Normbereiche anzugeben. Die International Federation of Clinical Chemists hat daher eine Referenzmethode entwickelt, um alle Laborverfahren mit einem international gültigen HbA1C-Standard zu kalibrieren und Studienergebnisse vergleichbarer zu machen. Bei zukünftigen Studien und Veröffentlichungen sollte den Methoden und Werten ein besonderes Augenmerk geschenkt werden.

Therapieoptionen

Um den HbA1C-Wert auf den angestrebten Zielwert von 7 zu senken, sollten Patienten zunächst diätetische Maßnahmen ergreifen, sich körperlich betätigen und ihren Lebensstil ändern. Führen diese Maßnahmen auch nach drei Monaten nicht zum Ziel, sollte eine pharmakologische antihyperglykämische Therapie begonnen werden – in der Regel eine orale antidiabetische (OAD) Monotherapie. Sinkt auch unter einer Monotherapie der HbA1C-Wert nicht unter 7, wird eine Multi-OAD-Behandlung begonnen.

Wenn auch diese Behandlung nicht den gewünschten Erfolg bringt, empfehlen die Versorgungsleitlinien der Deutschen Diabetesgesellschaft, eine Insulinsubstitution, um den Blutzucker effektiv zu senken und damit die geschilderten Komplikationen hinauszuzögern oder zu minimieren.

Hierfür bieten sich sowohl die präprandiale Gabe kurz wirksamer Insuline beziehungsweise schnell wirkender Insulinanaloga als auch die basale Insulinsubstitution mit NPH-Insulin oder dem lang wirksamen Analogon Glargin an.

Die Optimierung des Glucosestoffwechsels anhand der HbA1C-Konzentrationen ist aber nur eine Komponente der Therapie des metabolischen Syndroms beziehungsweise des Typ-2-Diabetes. Denn Inhalt einer ganzheitlichen Therapie sollte auch sein, den Blutdruck zu senken (Werte unter 130/80 mm Hg) und die Lipidwerte (LDL-Werte unter 100 mg/dl) zu verbessern.

Um Ärzte und Patienten über die Bedeutung des HbA1C-Wertes aufzuklären, hat Aventis Pharma jetzt eine bundesweite Aufklärungskampagne unter dem Slogan „HbA1C – Gesünder unter 7“ gestartet. Die Aktion wird vom Deutschen Diabetiker Bund e.V. unterstützt und stellt Informationsmaterialien wie Patientenbroschüren, Poster, einen Newsletter und auch eine eigene HbA1C-Plattform auf dem Diabetes-Internet-Portal www.diabetes-world.net zur Verfügung. Top

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