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Impfstoff gegen Pneumokokken auch für die Jüngsten

26.02.2001  00:00 Uhr

Impfstoff gegen Pneumokokken auch für die Jüngsten

von Ulrich Brunner, Frankfurt am Main

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass weltweit jährlich mehr als zwei Millionen Menschen an den Folgen einer Pneumokokken-Infektion sterben. Besonders häufig sind Patienten mit geschwächtem Immunsystem, alte Menschen und Kleinkinder betroffen. Die bislang verfügbaren Impfstoffe sind allerdings für Kinder unter zwei Jahren ungeeignet. Als Hoffnungsträger gilt daher eine neue Konjugat-Vakzine, die auch die Kleinsten vor den gravierenden Folgen einer Pneumokokken-Infektion schützen soll.

Das Bakterium Streptococcus pneumoniae gilt weltweit als häufigster Erreger von Bakteriämien, Pneumonien und Hirnhautentzündungen im Kindesalter. Das Nationale Referenzzentrum für Streptokokken (NRZ) in Aachen erfasst seit 1997 in Kooperation mit dem Robert Koch-Institut (RKI) bundesweit alle Krankheitsfälle. Ein ähnliches Erfassungssysteme gibt es sonst nur in Großbritannien. "Im Schnitt erkranken vier von 100. 000 Kindern unter fünf Jahren an einer Pneumokokken-Meningitis", berichtete Dr. Ralf-René Reinert vom NRZ am 20. Februar auf einer Pressekonferenz vom Deutschen Grünen Kreuz in Frankfurt. Die Zahl der Lungenentzündungen liege sogar noch höher. Hier errechneten die Aachener eine Inzidenz von fast 23 Fällen pro 100. 000 Kleinkindern im Alter zwischen sechs und elf Monaten. Zwar liegen die deutschen Fallzahlen im Vergleich zu denen anderer Industrienationen wie den USA oder Finnland deutlich niedriger. Reinert führt das aber eher auf die in der Bundesrepublik ungenügende Diagnostik zurück. Eine Blutkultur gehöre bei niedergelassenen Ärzten nicht zum medizinischen Standardprogramm, und selbst in Krankenhäusern würde bei vielen Kindern, die mit einer ambulant erworbenen Pneumonie eingewiesen werden, keine Kultur angelegt, kritisierte der Experte. Man müsse davon ausgehen, dass die Inzidenz drei- bis viermal höher ist als es die Daten vorgeben.

Einen Grund für die steigenden Fallzahlen sieht Reinert in der Entwicklung von Resistenzen. 1997 beobachteten die Experten bei rund 13 Prozent aller Erregerstämme eine Resistenz gegen Makrolide. Inzwischen sei der Anteil in einigen Regionen der Republik auf über 25 Prozent angestiegen. Er setzt daher auf den neuen Impfstoff für Kleinkinder. Nur so könne man langfristig Antibiotika einsparen und die Resistenzrate senken. Ein weiterer Vorteil: Die Impfung schützt auch vor bestimmten Serotypen der Pneumokokken, bei denen gehäuft Resistenzen gegen Makrolide und Penicilline vorkommen.

Spezifische Kapseln

Pneumokokken besitzen eine Kapsel aus Polysacchariden, die eine weitgehend typenspezifische Immunität induzieren. Eine dänische Nomenklatur unterscheidet momentan zwischen 90 verschiedenen Kapseltypen. Aber nur 10 bis 20 dieser Serotypen sind laut Reinert für die Infektionen bei Menschen verantwortlich.

Die bisher verfügbaren Impfstoffe enthalten nur Polysaccharide, und zwar bis zu 23 verschiedene Typen. Da die Kapselfragmente jedoch nicht konjugiert sind, also nicht an ein Trägerprotein gekoppelt wurden, wirkt der Impfstoff weder bei asymptomatischen Keimträgern, noch kurbelt er bei Kindern unter zwei Jahren die körpereigene Antikörper-Produktion an. Der seit Mitte Februar in Deutschland zugelassene Impfstoff Prevenar® enthält dagegen Zuckerfragmente von sieben Serotypen, die alle an ein Protein gekoppelt sind, und löst somit auch bei den Jüngsten die Antikörperproduktion aus.

"Langfristig werden sich die konjugierten Impfstoffe durchsetzten", prognostizierte Professor Dr. Sieghart Dittmann aus Berlin, WHO-Berater und Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO). Die WHO habe daher von Anfang an die Entwicklung entsprechender Impfstoffe gefördert. Er geht davon aus, dass bei ausreichender Durchimpfung mit der neuen Vakzine künftig 70 Prozent aller Infektionen verhindert werden können. Bei Kindern unter zwei Jahren könnte die Zahl/Rate sogar auf 80 Prozent steigen.

Ob künftig auch Kinder in den Entwicklungsländern mit einem Konjugat-Impfstoff vor Pneumokokken-Infektionen geschützt werden können, ist unklar. Zwar erkranken gerade dort im Vergleich zu den Industrienationen noch wesentlich mehr Kleinkinder an einer Infektion. Dort sind allerdings ganz andere Serotypen verbreitet. Entsprechende Impfstoffe müssten also gegen 80 Prozent der weltweit zirkulierenden Kapseltypen wirken und vor allem bezahlbar sein. "Die Herstellung wird aber leider immer teurer", so Dittmann. Er mahnte zu mehr Solidarität. Und das bedeute, "den reichen Ländern soviel Geld wie möglich abzuknöpfen".

 

Die aktuellen Empfehlungen der STIKO finden Sie im Internet unter www.rki.de/GESUND/IMPFEN/STIKO/STIKO.HTM. Über die Arbeit des Nationalen Referenz Zentrums in Aachen informiert die Seite www.streptococcus.de.

 

Was empfiehlt die STIKO?

Bislang empfiehlt die Ständige Impfkommsission des Robert Koch-Instituts (STIKO) die Immunisierung gegen Pneumokokken nur für Personen über 60 Jahre sowie Risikopatienten. Einen Verweis auf die Impfung von Säuglingen gab es bislang nicht, da noch kein entsprechender Impfstoff zur Verfügung stand. Die STIKO wird erst im April 2001 zu ihrer nächsten Sitzung zusammentreffen. Ob die Empfehlungen dann auf Kinder ab dem zweiten Lebensmonat erweitert werden und man eventuell eine generelle Impfung aller Säuglinge propagiert, ist unklar.

Auch wenn die STIKO ihre Empfehlungen ausdehnen sollte, bleibt völlig offen, ob die gesetzliche Krankenkasse die anfallenden Kosten übernimmt. Immerhin müssen die Kleinkinder ab dem zweiten Lebensmonat insgesamt viermal geimpft werden, um einen sicheren Schutz für circa zehn Jahre zu gewährleisten. Bei einem Preis von 130 bis 160 DM pro Dosis würden sich die Kosten für sämtliche Schutzimpfungen im Kindesalter verdoppeln, so Dittmann.

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