Pharmazeutische Zeitung online

Mensch und Mikrobe

11.02.2002
Datenschutz bei der PZ

Mensch und Mikrobe

von Jürgen Schulze, Herdecke

Probiotische Lebensmittel liegen voll im Trend. Ob unser Körper von den Zusätzen wirklich profitiert, müssen Untersuchungen erst noch belegen.

Der Mensch lebt mitten in einer mikrobiell stark besiedelten Umwelt, mit der sich Immunsystem und Stoffwechsel ständig auseinandersetzen müssen. Im Laufe der Evolution haben sich die Partner Mensch und Mikrobe adaptiert und arrangiert. Somit ist es nicht verwunderlich, dass im Magen-Darmtrakt die enorme Zahl von Mikroorganismen - sie übersteigt die Zellzahl des eigenen Körpers immerhin um das zehnfache - toleriert und im Normalfall nicht einmal bemerkt wird.

Die als Darmflora bezeichneten mikrobiellen Kommunen haben eine große Bedeutung: Sie erhalten die Integrität des Individuums, stabilisieren das mikroökologische Gleichgewicht des intestinalen Stoffwechsel und sind für die Verdauung, Resorption und Ausscheidung von Nahrungsbestandteilen unverzichtbar.

Die optimale Funktion von Gastrointestinaltrakt und dem gesamten Körper steht also in engem Zusammenhang mit der Anwesenheit und Stoffwechselleistung der Darmbakterien. Eine logische Konsequenz ist es, dieses Ökosystem in seiner Struktur und Funktion zu erhalten beziehungsweise nach destabilisierenden Ereignissen und Eingriffen wie Krankheit, Arzneimitteltherapien, Umwelteinflüssen oder auch einer Diät bei der Regenerierung zu helfen.

Schon seit einigen Jahrzehnten versucht man daher, mit peroral zugeführten lebenden Mikroorganismen das Ökosystem Darm so zu beeinflussen, dass für die menschliche Gesundheit ein Nutzen entsteht. Der ukrainische Zoologe, Physiologe und Immunologe Ilja Metschnikow (1845 bis 1916) mutmaßte bereits vor 100 Jahren, dass eine "nicht adäquate" Darmflora zu einem frühen Tode führt und der regelmäßige Verzehr von Milchsäurebakterien das Leben verlängern könnte. Lilley und Stillwell führten 1965 den Begriff Probiotika ein, der in der Zwischenzeit mehrere inhaltliche Wandlungen erfahren hat. Heute bezieht man sich auf eine Definition von Fuller aus dem Jahr 1989. Der Wissenschaftler bezeichnete Probiotika als lebende Mikroorganismen, die einen positiven Einfluss auf den Wirtsorganismus ausüben, indem sie die Balance seines intestinalen mikroökologischen Systems verbessern.

Kulturen unterliegen den Arzneimittelbestimmungen

Produkten mit probiotischen Mikroorganismen werden heute auf Grundlage bestehender Rechtsvorschriften als Lebensmittel oder Arzneimittel klassifiziert. Probiotische Kulturen, die in isolierter Form zum unmittelbaren Verzehr angeboten werden, unterliegen in Deutschland den Bestimmungen für Arzneimittel. Sie sind also weder Lebensmittel noch Nahrungsergänzungsmittel.

Die durch Probiotika zugeführten Mikroorganismen müssen natürlich apathogen sein, sollten aber auch ausreichend lange im Gastrointestinaltrakt überleben. Die meisten Mikroorganismen bilden dazu im intakten Darm einen Biofilm. Die Wirkungsweise der Probiotika ist noch weitgehend unbekannt. Forscher diskutieren intermikrobielle Wechselwirkungen, die sowohl antagonistische als auch synergistische Effekte hervorrufen können. Eventuell beeinflusst der bakterielle Stoffwechsel den Makroorganismus, indem er direkt das Immunsystem moduliert. Die Erkenntnisse über diesen "Dialog" zwischen Bakterien und eukaryontischen Zellen liefern weitere rationale Hintergründe.

Von entscheidender Bedeutung ist der gesundheitliche Nutzen. Bislang konnten Forscher nur in wenigen kontrollierten Studien für einige Indikationen den gesundheitlichen Nutzen definierter Bakterienstämme nachweisen: Das Bakterium Lactobacillus rhamnosus GG bewehrte sich dabei als Antidiarrhoikum und Patienten mit Colitis ulcerosa oder Obstipation profitierten von der Gabe spezieller Stämme von Escherichia coli.

Nach heutigem Kenntnisstand muss zwischen Probiotika in Lebensmitteln und Arzneimitteln unterschieden werden. Gerade bei den Lebensmitteln, für die häufig zusätzliche gesundheitsfördernde Eigenschaften propagiert werden, fehlt meist der Wirksamkeitsnachweis durch klinische Studien. Probiotische Arzneimittel können eine nebenwirkungsarme Alternativen zu bekannten Therapieansätzen sein. Dafür muss ebenfalls ein Wirksamkeitsnachweis für die beanspruchte Indikation erbracht werden.

Autorreferat nach einem Vortrag bei der DPhG-Landesgruppe Hamburg. Privatdozent Dr. Jürgen Schulze ist Leiter des Bereichs Medizin bei der Ardeypharm GmbH in Herdecke.Top

© 2002 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa