Pharmazeutische Zeitung online

Ein Säugling kennt keinen Schmerz?

15.10.2001  00:00 Uhr
Datenschutz bei der PZ

Ein Säugling kennt keinen Schmerz?

von Stephanie Czajka, Berlin

Ein Neugeborenes, dem eine Kanüle oder eine Sonde gelegt wird, schreit. Es schreit vor Schmerz würde jeder denken. Wissenschaftler sahen das lange Zeit anders. Nun sind sie nicht nur zu der Erkenntnis gekommen, dass Neu- und Frühgeborene Schmerzen empfinden können. Sie fordern sogar, dass deren Schmerzen gelindert werden. Ein Symposium auf dem Deutschen Schmerzkongress in Berlin beschäftigte sich mit der Therapie von Säuglingen.

Das Schmerzleitungssystem bei Neugeborenen ist tatsächlich noch nicht voll ausgereift. Trotzdem erreicht der Schmerz das Gehirn und hinterlässt Spuren im Gedächtnis. Möglicherweise fühlen Neu- und Frühgeborene den Schmerz sogar stärker als Erwachsene. Denn die körpereigenen Mechanismen der Schmerzhemmung funktionieren zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht richtig, berichtete Professor Dr. Bernhard Roth von der Universitäts-Kinderklinik in Köln. Mehr als die Hälfte der Opioid-Rezeptoren fehle, auch seien die Rezeptoren regional anders verteilt als bei Erwachsenen ergänzte Professor Dr. Franz-Josef Kretz, Klinikum Stuttgart. Im Mutterleib bilden sich die ersten Nozizeptoren ungefähr in der 7. bis 10. Woche aus, ab der 20. bis 22. Schwangerschaftswoche erreichen die ersten Axone die Hirnrinde. "Der Schmerz ist eine werdende Funktion vom Neugeborenen zum Schulkind", sagte Roth.

Studien belegen, dass auch Kinder ein Schmerzgedächtnis haben. Kinder, die in ihren ersten Lebenswochen auf der Intensivstation lagen, reagierten später empfindlicher auf Schmerzreize wie beispielsweise Impfungen. Auf Schmerzen, die nicht aus dem medizinischen Umfeld stammten, reagierten Versuchs- und Kontrollgruppe gleich. "Es wäre allerdings zu einfach, zu sagen, dass so Schmerzpersönlichkeiten entstehen", betonte Roth. Geborgenheit in der Familie könne viel ausgleichen. "Traumatisierte Fälle sind keine Einbahnstraße".

Unwissenheit ist nicht der einzige Grund, der Ärzte von einer Analgesie abhält. Viele Mediziner hätten Angst vor dem Einsatz starker Analgetika, sagte Roth. Da nur 20 Prozent der an Kindern eingesetzten Arzneimittel auch wirklich für Kinder zugelassen sind, liegt es allein in der Verantwortung der Ärzte, das richtige Medikament in geeigneter Dosierung zu finden. Nicht nur Körpergewicht und Körperoberfläche sind zu berücksichtigen. Niere und Leber der kleinen Patienten funktionieren noch nicht so wie bei Erwachsenen, das Verteilungsvolumen ist größer, die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger und Transportsysteme sind noch nicht voll ausgeprägt. "Jede Klinik sollte sich auf ein Konzept einigen", sagte Kretz. Teil des Konzeptes in seinem Haus ist es, zum Beispiel, nur ein einziges Opioid zu verwenden. Piritramid wirke ausreichend lange und verursache weniger Übelkeit und Erbrechen als andere Opioide, sagte Kretz. Um der Gefahr einer lebensgefährlichen Atemdepression vorzubeugen, wird die Dosis vorsichtig erhöht. Kinder erhalten 0,1 bis 0,2 mg pro kg Körpergewicht (KG) injiziert, aufdosiert in Schritten von 0,05 mg pro kg/KG. Wann Analgetika bei Kindern indiziert sind, richtet sich in etwa danach, wann bei Erwachsenen der Schmerz gestillt würde. So werden Opioide wie Piritramid beispielsweise gegeben, wenn starke postoperative Schmerzen zu erwarten sind. Top

© 2001 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa