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Immunsuppressivum hemmt Tumorbildung

04.02.2002  00:00 Uhr

ANTIANGIOGENESE

Immunsuppressivum hemmt Tumorbildung

von Christina Hohmann, Eschborn

Die bislang verfügbaren Immunsuppressiva verhindern zwar, dass der Körper transplantierte Organe abstößt, aber sie erhöhen auch das Risiko für neue oder wiederkehrende Krebserkrankungen. Das Makrolid Rapamycin kann dieses Krebsrisiko deutlich senken, entdeckten kürzlich Forschern der Universität Regensburg.

Ein der gefährlichsten Komplikationen der Immunsuppression nach Organtransplantationen ist die Entwicklung von Tumoren. Bei etwa der Hälfte der Patienten, die auf Grund eines Gallengang-Karzinoms eine Leber transplantiert bekommen, tritt innerhalb von zwei Jahren erneut Krebs auf. Insgesamt steigt das Krebsrisiko durch die immunsuppressive Therapie um das Drei- bis Vierfache, für bestimmte Krebsarten sogar um das 20- bis 500-fache. Dennoch können die Patienten nicht auf die lebenswichtige Behandlung verzichten. Daher suchen Forscher schon seit einiger Zeit einen Wirkstoff, der sowohl die Abstoßung des Transplantats unterdrückt, als auch die Tumorbildung hemmt.

Dr. Markus Guba und seine Kollegen von der Klinik und Poliklinik für Chirurgie der Universität Regensburg scheinen nun fündig geworden zu sein: Das Makrolid Rapamycin erfüllt beide Ansprüche, berichten die Wissenschaftler in der Februar-Ausgabe der Zeitschrift Nature Medicine (Vol. 8, No. 2, Seite 128 bis 135).

Rapamycin, das vor etwa 25 Jahren aus Bakterien aus Bodenproben von der Osterinsel Rapa Nui isoliert wurde, ist seit 1999 in den USA und seit April 2001 auch in Deutschland für die Therapie nach Nierentransplantation zugelassen. Das Makrolid beeinflusst die in T-Lymphozyten die Genexpression von Cytokinen, besonders von Interleukin-2, und hemmt somit die T-Zell-Proliferation. Neben der immunsuppressiven und antimykotischen Wirkung hemmt es aber offenbar auch das Krebswachstum.

In In-vitro-Untersuchungen unterdrückte die Substanz deutlich sowohl die Tumorbildung als auch die Angiogenese, also das Nachsprossen von Gefäßen im Tumor. Die Forscher injizierten Mäusen Krebszellen in die Lebervene, um Metastasen der Leber zu simulieren, und analysierten später die Organe histologisch. Bei den Nagern, die die in der immunsuppressiven Therapie üblichen Dosen Rapamycin erhielten, bildeten sich deutlich weniger Tumoren als in der unbehandelten Kontrollgruppe. Die Gabe des Immunsuppressivums Ciclosporin hatte den gegenteiligen Effekt: Die der Leber dieser Tiere fanden die Forscher deutlich mehr Blutgefäße in den Metastasen.

Dabei geht die das Tumorwachstum hemmende Wirkung vermutlich nicht auf antiproliferative Effekte in den Krebszellen selbst zurück, vermuten die Regensburger Wissenschaftler. Vielmehr inhibiere der Wirkstoff die Vaskularsierung der Tumoren. Denn das Makrolid hemmt die Synthese des Wachstumsfaktors VEGF (vascular endothelial growth factor). Das ergaben sowohl In-vitro-Untersuchungen an Zellkulturen als auch Studien an lebenden Mäusen. Zusätzlich blockiert Rapamycin den VEGF-Rezeptor auf den Gefäßendothelzellen. Diese antiangiogenetische Wirkung macht Rapamycin so interessant, erklären die Wissenschaftler. Da die Tumorbildung eine der schwerwiegendsten Nebenerscheinungen der Immunsuppression ist, könnte der Wirkstoff eine Alternative zu Ciclosporin sein. Top

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