Pharmazeutische Zeitung online

Der Hypertoniker in der Apotheke

02.06.2003  00:00 Uhr
Pharmacon Meran 2003

Der Hypertoniker in der Apotheke

Bluthochdruck als Hauptrisikofaktor für Schlaganfall und Herzinfarkt wird immer noch unzureichend behandelt, da der drängende Leidensdruck fehlt und viele Patienten nicht als solche erkannt sind. So werde nur etwa bei einem Sechstel der 15 Millionen Hypertoniker in Deutschland der Zielblutdruck erreicht.

Der Patient mit Bluthochdruck stand im Fokus des Seminars von Dr. Karsten Diers, der bei der Apothekerkammer Niedersachsen für die Aus-, Fort- und Weiterbildung zuständig ist und das Manual zur Pharmazeutischen Betreuung von Hypertoniepatienten verfasst hat.

Blutdruckmessen in der Apotheke ermöglicht ein frühes Erkennen der Hypertonie, die sich in einem mehrfach und zu unterschiedlichen Tageszeiten über 140/90 mm Hg erhöhten Blutdruckwert äußert. Die Regel 100 plus Lebensalter sei obsolet, so Diers. Hoher Alkoholkonsum und Übergewicht gelten ebenso als Ursachen wie chronischer Distress, der mit erhöhten Cortison- und Insulinspiegeln und nachfolgendem Aldosteronismus zu Flüssigkeitseinlagerungen führt.

Leidet der Patient zudem an Diabetes, ist älter, erblich prädisponiert oder raucht, steigt das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse. Dies sollte dem Hypertoniker vermittelt werden, der dann aus einer Eigenverantwortung und -motivation heraus seinen Lebensstil ändern könne. Pharmazeutische Betreuung impliziere auch, Fragen und Ängste des Patienten zu erkennen, ihn auf Therapiebesonderheiten sowie Nebenwirkungen aufmerksam und ihm die Notwendigkeit der Blutdrucksenkung deutlich zu machen.

In der Therapie stehen Allgemeinmaßnahmen wie Raucherentwöhnung und Gewichtsreduktion im Vordergrund. Der Patient sollte motiviert werden, ein bewegungsaktives Leben zu führen. Reichen diese Maßnahmen nicht aus, setzt die medikamentöse Mono- und später die Kombinationstherapie ein. Die von der Hochdruckliga zur First-line-Therapie empfohlenen Antihypertonika gelten als vergleichbar effektiv.

In der Apotheke müssten neben unerwünschten Arzneimittelwirkungen auch Kontraindikationen überprüft werden, forderte Diers. So seien Betablocker zwar bei koronarer Herzkrankheit oder nach einem Myokardinfarkt Mittel der Wahl, bei Patienten mit Asthma oder chronisch obstruktiver Lungenerkrankung jedoch kontraindiziert und sollten auch bei Diabetes mellitus, Herzinsuffizienz und peripherer arterieller Verschlusskrankheit nur mit großer Vorsicht angewandt werden. Eine Kombination mit Verapamil oder Diltiazem kann zu ausgeprägten Bradykardien führen. Daher ist Verapamil bei einem AV-Block und häufig auch bei Herzinsuffizienz kontraindiziert. Calciumantagonisten gelten jedoch bei ischämischen Erkrankungen als vorteilhaft, da sie stoffwechselneutral sind und das Fortschreiten einer Arteriosklerose verzögern können.

Besteht zusätzlich zum Bluthochdruck eine Herzinsuffizienz, bieten ACE-Hemmer Vorteile in der Therapie, so Diers. Auf den möglichen trockenen Husten sollte der Patient hingewiesen werden. Bei AT1-Antagonisten tritt diese störende Nebenwirkung nicht auf. Die Stoffgruppe ist besonders bei Patienten mit metabolischem Syndrom indiziert, da sie das Neuauftreten eines Diabetes mellitus in Studien reduzierte. Zudem können AT1-Antagonisten wie ACE-Hemmer die Progression bestehender Nierenerkrankungen verlangsamen.

Eine Niereninsuffizienz stellt hingegen eine Kontraindikation für Diuretika dar. Unter Thiaziden können auch die Serumlipide ansteigen; ihnen wird eine diabetogene Wirkung zugeschrieben, so dass Thiazide bei diabetischer Prädisposition vermieden werden sollten. Ansonsten sind sie bei älteren Patienten und bei Herzinsuffizienz indiziert und gut verträglich.

Kommt ein Patient mit einem Rezept über einen α-Blocker in die Apotheke, ohne dass er an einer benignen Prostatahyperplasie leidet, sollte Rücksprache mit dem Arzt gehalten werden, da die Substanzklasse nicht mehr empfohlen wird, sagte Diers. Auch bei bestehenden Kontraindikationen sollte der Apotheker direkt mit dem Arzt sprechen und ihm Alternativen vorschlagen. Ein gutes Fachwissen sei für die Pharmazeutische Betreuung des Patienten essenziell, führe zu höherer Akzeptanz bei den Ärzten, starker Kundenbindung und größerer Zufriedenheit im Beruf.

 

Zurück zur Übersicht

 

Top

© 2003 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa