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Das Risiko einer Infektion steigt

28.02.2005  00:00 Uhr
FSME

Das Risiko einer Infektion steigt

von Hannelore Gießen, München

Zecken transportieren immer häufiger eine gefährliche Fracht: FSME-Viren, Borrelien, Parasiten ­ hinter mancher Sommergrippe verbirgt sich eine von Zecken übertragene Infektion. Vor allem das FSME-Virus breitet sich in Europa stetig weiter aus, doch das Interesse an einer Impfung ist gering.

2004 wurden in Deutschland 269 Fälle von Frühsommermeningoenzephalitis (FSME) registriert, doch Professor Dr. Peter Kimmig vom Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg rechnet mit 500 bis 1000 tatsächlichen Erkrankungen. Oft werde eine Infektion mit FSME nicht erkannt oder nicht gemeldet, erklärte der Infektionsschutzexperte auf einer von Chiron Vaccines Behring unterstützten Pressekonferenz in München. Die weitaus meisten Fälle traten 2004 wie auch in den Vorjahren in Baden-Württemberg, Bayern und Hessen auf, doch auch in Thüringen kamen FSME-Erkrankungen vor. Selbst in Mecklenburg-Vorpommern wurde im letzten Jahr erstmals ein Infektionsfall dokumentiert.

In der steigenden Zahl der FSME-Fälle spiegle sich auch der Trend wider, die Freizeit draußen zu verbringen und naturnahe Lebensmittel wie Rohmilchprodukte zu genießen, erklärte Kimmig. Nicht nur Zecken übertragen FSME-Viren, auch über die Milch von Kühen, Schafen oder Ziegen können die Erreger ihren Weg zum Menschen nehmen.

 

Spinnentiere mit Gepäck Die Entwicklungsgeschichte von Ixodes ricinus, dem gemeinen Holzbock, ist durchaus interessant: Aus dem Ei schlüpft eine sechsbeinige Larve und wird nach einer Häutung eine achtbeinige Nymphe. Erwachsen sind Zecken erst nach einer letzten Häutung als geschlechtsreife Weibchen und Männchen. In allen Entwicklungsstadien kann Ixodes ricinus FSME-Viren beherbergen; doch meist sind es Nymphen oder erwachsene Zecken, die das Virus auf den Menschen übertragen. Hat eine Zecke beim Saugen Krankheitserreger aufgenommen, bleibt sie lebenslang mit den Erregern infiziert und kann sie bei jedem Stich weitergeben. Zeckenweibchen können die Viren zudem an ihre Nachkommen übertragen.

 

Zehn Tage nach einer Infektion mit FSME-Viren treten zunächst unspezifische Symptome wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen auf, die sich nach kurzer Besserung bei der Hälfte der Patienten zu einer Entzündung der Hirnhaut entwickeln. Greift die Erkrankung auf das ganze Gehirn über, kommt es zu einer Meningoenzephalitis. Erkrankt der Patient zusätzlich an einer Entzündung des Rückenmarks, bleiben oft lang anhaltende neuropsychiatrische Schäden zurück. Nur 1 Prozent aller Infektionen mit FSME verläuft tödlich, doch bei 30 Prozent kommt es zu vorübergehenden oder bleibenden Schäden.

Welche Erkrankungen sich hinter der Diagnose »Sommergrippe« verbergen, untersuchte Kimmig gemeinsam mit dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit sowie mehreren niedergelassenen Ärzten. Dabei wurden 389 Seren von Patienten untersucht, die während der Sommermonate an einem unspezifischen Infekt erkrankt waren. Das Ergebnis: 1,5 Prozent aller Sommergrippen waren auf eine akute FSME-Infektion, 13,5 Prozent auf eine akute Borreliose zurückzuführen. Die Zahl der durch Zecken übertragenen Infektionen werde noch weit unterschätzt, folgerte der Infektiologe aus der Studie.

Dem Erreger auf der Spur

Wie viele Zecken FSME-Viren beherbergen, ist bisher wenig erforscht. Kimmig beschrieb drei Wege, um den Erregern auf die Spur zu kommen. Zum einen werden alle klinischen FSME-Fälle registriert. Eine Sammlung dieser Daten wird seit 1998 vom Robert-Koch-Institut (RKI) zusammengefasst und als Karte veröffentlicht. Zum anderen werden bei exponierten Personen wie Waldarbeitern FSME-Antikörper bestimmt und ­ je nach Häufigkeit ­ auf die Zahl infizierter Zecken geschlossen. Des Weiteren werden Zecken mit Hilfe der Polymerasekettenreaktion (PCR) direkt auf FSME-Viren untersucht.

Seit auch die beiden letzteren Methoden angewandt werden, weist das RKI neben FSME-Risiko- und Hochrisikogebieten auch FSME-Endemiegebiete aus, die mit der steigenden Zahl an Untersuchungen immer größeren Raum einnehmen. Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die letzten »FSME-freien« Gebiete in Süddeutschland verschwunden sind.

Zecken auf Reisen

Auf Grund der globalen Erwärmung müsse man damit rechnen, dass sich das Virus weiter nach Norden ausbreitet, erklärte Professor Dr. Emil Reisinger aus Rostock. Bisher liegen die klassischen FSME-Endemiegebiete in Mittel- und Osteuropa, aber auch weite Teile Nordeuropas sind betroffen. Im letzten Jahr stieg vor allem die Zahl der aus Osteuropa gemeldeten Fälle erheblich an. Die höchste Inzidenz an FSME-Infektionen liegt in Lettland vor. Hier hatten sich 2004 30 von 100.000 Einwohnern mit den Erregern infiziert.

In den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion führen die Spinnentiere ein weitaus gefährlicheres Gepäck mit sich: das R-FSE-Virus ruft Erkrankungen hervor, die in 30 Prozent aller Fälle tödlich verlaufen. Doch der FSME-Impfstoff wirke auch gegen diesen Erreger, ergänzte Reisinger.

Schnellschema mit Langzeitwirkung

Eine kausale Therapie der FSME steht bis heute nicht zur Verfügung, sodass die beste Prävention der Impfschutz ist. Dabei setzt sich eine Grundimmunisierung aus zwei Impfungen innerhalb von einem bis drei Monaten und einer dritten Immunisierung nach neun bis 12 Monaten zusammen. Nach drei Jahren folgt eine Auffrischungsimpfung. Daneben ist ein zweites verkürztes Impfschema zur Schnellimmunisierung an den Tagen 0, 7 und 21 zugelassen. Dabei wird eine Auffrischung des Impfschutzes nach 12 bis 18 Monaten empfohlen.

Doch oft wird diese Boosterimpfung zur rechten Zeit vergessen. Eine multizentrische Studie des Berliner Tropeninstituts sollte nun die Frage klären, ob dann nochmals die komplette Grundimmunisierung durchlaufen werden muss oder ob eine einmalige Impfung ausreicht. Das Ergebnis: Auch wenn der empfohlene Zeitraum von 12 bis 18 Monaten zwischen Grundimmunisierung und erster Auffrischung um bis zu zehn Jahre überschritten war, reicht eine einzige Impfung aus, um eine ausreichende Immunantwort zu induzieren.

Dieses Schnellschema werde noch viel zu selten angewandt, erklärte Dr. Peter Gerold von Chiron Vaccines Behring. Meist denken die Patienten erst im Frühling an eine FSME-Impfung, wenn Zecken bereits aktiv werden. Da mit einem zuverlässigen Schutz etwa 14 Tage nach der zweiten Impfung zu rechnen ist, erreiche man mit dem Schnellschema drei Wochen früher eine ausreichende Serokonversion als mit der Standardversion.

Die Chance, sich durch eine aktive Immunisierung vor FSME zu schützen, werde noch viel zu wenig wahrgenommen, konstatierte auch Dr. med. Nikolaus Frühwein, Vorsitzender der Bayerischen Gesellschaft für Immun-, Tropenmedizin und Impfwesen. In den süddeutschen Risiko- und Endemiegebieten seien nur etwa 30 Prozent der Bewohner geimpft.

Die Österreicher machten es vor: Im Nachbarland haben sich 86 Prozent der Bevölkerung gegen FSME gewappnet. Dort wird die Impfung generell empfohlen, während sie in Deutschland als Indikationsimpfung eingestuft wird. Top

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