Pharmazeutische Zeitung online

Den Pilzen den Kampf ansagen

02.06.2003  00:00 Uhr
Pharmacon Meran 2003

Den Pilzen den Kampf ansagen

Die Hautpilzerkrankungen des Menschen spiegeln die gesellschaftlichen Veränderungen wider. Was mit dieser These gemeint ist, erklärte Professor Dr. Hans-Jürgen Tietz, Oberarzt für Dermatomykologie an der Charité Berlin, anhand zahlreicher Beispiele.

Die Welt steht heute auf Milliarden von pilzinfizierten Füßen. Jeder Dritte in Deutschland leidet an Fußpilz, der meist durch Dermatophyten ausgelöst wird. Diese Erreger sind lästig, aber meist harmlos, da sie nicht bei 37 °C wachsen können und daher – im Unterschied zu Hefen - niemals Schleimhäute oder innere Organe befallen können. Ein weiterer Unterschied: Hefen lieben feucht-warme Haut und siedeln sich daher gerne in Hautfalten und auf Schleimhäuten an. Dermatophyten bevorzugen feucht-kalte Areale der Körperoberfläche. In Sauna, Schwimmbad, Sportvereinen, geliehenen Skischuhen und auf Teppichböden im Hotel fängt man sich die Schmarotzer ein.

Die meisten Fußpilz-Träger kommen wegen des Juckreizes in die Apotheke. Gut wirksam sind Präparate mit Ciclopirox, Bifonazol oder Terbinafin, sagte Tietz. Diese müssten unbedingt drei bis vier Wochen konsequent angewendet werden, auch wenn die Werbung Erfolge in kürzerer Zeit verspricht.

Wesentlich hartnäckiger sind Pilze auf Fuß- und Fingernägeln; Onychomykosen sind häufig das Endstadium einer Tinea pedum oder manuum. Nach neuesten Erhebungen sind 12,4 Prozent der Bundesbürger betroffen. „Eine Onychomykose heilt niemals spontan ab“, rechtfertigte der Arzt die konsequente Therapie. Entgegen der Befürchtung vieler Patienten zieht man Nägel heute nicht mehr: „Das ist das schlimmste Trauma für den Nagel.“ Als Basistherapie wird das Nagelmaterial möglichst weitgehend abgeschliffen oder abgefräst, neuerdings auch per Laser abgetragen, und dann trägt man topisch Antimykotika auf. Dazu eignen sich am besten Nagellacke, zum Beispiel mit Amorolfin oder Ciclopirox. Nach einer Therapieleitlinie der Deutschen Mykologischen Gesellschaft (www.dmykg.de) ist ergänzend eine systemische Therapie nötig, wenn mehr als 70 Prozent der Nagelplatte befallen sind. Dafür kann der Arzt Terbinafin, Itraconazol, Fluconazol oder Griseofulvin verordnen. In jedem Fall ist Geduld gefragt, denn die Therapie dauert mehrere Monate.

Der Haken: Wenn jeder Patient so behandelt würde, schlüge dies mit 1,7 Milliarden Euro zu Buche, was die Krankenkassen gar nicht schätzen. Sie werten die Onychomykose als rein kosmetisches Problem ab, rügte der Pilzexperte.

Exotische Erreger sind in Deutschland im Kommen, berichtete Tietz. Reisende, Sportler und Einwanderer schleppen Pilze ein wie Trichophyton tonsurans, der besonders unter Ringern verbreitet ist, oder Microsporum audouinii aus Afrika oder Asien. Trichophyton tonsurans hat seinen Namen von dem tonsurartigen Haarausfall erhalten, den der Pilz auslöst. Da gerade in Sporteinrichtungen viele Erreger von Mensch zu Mensch wandern, empfahl der Referent dringend, Sportgeräte, Sitze und Bodenmatten regelmäßig zu desinfizieren und dem Pilz möglichst wenig nackte Haut anzubieten.

Während Einwanderer meist anthropophile Erreger mitbringen, die in der Regel schwach virulent sind, sind zoophile Pilze viel gefährlicher und extrem ansteckend. Paradebeispiel ist Microsporum canis: Während die Mikrosporie vor zehn Jahren eher ein Einzelfall war, rechnet man heute mit mindestens 10 000 Neuerkrankungen pro Jahr. Der Pilz ist für den Menschen obligat pathogen und wird von Katzen übertragen. Beste Prophylaxe: „Machen Sie im Urlaub einen großen Bogen um streunende Katzen.“ Doch Ansteckung droht auch von Haustieren, da man der Katze die Infektion nicht immer ansieht und oft Rassetiere befallen sind. Den hoch virulenten Keim Trichophyton mentagrophytes verdankt der Mensch dem Meerschweinchen, das selbst gesund bleibt.

Typisch für „Kuscheltierdermatomykosen“ sind rote, entzündliche, scharf umrandete, mitunter eitrige Herde an Hals und Wangen. Dann muss man sofort mit hoch potenten, antientzündlich wirksamen Antimykotika wie Bifonazol oder Ciclopiroxolamin behandeln, riet Tietz. Und was passiert mit den Tieren? Tiere, die sich waschen lassen wie Hunde oder Meerschweinchen, sollten mit einem antimykotisch wirksamen Shampoo gesäubert werden. Katzen kann man systemisch mit in Milch gelöstem Griseofulvin behandeln. Hier ist der Tierarzt der richtige Ansprechpartner.

 

Zurück zur Übersicht

 

Top

© 2003 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa