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Wenn das Immunsystem versagt

14.06.2004
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.Pharmacon Meran 2004

Wenn das Immunsystem versagt

Ein funktionierendes Immunsystem ist eine Voraussetzung für Gesundheit. Wenn die Immunantwort zu stark oder zu schwach ausfällt, erkrankt der Mensch, erläuterte Professor Dr. Angelika Vollmar vom Pharmazeutischen Institut in München. Dabei verursacht eine überschießende Immunantwort Entzündungen und führt zur Zerstörung von Gewebe. Eine zu schwache hingegen begünstigt Infektionen und die Bildung von Tumoren.

Die Ursachen für das Versagen des Immunsystems sind vielfältig. Defekte können vererbt oder erworben sein. Ein Beispiel für einen angeborenen schweren Immundefekt ist SCID (severe combined immune deficiency), bei dem die Patienten keine funktionierenden Lymphozyten ausbilden. Da selbst harmlose Keime für sie den Tod bedeuten, können sie nur in keimfreier Umgebung leben. Eine Therapie ist möglich durch Knochenmarktransplantation, Stammzellen- oder Gentherapie. Die erste erfolgreiche Gentherapie bei einer damals vierjährigen SCID-Patientin begann 1990; das Mädchen lebt heute noch. Auch wenn dies ein Meilenstein in der Therapie war, so könne man angesichts möglicher schwerer Nebenwirkungen nicht von einem Durchbruch reden, räumte die Pharmazeutin ein.

Der weltweit häufigste Grund für eine erworbene Immunschwäche ist Unterernährung, auch wenn die meisten Menschen sofort an Aids denken. In Deutschland leben 40 000 HIV-Infizierte, davon 2000 Kinder, und jedes Jahr kommen 2000 Neuinfizierte dazu. Der Retrovirus befällt die CD4-T-Zellen, die an der Immunabwehr beteiligt sind. Der neue Wirkstoff Enfuvirtid, ein Fusionshemmer, verhindert den Eintritt des Virusgenoms in die Wirtszelle. Einen neuen Therapieansatz eröffnen möglicherweise Derivate der Betulinsäure, einem Naturstoff aus Syzygium claviflorum, die mit viralen Proteinen interagieren und die Reifung der HI-Viruspartikel hemmen, informierte die Referentin. Der Wirkstoffkandidat PA 457 sei jedoch noch nicht in klinischer Prüfung.

Nach einer gängigen Hypothese können bei ungenügender Immunüberwachung (immune surveillance) Tumore entstehen und sich ausbreiten. Vor diesem Hintergrund postulierte der New Yorker Chirurg Dr. W. B. Coley, dass es möglich sein müsse, einen Tumor mit einer Impfung zu behandeln. Wissenschaftler impften Mäuse mit bestrahlten Tumorzellen, die zwar Antigene trugen, aber nicht mehr infektiös waren. Danach injizierten sie den Tieren gleichartige lebende Tumorzellen. Die Tiere bildeten keinen Tumor. Allerdings funktioniere dies bislang nur im Tierexperiment, schränkte Vollmar ein. Künftig könnten sich jedoch interessante Strategien der therapeutischen Impfung ergeben.

Ebenso fatal wie eine mangelnde kann sich eine überschießende Immunreaktion auswirken. Richtet sich die Abwehr gegen körpereigene Strukturen, liegt eine Autoimmunerkrankung vor. Dagegen beinhalten Überempfindlichkeitsreaktionen, zu denen die Allergie zählt, die übermäßige Immunantwort auf „harmlose Fremdkörper“ wie Nahrungsbestandteile oder Pollen.

Bei einer Autoimmunerkrankung reagieren Lymphozyten oder Autoantikörper gegen körpereigene Strukturen. Bekannte Beispiele sind Diabetes mellitus Typ 1, Multiple Sklerose (MS) oder Myasthenia gravis.

Myasthenia gravis-Patienten entwickeln Auto-Antikörper gegen Acetylcholinrezeptoren. Durch die Zerstörung des Rezeptors kann der Neurotransmitter nicht mehr wirken. Die Patienten entwickeln eine lebensbedrohliche progrediente Muskelschwäche. Für die Destruktion der pankreatischen ß-Zellen bei Diabetikern und der Myelinscheiden von Nervenzellen im zentralen Nervensystem bei MS-Patienten sind zytotoxische T-Zellen verantwortlich. Allerdings gebe es Hinweise, so Vollmar, dass die neuronalen Schäden bei MS auch auf nicht immunologischem Weg entstehen können./

 

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